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So überführten Gen-Detektive den Kinderschänder

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Fahndung im Labor: Hier wird eine DNA-Probe vorbereitet.
Fahndung im Labor: Hier wird eine DNA-Probe vorbereitet. © dpa

Auch ohne sein freiwilliges Geständnis wäre der Sexualstraftäter Markus H. (26) in Kürze von der Polizei entlarvt worden.

Winzige DNA-Spuren an der Kleidung seiner Opfer waren monatelang die einzigen Hinweise auf die Identität des Mannes, der am 10. November 2007 in der Siedlung am Ackermannbogen (Olympiapark) ein Geschwisterpaar (7 und 5 Jahre) missbrauchte. Seit Montag erst weiß die Polizei, wer dieser Mann ist. Der pädophil veranlagte Rettungssanitäter hatte sich mittags freiwillig dem Kommissariat 15 gestellt. Er war bereits im Sommer im Internet wegen der Beschaffung kinderpornografischer Filme aufgefallen, wurde nun per richterlicher Anordnung zum Speicheltest gezwungen. Da gab er auf. Es wäre ohnehin nur noch eine Frage der Zeit gewesen, dass er beim DNA-Abgleich aufgeflogen wäre.

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Voraussetzung für solche Erfolge ist eine gute Spurensicherung. Bei Sexualdelikten wie diesen haben Kriminaltechniker gute Chancen, am Tatort, am Körper oder an der Kleidung des Opfers DNA-Spuren des Täters zu sichern. So war es auch im Fall der missbrauchten Kinder. Ihre gesamte Kleidung wurde bereits kurz nach der Tat in Plastiktüten gesteckt und ins Sachgebiet Medizin/Serologie des Bayerischen Landeskriminalamtes geschickt.

Der Molekurlarbiologe Dr. Albert Winklmair ist einer von insgesamt 28 Fachleuten, die täglich im LKA-Labor auf die Jagd gehen. Ihre Beute: Menschliches Zellmaterial. Bevor sie mit speziellem Licht, Enzymen und Lupen auf die Suche gehen, verschaffen sich erst einen detaillierten Überblick über den Fall. Winklmair: „Ich muss wissen, ob ich es mit Täter- oder Opferkleidung zu tun habe, ob der Täter das Opfer beispielsweise am Kragen gepackt oder ihm die Kleidung heruntergerissen hat. Auch Farbe und Material des Stoffes spielen eine Rolle. Und dann werden Zellen gesucht: „DNA fliegt ja nicht durch die Luft. Sie ist in Zellen gebunden – selbst in geringsten Spuren von Blut, Sperma, Speichel, im Abrieb von Haut oder Lippen.“ An welchen Stellen die Spuren gesichert wurden, spielt später in der Bewertung des Falles vor Gericht eine möglicherweise entscheidende Rolle. Auf der Schulter oder am Ärmel hat die DNA eines Sexualtäters eher weniger Aussagekraft. Sie könnte aus einer zufälligen Berührung in der U-Bahn oder im Supermarkt stammen. Befindet sie sich jedoch am Innenfutter einer Jacke oder an der Unterwäsche des Opfers, hat diese Spur in der Kette der Beweise höchste Relevanz.

Erfolgversprechende Stoffpartien werden je nach Eignung ausgeschnitten, abgeklebt oder abgerieben. Im Reagenzglas werden die Zellen aufgelöst und die DNA herausgelöst. So beginnt die aufwendige, mehrstündige technische Prozedur, an deren Ende jenes Identifizierungsmuster entsteht, dass statistisch gesehen kein zweiter Mensch mehr hat auf der Welt. Am Ende steht ein Code, der in der Regel aus acht Zahlenpaaren besteht. Probenreste werden asserviert – ebenso wie die Spurenträger (Kleidung, Tatwaffen, Zigarettenkippen, Gläser etc.). Albert Winklmair: „Damit könnten wir die Prozedur wiederholen, falls sich später neue Ansätze ergeben sollten.“

Der Code wird nun weitergegeben ans Sachgebiet 534 – die DNA-Analyse-Datei. Dort haben Leiter Konrad Wolf und seine Mitarbeiter Zugriff auf die Zentrale Datenbank im Bundeskriminalamt, in der zur Zeit 596 000 Personen und 141 000 Spuren erfasst sind. Wolf: „Wenn ich den Zahlencode eingegeben habe, sehe ich meist schon nach Sekunden, ob es eine Übereinstimmung mit bereits registrierten Menschen oder Spuren gibt.“ Um Irrtümer auszuschließen, muss ein zweiter Kollege aus dem Labor die Werte vergleichen.

Erst nach dieser letzten Prüfung wird Wolf die zuständige Kripo darüber informieren, dass es einen Treffer gab. Ab diesem Zeitpunkt sind für identifizierte Täter die Tage in Freiheit gezählt – wie eben für Markus H., der seit Dienstag in U-Haft sitzt.

Quelle: tz

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