Familiendrama endet fast tödlich

Oliver S. sticht Vater nieder - er wollte die Mutter vor Prügel schützen

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„Er war doch mein Papa“: Oliver S. bereut vor Gericht, dass er seinen Vater mit dem Messer verletzte.

Im Streit zwischen seinen Eltern geht Oliver S. auf seinen Vater los und sticht mehrmals auf diesen ein. Nun muss er sich vor Gericht verantworten. Das Opfer verzeiht ihm.

München - Als er seine Mutter am Boden sah - vom eigenen Vater verprügelt -, da hielt es Oliver S. (20) nicht mehr aus. „Ich nahm das Messer und stach auf ihn ein“, sagt S. vor Gericht aus. Laut Anklage ging die 30-Zentimeter-Klinge durch die Brust in die Lunge. Der Notarzt konnte Natse S. gerade noch das Leben retten. Sein Sohn muss sich jetzt wegen versuchten Mordes verantworten.

„Ich wollte ihr eigentlich nur helfen“, sagt Oliver S., der die Tat zugibt. Seit drei Jahren sei der Vater immer wieder gewalttätig geworden, zu Hause an der Zenettistraße gab es oft Streit, weil Natse S. eine neue Frau hatte. Am 28. November 2016 eskalierte der Streit schließlich - und wurde zum blutigen Familiendrama. Oliver S. war gegen 22 Uhr zum Rauchen auf dem Balkon, als Natse S. der Mutter in den Bauch trat. Als Oliver S. schlichten wollte, beschimpfte der Vater ihn laut Anklage als Hurensohn und schrie: „Du bist nicht mehr mein Kind.“

Oliver S. „weiß nicht mehr, wo ich ihn getroffen habe“

Das war zu viel für den Sohn. „Ich war plötzlich wie abgeschaltet“, sagt er. Er ging in die Küche, um ein Messer zu holen. „Als ich zurück kam, habe ich nur die Hand ausgestreckt. Er stand nicht weit entfernt. Ich weiß nicht mehr, wo ich ihn getroffen habe.“ Die Narben zeigen es aber deutlich: Mehrere Zentimeter tief drang die Klinge oberhalb des rechten Schlüsselbeins ein. „Es bestand Lebensgefahr“, sagt der Staatsanwalt.

Nach der Attacke schleppte sich Natse S. schwer blutend aus der Wohnung. Zufällig kam auf der Straße ein Kinderarzt vorbei und leistet Erste Hilfe - sonst wäre der Vater wohl gestorben. Noch in der Zenettistraße brach er zusammen und musste in die Klinik. Mit schweren Verletzungen lag er wochenlang auf der Intensivstation. „Ich habe ihn verletzt, aber ich wollte ihn nicht töten“, sagt Oliver S.

Sohn kann monatelang nicht über Tat sprechen

Mehrere Minuten lang geht es am Landgericht um die Frage, wie S. genau zugestochen hat. Offenbar hat er das verdrängt. „Er konnte monatelang nicht über die Tat sprechen“, sagt Verteidigerin Christina Keil. Oliver S. ringt um Fassung. „Ich wusste gar nicht, wie schwer es ist, einen Menschen zu verletzten. Er war doch mein Papa. Ich habe ihm sehr wehgetan. Es tut mir so leid“, sagt er weinend. „Bei aller Liebe“, antwortet Richter Stephan Kirchinger, der diese Version anzweifelt. „Auch als 19-Jähriger weiß man doch, wie gefährlich ein Stich mit einem Messer sein kann.“

Doch Oliver S. schüttelt den Kopf. „Nein. In diesem Moment nicht.“ Beim ersten Stich habe er sich keine Gedanken gemacht. „Als ich das Blut sah, habe ich mich dann erschreckt. Ich dachte nur, dass mein Vater wohl sterben wird.“ Sein Bruder nahm ihm schließlich das Messer ab. 15 bis 20 Sekunden seien da schon vergangen gewesen. „Ich hätte weiter auf ihn einstechen können“, sagt Oliver S. „Aber das wollte ich gar nicht.“ Ihm sei es nur darum gegangen, den Streit zu beenden.

S. droht nun eine Haftstrafe nach dem Jugendrecht. Der Prozess wird allerdings erst im September fortgesetzt, denn Richter Kirchinger hat sich das Handgelenk gebrochen. Am Dienstag verhandelte er in Gips, an diesem Mittwoch wird er operiert. Verheilt ist scheinbar auch das Verhältnis zwischen Oliver S. und seinem Vater. „Ich liebe ihn weiterhin und er mich auch“, sagt der Angeklagte.

Andreas Thieme

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