Für Solidarität, gegen Atomkraft

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Gegen Atomkraft demonstrierten gestern Abend Münchner Bürger am Karlsplatz.

München - Die Katastrophe in der Heimat hat auch die japanische Gemeinde in München geschockt. Ganz japanisch übt man sich aber in Disziplin.

Von öffentlichen Zeichen der Trauer ist am Montag am japanischen Konsulat am Karl-Scharnagl-Ring noch nichts zu sehen. Keine Blumenkränze, kein Kondolenzbuch.

Man warte auf Anweisungen des japanischen Außenministeriums, sagt die Konsulin Yoshie Frnaki. Wann und ob es überhaupt ein Kondolenzbuch gebe, sei unklar. Auch auf der Website des Generalkonsulats ist erst auf den zweiten Blick eine Notiz zu der Katastrophe zu finden.

Die Sorge manifestiert sich vor allem über das Telefon. Seit Freitag haben Dutzende Menschen im Konsulat angerufen, um sich über die Situation Verwandter oder Bekannter im Katastrophengebiet zu informieren. Das Konsulat kann kaum helfen, verweist auf die Online-Datenbank des Internationalen Roten Kreuzes, in der Vermisste eingetragen werden. Betroffene können sich dann beim Roten Kreuz melden und ihren Status von „vermisst“ in „lebend“ ändern lassen. So haben Angehörige die Möglichkeit, nach Lebenszeichen ihrer Familien zu suchen.

Seit das Telefonnetz in Tokio und anderen Ballungsgebieten Japans wieder weitgehend funktioniert, hat die Zahl der besorgten Anrufer im Konsulat abgenommen. „Sendai ist noch schwer zu erreichen“, sagt Frnaki, „hier hilft vielleicht die Datenbank der Vermissten weiter.“

„Man hat den Eindruck, dass die Tragödie sehr gefasst aufgenommen wird“, sagt der Grünen-Landesvorsitzende Dieter Janecek. Er hat gestern mit Parteifreunden das Konsulat besucht, um Anteilnahme zu zeigen. „Diese Gefasstheit der Japaner ist eine bewundernswerte Haltung“, sagt Janecek. Die Menschen seien aber auch bedrückt. Janecek ist wichtig, dass die Tragödie in Japan nicht von Atomgegnern instrumentalisiert wird. Trotzdem müsse die Debatte um einen Stopp der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke in Deutschland weitergeführt werden. „Die Folge sollte sein, dass wir so schnell wie möglich aussteigen“, fordert Janecek. Teilweise hat Bundeskanzlerin Angela Merkel dem gestern schon entsprochen und die Laufzeitverlängerung fürs Erste eingefroren.

Am Abend versammelten sich mehrere hundert Menschen am Karlsplatz, um Solidarität mit der japanischen Bevölkerung zu zeigen und den Atom-Ausstieg zu fordern. Freilich war die Kundgebung „schon vor den Ereignissen in Japan geplant“, wie Martin Glöckner, Geschäftsführer des Veranstalters „Green City“, betont. Aufgrund der aktuellen Lage stehe das Demonstrieren auch nicht im Vordergrund.

„Wir wollen der Opfer in Japan gedenken.“ Dazu wurde eine Schweigeminute abgehalten. „Unsere Gedanken sind bei den vielen tausenden Menschen in Japan, die von einer der schlimmsten Naturkatastrophe der Geschichte betroffen sind“, sagte auch Münchens SPD-Vorsitzender Hans-Ulrich Pfaffmann. Die SPD hatte spontan ihre ursprünglich geplanten Vorstandssitzungen abgesagt und an der Kundgebung teilgenommen.

Verunsicherung herrscht auch bei so manchem Münchner. Beim Umweltinstitut München häufen sich die Anfragen über eine mögliche Gefährdung durch Radioaktivität. „Es rufen unglaublich viele Leute an“, sagte Vorstandsmitglied Christina Hacker, „unsere Leitungen sind mehrfach belegt“. Das Institut gibt allerdings Entwarnung: In der Münchner Außenluft und auch in Lebensmitteln sei keine erhöhte Radioaktivität festzustellen. „Möglicherweise kann da noch was kommen“, schränkt Hacker ein. Das hänge von der Wetterlage ab. Momentan sei es aber nicht notwendig, beispielsweise Jodtabletten zu kaufen. „Viele haben wohl noch die Situation von Tschernobyl im Kopf“, betonte Hacker. Die Reaktorkatastrophe in der Ukraine im Jahr 1986 führte auch in Bayern zu erhöhter radioaktiver Strahlung. „Diese Größenordnung erwarten wir nach dem Unfall in Japan aber nicht“, beruhigt Hacker.

Moritz Homann

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