Tempo 30! Diese Krach-Viertel sollen leiser werden

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Züge, Autos, Laster: Laut der Lärmkarte muss jeder sechste Münchner zu viel Lärm ertragen. Kommt darum Tempo 30 auch an Hauptstraßen?

München - Der grüne Umweltreferent Joachim Lorenz will am Mittwoch seinen Lärmminderungsplan vorlegen – und schlägt dabei auf einigen Hauptstraßen Tempo 30 vor! Wir zeigen, welche Viertel betroffen sind.

„Das geht gar nicht“, sagt sogar Ingo Mittermaier, der umweltpolitische Sprecher vom großen roten Koalitionspartner. Der rot-grüne Motor stottert wieder. Darum wollen die Parteien das Thema vertagen.

Dabei haben viele Münchner Grund zur Klage über Krach: Bis zu 59 Dezibel sind den Menschen laut Gesetz in Wohngebieten an neuen Straßen zumutbar. Doch nach den Messungen und Berechnungen der Stadt plagt rund jeden sechsten Münchner mehr Radau, drei Prozent müssen sogar mehr als 70 Dezibel Dauerkrach in ihren Wohnungen verkraften. Das entspricht einem Staubsauger in einem Meter Entfernung. Weil dieser Lärm krank machen und zum Beispiel Herzinfarkte und Schlaganfälle auslösen kann, verpflichtet die EU die Städte, die Grenzen einzuhalten. Jetzt legt das Umweltreferat seinen Aktionsplan dazu vor.

Zum einen will die Stadt grundsätzliche Maßnahmen für ganz München angehen – etwa die grüne Welle verbessern, den Mittleren Ring untersuchen und Lkw draußen halten. Zum anderen hat sich eine Arbeitsgruppe die 24 lautesten Abschnitte in der Stadt vorgenommen, um Vorschläge gegen den Krach zu machen, die aber immerhin einer ersten Prüfung standgehalten haben (siehe unten). Einer der wichtigsten Schritte: Tempo 30 an vielen Stellen – etwa in Brudermühl-, Lindwurm- und Rosenheimer Straße!

Während die Grünen zustimmen, protestiert die SPD. „Die Lärmreduzierung ist für Anwohner kaum wahrnehmbar“, ärgert sich Mittermaier. „Da lügt man sich in die Tasche.“ Das Limit wäre günstig zu haben, würde aber nur der EU dienen. Anders beim Flüster­asphalt: Der ist teuer, halbiert aber laut Mittermaier den Lärm­eindruck. Das Thema soll zunächst weiter verhandelt werden.

D. Costanzo

1. Tegernseer Landstraße: Eigentlich ein Wahnsinn – hier liegen die Wohnhäuser direkt am achtspurigen Mittleren Ring mit 131 000 Autos und Lkw am Tag. In der Spitze gibt’s 83 Dezibel – trauriger Rekord in der ganzen Stadt! Ein Teil der Anwohner hat bereits Schallschutzfenster erhalten. Jetzt wird beim „Handlungsprogramm Mittlerer Ring“ ein Tunnel geprüft.

2. Landshuter Allee: Noch schlimmer – hier sind am Mittleren Ring sogar 153 000 Wagen pro Tag unterwegs, die den Anwohnern laut Messungen aber nicht ganz so laut in den Ohren dröhnen – 78 Dezibel. Auch dieser Abschnitt wird im „Handlungsprogramm“ untersucht.

3. Chiemgau­straße West: Ein weniger befahrener Teil des Rings, dafür mit mehr Anwohnern. Zwischen Balanstraße und Pfälzer-Wald-Straße liegt seit 2009 bereits ein Flüster­asphalt, der – so der Vorschlag – bis zur Tegernseer Landstraße verlängert werden könnte.

4. Lindwurm-, Kapuziner-, Herzog-Heinrich-Straße: Fast so laut wie am Mittleren Ring, weil die vierspurigen Straßen durch Wohngebiete führen. Die Stadt will darum Tempo 30 nachts in der Kapuzinerstraße prüfen, wobei aber auch negative Wirkungen auf den Verkehrsfluss und die Bus-Pünktlichkeit abgewogen werden sollen.

5. Paul-Heyse-, Schwan­thalerstraße: Bis zu 30 000 Autos kreuzen sich hier in jede Richtung. Vorschlag: Tempo 30 nachts auf der Schwanthalerstraße. Zusätzlich könnten Schallschutzfenster dazukommen.

6. Gabelsberger-, Theresienstraße: Beide Einbahnstraßen übernehmen die Funktion einer Hauptstraße. Die Stadt prüft, die Regelung in der Gabelsbergerstraße aufzuheben. Dann könnte Tempo 30 folgen!

7. Frankfurter Ring, Schleißheimer Straße: Bis zu 40 000 Fahrzeuge am Tag – darunter 4000 Laster! Die Stadt prüft den Vorschlag eines Gutachters, auf dem Frankfurter Ring nachts für Lkw die Geschwindigkeit auf 30 Stundekilometer zu reduzieren.

8. Rosenheimer Straße Nordwest: In dieser Ein- und Ausfallstraße will die Stadt den Radverkehr verbessern – das Gebiet gilt als eines der wichtigen Projekte. Dabei könnte Tempo 30 ganztags für Autos folgen.

9. Humboldt-, Pilgersheimer Straße: Die 30 000 Autos am Tag machen fast so viel Krach wie am Mittleren Ring. Darum erwägt die Stadt Tempo 30 nachts.

10. Brudermühlstraße: Hier überlegt die Stadt den Verkehr zwischen dem Tunnel und der Schäftlarnstraße ganztägig auf Tempo 30 zu bremsen – und das auf dem Mittleren Ring!

11. Landsberger Straße: Neben den 39 000 Autos plagt die Tram die Nachbarn. Harte Tempolimits kommen nicht in Frage und Gleise auf einem leiseren Rasenbett wären zu teuer.

12. Müllerstraße: Die Hauptachse der Tram – 675 Züge rattern hier täglich durch! Die Stadt empfiehlt weitere Maßnahmen gegen das nervige Kurvenquietschen. Außerdem könnten Schallschutzfenster helfen.

13. Orleansstraße: Hier liegt bereits Flüsterasphalt. Da weitere aktive Schritte nicht in Frage kommen, könnten nur noch Schallschutzfenster helfen.

14. Innsbrucker Ring, Leuchtenbergring, Ampfingstraße: Bis zu 77 000 Fahrzeuge verkehren hier auf dem Mittleren Ring. Wenn die Untersuchungen auf den Teststrecken günstig ausfallen, schlägt die Stadt auch hier Flüsterasphalt vor.

15. Candidauffahrt, Pilgersheimer-, Hans-Mielich-Straße: Mit 80 Dezibel die zweitlauteste Strecke der Stadt. Auch hier könnte ein lärmarmer Fahrbahn­belag Abhilfe schaffen.

16. Auen-, Wittelsbacher-, Ehrengut-, Isartalstraße: An der Isar-Achse kann es mit bis zu 75 Dezibel ganz schön laut werden. Darum schlägt die Stadt Tempo 30 zumindest nachts vor.

17. Rosenheimer Straße Südost: Hier könnten laut Stadt nur Schallschutzfenster helfen.

18. Grünwalder Straße, Tegernseer Landstraße: Auch entlang des Grünwalder Stadions sehen die Lärmschützer ihre Händen gebunden – obwohl am Tag 43 000 Wagen vorbeirauschen.

19. Schwanseestraße: Die Ein- und Ausfallstraße im Südosten der Stadt benutzen täglich bis zu 16 000 Wagen, darunter neun Prozent Laster und zusätzlich die Tram. Die MVG prüft eine Verlegung der Zufahrt zur Tram-Werkstatt in der Ständlerstraße – dazu soll Tempo 30 nachts für Lkw Lärm-Linderung leisten.

20. Lindwurmstraße Südwest: Vielleicht die härteste angedachte Maßnahme: Die Stadt bewertet die Lindwurmstraße als Hauptein- und Hauptausfallstraße, prüft aber die Verlangsamung des Verkehrs. Tempo 30 zwischen Pocci- und Plinganserstraße werden diskutiert.

21. Kapuzinerstraße Südost: Hier sieht man keine Hand­habe gegen den Lärm von bis zu 75 Dezibel.

22. Innsbrucker Ring Süd: Auch in diesem Bereich des Mittleren Rings mit bis zu 64 000 Autos am Tag erwägt die Stadt einen Flüsterasphalt – sofern die Tests positiv ausfallen.

23. Chiemgaustraße Ost: Nachdem hier zum Teil schon Flüsterasphalt liegt, sieht die Stadt nur die Möglichkeit, Schallschutzfenster einzubauen, um den bis 53 000 Autos am Tag zu trotzen.

24. Tegernseer Landstraße Süd: Untersucht wurde der Abschnitt über den McGraw-Graben bis zur Autobahn A 995: 69 000 Fahrzeuge rollen hier durch. Den 76-Dezibel-Lärm kann nur ein lärm­armer Fahrbahnbelag mindern – wenn der vorhandene Asphalt einmal erneuert werden muss.

DAC

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