Er zog sich für die Kunst aus

Nackt? Ganz im Gegenteil!

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Wie es sich anfühlt, sich für die Kunst auszuziehen? Gar nicht so nackt, wie er vorher vermutete: Unser Reporter Barnabas Szoecs war bei der Kunstinstallation von Spencer Tunick dabei.

München - Es war keine Aktion für Gschamige: Rund 1700 Menschen zogen sich am Samstag in München für den Fotokünstler Spencer Tunick aus und ließen sich nackt ablichten. Unser Reporter Barnabas Szoecs ließ auch die Hüllen fallen.

Es ist etwa 4.14 Uhr, als ich innerhalb einer Millisekunde die heroische Entscheidung treffe, meinen rot-nackten Triumphzug durch München anzugehen. All die Zweifel, all die Scham, all die "nackten" Ängste vor diesem entblößenden Augenblick?... Ich lasse sie souverän hinter mir, wie ich es letztlich auch mit meiner gesamten Kleidung mache, als sich die rote Menschenmenge, inklusive mir, in Bewegung setzt...

So oder so ähnlich hätte mein Erlebnis mit Foto-Künstler Spencer Tunick bestenfalls ablaufen sollen... Leider aber muss ich gestehen, dass der Mut zu nackten Tatsachen letztlich nicht von mir ausging, sondern von zwei kleinen Worten und etwa 1000 wildfremden Menschen...

Dabei hatte ich mir den Ablauf der Veranstaltung etwas anders ausgemalt, als ich mich am Samstag, Punkt drei Uhr, also mehr als eine Stunde vor meinem Striptease, am Marstallplatz einfand, um Teil seiner Nackt-Installation "The Ring" zu werden.

Die Tatsache, dass es sich beim Shooting um Motiv-Elemente aus Richard Wagners "Ring der Nibelungen" handeln sollte, hielt ich - völlig zurecht übrigens - für nebensächlich. Umso wichtiger, geradezu Prioritätsstufe 1, hatte meine g'schamige Haltung zu Nackheit in der Öffentlichkeit. Einzig der Mini-Hinweis der Organisatoren, eine komplette Entblößung wäre nur für "kurze Zeit", hielt mich von einem Rückzieher ab. Jedoch hatte ich meine Rechnung ohne Meister Tunick und seine künstlerischen "Freiheiten" gemacht...

Für die Kunst: München strahlt in Nackt, Rot, Gold

Für die Kunst: München strahlt in Nackt, Rot, Gold

Nach dem Check-In am abgesperrten und zweigeteilten Marstallplatz erhalte ich eine weiße Dose mit roter Körperfarbe und ein flüchtiges Lächeln eines der Helferin, bevor ich mich hinter eine Absperrung begebe. Eine spontane Flucht scheint nahezu unmöglich. Ich schiele auf die gegenüberliegende Seite des Platzes, wo die "goldene" Fraktion ebenfalls kribbelnd auf weitere Instuktionen wartet. Eine Stunde vergeht, die Sonne ist noch nicht zu sehen, und mich beschleicht das ziemlich unberuhigende Gefühl, dass ich nicht der einzige Ahnungslose im Kreis der 18 bis 80-Jährigen bin. Während der eine Teil der wartenden Menge angespannte Stille versprüht, philosophieren andere seelenruhig über die Frage, warum nun Miroslav Klose vor Mario Gomez den Vorzug in der DFB-Startelf bekam. Ich werde nervöser.

Keine Körperstelle durfte ohne Farbe sein: Barnabas Szoecs musste auch seine Haare rot anmalen.

Dann wird es aber ernst: Tunick taucht auf, steigt leger gekleidet auf eine Leiter und jagt ein kräftiges "Good Morning" durchs Megafon. Die Leute jubeln, verstummen aber schnell wieder, als der Meister verkündet, die Farbe müsse auf dem gesamten Körper, inklusive Haare und Fußsohlen, aufgetragen werden. Sein Ton klingt alles andere als spaßig, eine helle Stelle am Körper, so Tunick, könne für jeden den Rauswurf aus der Installation bedeuten. Das hat gesessen, einige verlassen den Platz. Ich bleibe, will es durchziehen. Schließlich brüllt er ein imperatives "Jetzt ausziehen". Mein Blick in die sich ausziehende Menge genügt, meine Wandlung beginnt, muss beginnen. Drei Sekunden später ist alle Anspannung verflogen. Wie sich vollsauende Kinder schmieren sich Freunde und wildfremde gegenseitig den Rücken ein, auch ich werde von knallroten Händen berührt, höflich auf freie Stellen hingewiesen. Ob das Zeug problemlos wieder runterkommt? Ob ich davon Ausschlag bekomme?

Egal, Odyssee beginnt. Von wegen "Nackt für kurze Zeit". Unsere Wanderung führt uns durch den Hofgarten zur abgesperrten Ludwigstraße. Der surreale Anblick ähnelt einer gewaltigen Schar grellroter Taschenkrebse, die einen Strand verfärben. Manch angetrunkener Fußball-Fan könnte uns wommöglich für einen Nudisten-Fanclub des FC Bayern halten. Egal, die Stimmung ist prächtig, das klebrige Zeug auf Bäuchen, Füßen, Busen, Gesichtern, Schenkeln und Hintern lässt die Nackheit vergessen.

Wahrscheinlich fühlen sich die angezogenen Passanten wesentlich unbedeckter als wir. Für Verunstimmung kann nicht einmal der oftmals leicht schroffe Tunick sorgen: Lange Liegeposen auf dem kaltem Asphalt fördern witzige Zwischenrufe der lebenden Kunstwerke hervor. Längeres Warten in der Residenzstraße führen zu Shopping-Ausflügen der roten Nackerten. Bei der neanderthaler-ähnlichen Optik der "Roten Gemeinschaft" überkommt mich ab und an sogar das archaische Gefühl, die Meute könnte ausbrechen, die Innenstadt verwüsten und ganz München unter seine Herrschaft bringen. Ich jedenfalls merke das Fehlen von Textilien während der gesamten fünf Stunden des Shootings nicht, welches am Max-Joseph-Platz mit der Bildung des Rings seinen symbolischen Abschluss findet.

Das Bild des Tages aber liefert nicht Spencer Tunick, sondern zwei Rote Männer, die einem humpelnden Farbgenossen beim letzten Motiv unter die Armen greifen, ihn zu den anderen tragen. Wäre ich um etwa 4.14 Uhr geflohen, hätte ich einiges verpasst.

Barnabas Szoecs

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