Er sperrte Münchens ersten McDonald's auf

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Walter Rettenwender vor dem McDonald’s-Lokal nahe dem Grünwalder Stadion. Der heute 62-Jährige war für die Expansion nach Deutschland zuständig

München - Am Sonntag vor 40 Jahren hat Walter Rettenwender den ersten McDonald's Deutschlands aufgesperrt, in Giesing, oben an der Tegernseer Landstraße. Der heute 62-Jährige erinnert sich an den Start und den Aufstieg.

Vom Anfang weiß Walter Rettenwender noch sehr viel. Dass sie nur sechs Produkte hatten: Hamburger, Cheeseburger, Pommes, Cola, Limo, Kaffee. Dass über den Tischen spießige Keramiklampen mit dem gelben M hingen. Und dass eines Tages mal Firmenboss Ray Kroc aus Chicago nach Obergiesing kam und über das dunkle Ambiente murrte: „Walter, it’s too dark in here.“

Und dass sie damals noch schälten: ganze Kartoffeln für die Pommes. „Es war alles rustikaler“, sagt Rettenwender, „da hat sich vieles getan.“ Seit der Zeit, als Walter Rettenwender am Sonntag vor 40 Jahren den ersten McDonald’s Deutschlands aufsperrte, oben an der Tegernseer Landstraße.

Das sind die zehn wertvollsten Marken

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Ein Salzburger, der den Hamburger zum Münchner machte: Im Leben des heute 62-Jährigen kam alles so, weil er nach seiner Gastronomie-Ausbildung auf einem Schiff anheuerte. Als Steward, Holland-Amerika-Linie. Dort lernte er seine spätere Frau kennen, mit 20 wanderte er zu ihr aus, nach Ohio. Er kam zu McDonald’s, wurde Filialmanager. Und als die Konzernzentrale wegen der Erweiterung in Deutschland einen Muttersprachler suchte, machten sie ihn zum ersten Filialleiter Deutschlands. Auf den Standort für den ersten Laden im Land kamen sie wegen der persönlichen Vorliebe des zuständigen Expansions-Chefs Ed Lifman. „Der Ed mochte München einfach sehr gern.“

Und wie mochte München das neue Essen? „Wir waren exotisch“, sagt Rettenwender. „Der American Way of Life, das war eine neue Esskultur. Viele waren neugierig. Und wenn manche geklagt haben, dass sie jetzt aus der Hand essen müssen, dann habe ich sie gefragt, ob sie bei der Frühstücksbrezn oder der Leberkässemmel Messer und Gabel benutzen.“

Bei der Eröffnung 1971 ließ Rettenwender den Volksschauspieler Maxl Graf das Band durchschneiden. Halb Giesing und ein bissl mehr waren dabei und sagten sich: Wenn schon einer wie der Maxl Graf da hingeht, dann kann es ja nicht so verkehrt sein. Die Münchner kamen auf den Geschmack. Sie liebten es

Die Nachfrage stieg. Immer größere Lastwagen brachten tonnenweise Kartoffeln aus Holland, weil es nur dort die Sorten gab – „Bintje“ und „Merida“ –, die der „Idaho Potato“ am nächsten kamen, aus der sie in Amerika die Pommes schnitzten.

Es eröffneten weitere Filialen in der Stadt: Herzog-Ernst-Platz, Drygalski-Allee, Augustenstraße, Goetheplatz… 1974 kam Köln dran. Rettenwender zog ins Rheinland und konnte dort Willy Millowitsch fürs Durchschneiden des Bandes gewinnen. Der Effekt war der gleiche.

Der Aufstieg war unaufhaltsam. Aber auch die Kritiker wurden lauter und drehten die Burger-Brater immer öfter durch den Fleischwolf. Ab 1977, als Rettenwender deutscher Vorstandschef wurde, stand er manchmal in der Zeitung oder im Spiegel, um sich zu rechtfertigen: wegen schlechter Arbeitsbedingungen, wegen Kontrol­leuren, die heimlich den Lächel-Faktor der Mitarbeiter überprüften… Heute sagt er dazu: „Es ist doch so, dass guter Service bei den Gästen an erster Stelle steht. Und ich wusste immer ganz schnell, ob der Service gestimmt hat und ob die Pommes warm oder kalt waren.“

Das Essen war immer ein großes Thema. Super Size Me hat Rettenwender nie gesehen, den Dokufilm von 2004, in dem der Autor einen Monat nur Mc-Maxi-Menüs konsumierte und elf Kilo zulegte. Aber das verbale Drüberbraten hat er gehört von wegen „zu ungesund“ und „Junkfood“. Dagegen sagt er, dass die Qualität stimmt und sich jeder im Klaren darüber sei, was er bekommt. „Hier kriegst du reinstes Rindfleisch. Woanders weißt du nicht, was drin ist.“

Mit seiner Überzeugungskraft kam Rettenwender oft durch. Er bewegte den damaligen Konzern-Boss Fred L. Turner zur Abschaffung der umweltschädlichen Styropor­packungen („Ich hab g’sagt: ‚Fred, des geht ned, des müssen wir ändern‘“). Er führte 1986 Salat auf den Menütafeln ein und er erfand den Namen „Hamburger Royal“ für den amerikanischen Quarterpounder. „Viertelpfünder klang nicht so gut“, sagt er. „Außerdem war ich damals noch in einem Jägerklub namens Royals. So kam ich auf den Namen.“

1990 kam er auf den Osten, die erste Filiale nach der Wende eröffnete in Plauen. Danach machte sich Rettenwender selbstständig. Heute leitet er mehrere Warenhauscafés und züchtet in seiner Salzburger Heimat Mittersill Kaschmirziegen und Hochlandrinder. Die enden aber nicht im BigMac.

Rettenwender hat sich etwas zurückgezogen nach seinem amerikanischen Traum „vom Schiffssteward zum Burgerboss“. Aber irgendwie wirkt er wie ein Seniorchef – als hätte das Unternehmen, das 1940 von den Brüdern McDonald gegründet wurde, auch seine Idee sein können. „McWalter’s“ ­würde ja auch nicht schlecht klingen…

Florian Kinast

44 000 Tonnen Rindfleisch für 2,69 Millionen Gäste

Knapp 1400 McDonald’s-Restaurants gibt es in Deutschland, weltweit sind es rund 33 000, in München 32. Deutschlandweit kamen im vergangenen Jahr 981 Millionen Gäste, das sind pro Tag 2,69 Millionen – das Doppelte der Bevölkerung Münchens. Beliefert wurden die Betriebe unter anderem mit insgesamt 44 000 Tonnen Rindfleisch, 20 Millionen Eiern und 4,9 Millionen Litern Milch. Und für die Pommes waren 110 000 Tonnen Kartoffeln nötig, die längst als vorgeschnittene Tiefkühlkost in die Filiale kommen. Und nicht mehr zum Selberschnipseln.

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