Nach fast 90 Jahren: Der letzte Tag der „Stawi“

+
Seit Jahrzehnten in der Stawi: Löwen-Fan Roman Wöll im Gastraum der Stadionwirtschaft des Sechzger-Stadions.

München - Hier tanzte der „König von Giesing“, hier wurden Siege bejubelt und Niederlagen beweint. In der Stadionwirtschaft des Sechzger-Stadions waren die Löwen ganz unter sich. Am Freitag hat die „Stawi“ ihren letzten Tag. Nach fast 90 Jahren.

Bei den Sechzgern nennen ihn alle nur den „Löwenbomber“. Axel Dubelowski, der Fanbeauftragte des Vereins. Seit Jahrzehnten ist er beim TSV dabei, und doch gibt es diese Momente, die er nie vergessen hat, weil sie seinen Verein ausmachen. Einer dieser Momente war nach dem legendären Schweinfurt-Spiel im April 1990. Die Löwen hätten noch einen Heimsieg im „Endspiel“ gebraucht, um die bittere Bayernliga-Zeit endlich hinter sich zu lassen. Es kam, wie es bei den Sechzgern so oft kommen musste – es wurde nichts. 3:3-Unentschieden endete die Partie, Schweinfurt wurde Meister. „Nach dem Spiel war in der Stadionwirtschaft kein Ton zu hören, jeder saß an seinem Tisch“, erinnert sich der Löwenbomber. „Dann, eine halbe Stunde nach dem Spiel, fängt einer an zu rufen: Wir kommen wieder, wir kommen wieder!“ Alle hätten eingestimmt, immer lauter und lauter. Ein stolzer Löwen-Moment – und Gänsehaut beim Löwenbomber.

Bilder von der Saisonabschlussfeier der Löwen

Bilder von der Saisonabschlussfeier der Löwen

Für solche Momente liebten die Sechzger die liebevoll „Stawi“ genannte Stadionwirtschaft, einen der weniger werdenden Orte, in denen sich das Löwen-Fansein noch so anfühlt wie in der guten alten Arbeiterverein-Zeit. Am Freitag, 18. Mai, geht es mit der Stawi zu Ende. Zwar konnte der nostalgische Sechzger schon die letzten Jahre nur noch bei Spielen der zweiten Mannschaft an diesem Sehnsuchtsort sein Helles trinken. Aber jetzt verschwindet die Stawi, seit 1925 unter der Haupttribüne untergebracht, endgültig und weicht mit den Stadionumbauten den neuen Kabinen. Bisher weist in den engen Räumen nichts auf modernen Fußball hin. Eher erinnern die einfachen Holzstühle und Tische und die kleine Theke an ein Sportheim auf einem Dorf – in den 70er-Jahren. Jetzt soll auf der neuen Ostkurve eine neue Wirtschaft entstehen, verglast zum Spielfeld hin und als VIP-Raum nutzbar.

Mit „VIP“ hatte die urige enge Stawi nichts gemein, auch wenn sich hier einst durchaus wichtige Personen tummelten. Der legendäre Trainer Karsten Wettberg zum Beispiel, der „König von Giesing“, kam nach den Spielen regelmäßig vorbei – mehr oder weniger freiwillig. Roman Wöll hat seit Jahrzehnten nur eine handvoll Löwenspiele verpasst – Ehrensache, dass er in der guten alten Zeit auch vor und nach den Partien in der Stawi war. „Die Maxi war ein bisserl fester beieinand“, erinnert sich Roman Wöll an die Löwen-Anhängerin, die den „König“ stets abfing. „Die hat ihn reingeschleppt und das ganze Lokal hat geschrien.“ Ein Glaserl Sekt trank er stets mit, so hat sich Wettberg später erinnert. Man war nah dran am Geschehen, rannte auch mal dem Gästetrainer hinterher. „Das ganze Drumherum war Fußball pur“, sagt Wöll. Er ist 57, ein Baum von einem Mann, hat lange schwarze Haare und trägt zur zerschlissenen Jeans eine Lederjacke. Darüber: ein Löwen-Schal aus Seide.

Die besten Zeiten in der Stawi, da sind sich alte Löwen-Fans einig, waren die bitteren Bayernliga-Jahre. Damals ging Roman Wöll um zwölf Uhr ins Löwen-Stüberl am Trainingsgelände, dann bald rüber in die Stawi. „Wenn 20 000 im Stadion waren, hat man zwei Stunden vorher aber keinen Sitzplatz mehr gekriegt“, betont er. Dort gab es noch Schinkennudeln vor dem Spiel. Nach Abpfiff traf man sich wieder und ratschte bis in den späten Abend. „Es war volkstümlich und urig, das fehlt draußen“, sagt Wöll. Draußen, das ist für ihn die Allianz Arena. Er erinnert sich, wie man früher einen Fernseher aufs Autodach stellte und im Freien vor der Stawi der Sportschau frönte.

Innen traf sich mancher Stammtisch, stilecht mit mitgebrachter Tischdecke, zu jedem Heimspiel am gleichen Tisch. An den Wänden hingen bis vor einigen Jahren Mannschaftsposter, Bilder, Wimpel. „Es hatte das Flair eines Museumsstüberls“, sagt Roman Beer, der Chronist des Stadions. In den 20er-Jahren, erzählt er, wohnte der Wirt sogar noch neben der Wirtschaft, in einer eigenen Wirtswohnung.

Der knallhärteste 1860-Saisonrückblick von A bis Z

Der knallhärteste 1860-Saisonrückblick von A bis Z

Nach zwei Stunden mit Roman Wöll auf der Terrasse des Löwen-Stüberls am Trainingsgelände kann man sich sehr gut vorstellen, dass der in eine Wohnung in die Haupttribüne einziehen würde. Präsident Dieter Schneider kommt kurz auf die Stüberl-Terrasse, um den altbekannten Fan mit Handschlag zu begrüßen. Da hat Wöll gerade erzählt, wie sein Bub geboren wurde, ausgerechnet an einem Samstag (Februar 82, Waldhof Mannheim – 1860 1:0) und deshalb erst am Montag beim Verein angemeldet werden konnte. Dass er noch nie in der Säbener Straße war und da auch nie hingehen würde – weshalb er die Hochzeit seines Spezls nur halb miterleben konnte. Und wie er zuletzt nur die zweite Hälfte der Amateure gesehen hat – weil er während der ersten noch bei der B-Jugend war. Heute Abend, so viel ist klar, wird Roman Wöll noch einmal die eine oder andere Halbe in der Stadionwirtschaft trinken.

Felix Müller

Abschiedstage im Sechzger-Stadion

Am Freitag um 18.30 Uhr wird das letzte Spiel von 1860 II vor der einjährigen Umbaupause im Sechzger-Stadion angepfiffen. Gegner in der Regionalliga Süd ist der FSV Frankfurt II. Wer so blau ist, dass er das Champions League-Finale am Samstagabend nicht sehen möchte, findet in der Stadionwirtschaft eine Alternative: Bei freiem Eintritt spielen ab 18 Uhr Bands zum Abschied der „Stawi“, anschließen wird mit DJs gefeiert. Am Sonntag kickt noch einmal die A-Jugend des TSV 1860 (13 Uhr, gegen den SC Freiburg). Hier steht dann wohl endgültig der Sport im Hintergrund. In der Halbzeitpause wird Roman Beer vom Verein der Freunde des Sechzgerstadions erklären, wie die Versteigerung von Rasenstücken und von Inventar aus der Haupttribüne nach dem Spiel ablaufen wird.

Auch interessant

Kommentare