Riem, Freiham, Hirschgarten & Co.

Stadt warnt vor Neubau-Ghettos

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In der Messestadt Riem reihen sich die Betonklötze aneinander.

München - Wohnraum in München ist knapp, die Stadt kommt mit dem Bau neuer Wohnungen kaum hinterher. Offenbar sind in der Eile Fehler passiert - einige Viertel verkommen zu Ghettos.

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Wir sehen eine Neubausiedlung mit schicken weißen Fassaden. Akkurat aufgereiht stehen die Mehrfamilienhäuser im Münchner Osten – fast jedes so groß wie ein Fußballfeld. Fünf Stockwerke ragen in den Himmel, zwölf sind es zur Seite. Zwischendrin werkeln Kräne. Gerade einmal zwei Jahre alt ist dieses Bild von der Messestadt Riem. Hier sollte ein familienfreundlicher Stadtteil entstehen. Geblieben ist ein sozialer Brennpunkt. Und manche sagen sogar: ein Ghetto. „Die städtische Sozialbaupolitik hat in der Messestadt ein Desaster angerichtet, das den Steuerzahler sehr viel Geld im Unterhalt kostet“, sagt CSU-Stadtrat Georg Kronawitter der tz. Bereits im Juni 2012 hatte er einen Antrag im Stadtrat gestellt – um die Fehler aus Riem in zukünftigen Siedlungsprojekten nicht zu wiederholen. Heute stellt Sozialreferentin Brigitte Meier im Stadtrat die Ergebnisse einer Analyse über die Messestadt vor. Ihre Sorge ist, dass „der Stadtteil kippt“.

Die tz dokumentiert die Brennpunkte

Bewohner: Die Stadt spricht von einem bunten Stadtviertel. In Zahlen heißt das: 60 Prozent Migrationsanteil! Von 13 712 Bewohnern (Stand: Dezember 2012) waren 4323 Ausländer, es gab 5024 Deutsche ohne und 4365 Deutsche mit Migrationshintergrund. In der Messestadt leben Menschen aus 111 Nationen, deshalb sind der Ausbau der Migrationsberatung und mehrsprachige Eltern-Kompetenztrainings notwendig. Ende 2011 waren nur 490 Bewohner der Messestadt älter als 64 Jahre.

Wohnraum: Der Anteil der Belegrechtswohnungen für sozial Schwache ist in Riem um 684 Prozent (!) höher als im städtischen Durchschnitt – zum Teil gibt es 75 Prozent geförderten Wohnungsbau. „Der Wert ist sehr kritisch“, sagt Kronawitter. Laut Bericht ist eine ausgewogene Belegung notwendig, „um einer sonst zwangsläufigen Ghettoisierung entgegenzuwirken“.

Armut und Krankheit: Der Anteil der Hartz-IV-Empfänger liegt doppelt so hoch wie der Durchschnitt, die Grundsicherung im Alter sogar dreimal so hoch. Es gibt zudem doppelt so viele Familien mit fünf oder mehr Kindern und „eine hohe Bedürftigkeit vieler Familien, bedingt durch hohe Arbeitslosigkeit und Armut“. Der Anteil der pflegebedürftigen Einwohner ist doppelt so hoch wie der Durchschnitt.

München von oben im Vergleich: 1962 und 2011

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Infrastruktur: Die Anbindung zum Nahverkehr ist gut, der nächste Discounter aber erst in Feldkirchen – Senioren und Kranke stellt das vor Probleme. Die ärztliche Versorgung: „Mangelhaft.“ Es gibt keine Kinderärzte und kaum Allgemeinmediziner, die Hausbesuche machen. Kinder- und jugendpsychiatrische Hilfe ist nicht vorhanden.

Kinderbetreuung: Hier herrscht ein „auffälliger und akuter Platzmangel“: Es gibt keine städtischen Krippen oder weiterführende Schulen. Ein Kindertageszentrum ist geplant, der Ausbau von Betreuungsplätzen aber wichtig, „damit nicht weitere Eltern ihren Arbeitsplatz verlieren, weil sie ihre Kinder nicht unterbringen konnten“, wie es in dem Bericht heißt. Das Jugendzentrum ist überlastet. Auffällig auch: Jeder dritte Krankenhausaufenthalt von Kindern oder Jugendlichen ist durch psychische Probleme bedingt. Eine mögliche Lösung: freie Träger für die Betreuung.

Prognose: Wenn sich nichts ändert, wird die Messestadt verwahrlosen – so das schonungslose Fazit der Studie. Mit ihrer Hilfe soll nun verhindert werden, dass bei der Planung neuer Stadtteile nicht dieselben Fehler wie in Riem passieren. Und Münchens zukünftige Viertel nicht zum Ghetto werden!

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Freiham: Westlich von Aubing wird ein komplett neuer Stadtteil für rund 20 000 Menschen entstehen: Freiham. Geplant sind auch ein neuer Schulcampus, jede Menge grüne Wiesen und Alleen, ein Sportpark sowie neue Arbeitsplätze. Die Tram soll bis Freiham verlängert werden. Auch ein eigener S-Bahnhof auf der Flughafen-Linie S8 mit Zehn-Minuten-Takt soll bis September 2013 entstehen – Stadt und Freistaat investieren hierfür insgesamt zehn Millionen Euro.

Kreatives Arbeiten und Wohnen in Einem: ein Gebäude des geplanten Werksviertels.

Werksviertel: Eines der neuesten Projekte soll auf dem 38 Hektar großen Kultfabrik-Areal entstehen: das „Werksviertel München“. Biszu 900 Millionen Euro soll es kosten und Wohnraum für über 2000 Menschen in rund 1000 Wohnungen bieten. Zusätzlich soll es Räume für Künstler und Gewerbe geben sowie unter anderem ein Hotel und ein Restaurant. Stimmt der Stadtrat Ende 2014 zu, geht’s kurz danach mit dem Bau los.
Hirschgarten: Unweit der neuen S-Bahn-Station – nahe am 40 Hektar großen Hirschgarten – sind jüngst gleich mehrere Neubaugebiete enstanden: Seit 2011 ist das neue Stadtquartier „Am Hirschgarten“ mit 80 Mietwohnungen bezogen. Hinzugekommen ist das Neubaugebiet „In Punkto Hirschgarten“, das sich um ein zwölf-geschossiges Hochhaus gruppiert. Die „Park Lounge Hirschgarten“ bietet 27 Eigentumswohnungen in zwei Gebäuden.

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Andreas Thieme

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