Stadtrat Kronawitter: So kämpft er sich zurück

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Mit seinem Liege-Dreirad fährt Kronawitter durch Trudering und Riem.

München - Georg Kronawitter kämpft sich fünf Monate nach seinem Schlaganfall im Rathaus zurück ins Leben. Die tz traf den Münchner Stadtrat zum Gespräch.

Es muss eine groteske Laune des Schicksals sein, dass es den fleißigsten Stadtrat Münchens ausgerechnet auf der Treppe im Rathaus erwischt. Wenige Stufen unterhalb des Sitzungssaals spürt Georg Kronawitter (60, CSU) das Kribbeln in Arm und Bein. Vom Stadtrat zum Pflegefall – und zurück: Das nimmt er sich vor. Er hat es geschafft!

Unter Dampf stand der Bahn-Freund schon immer: Kronawitter lebt die Politik genau wie sein Vater und dessen Cousin, Alt-OB Georg Kronawitter (SPD). 1993 rückt der junge Kronawitter für die CSU in den Truderinger Bezirksausschuss und steht ihm sechs Jahre vor, bis der promovierte Ingenieur 2008 in den Stadtrat einzieht. Seitdem stellte er 350 Anträge und Anfragen, oft mit Foto-Belegen und Quellen. Wohl unübertroffen.

„Ich hatte nie Burnout oder negativen Stress. Und ich lebe in einer glücklichen Familie“, sagt Kronawitter, seit 33 Jahren mit Gundula (56) verheiratet, sie haben fünf Kinder zwischen 15 und 31 Jahren. Aber den Bluthochdruck, das gibt er zu, den hat er nie behandeln lassen, weil es ihm vor den Tabletten graust …

Dann kommt der 23. Dezember vergangenen Jahres. Für irgendeinen Kleinkram zieht es ihn ausgerechnet am Tag vor Weihnachten ins Rathaus. Und weil er zwischen Terminen eine halbe Stunde Zeit hat, huscht er auch noch in ein Geschäft. Statt sich mal auszuruhen.

Danach steigt er die Rathaustreppen hinauf – und plötzlich fühlt es sich unter seinem linken Fuß wie Schaumstoff an. Sein linker Arm wird pelzig. Doch Kronawitter schweigt.

Erst am Heiligabend zwischen Bescherung und Christmette erzählt er seiner Frau davon, an Weihnachten bläst er in der Messe noch die Trompete. Nach dem Essen geht er ins Krankenhaus. „Wenn ich damals gewusst hätte, was ich jetzt weiß, hätte ich nicht gewartet“, sagt Kronawitter. Sich nicht belügen, Notruf absetzen, lieber einen Fehlalarm riskieren statt die Gesundheit.

Tot. Für immer. Ein daumengroßes Stück Gehirn bleibt im MRT im Rechts der Isar weiß. Kronawitter kommt nach zwei Wochen im Rollstuhl zur Reha nach Bad Heilbrunn. Nach ein paar Tagen will er sich eine Zeitung kaufen. Vom zweiten Stock zum Foyer und zurück braucht er im Rollstuhl eine Stunde. Im Bein kein Gefühl, der Arm hängt herunter. Sein Gehirn verweigert die Kontrolle.

Das lässt er sich nicht bieten. Kronawitter geht mit der Akribie vor, die ihn auch als Stadtrat auszeichnet. „Ich will zurück ins Rathaus“, setzt er sich zum Ziel. Er betet viel in dieser Zeit. Auch die Ärzte machen ihm Hoffnung. Er hat Glück, weil Sprachzentrum und Gleichgewichtssinn nicht betroffen sind. Und er arbeitet am „Neustart im Kopf“, wie das Buch heißt, das er gerade verschlingt. Die Familie gibt ihm Kraft und seine Leistungen lassen ihn nicht verzweifeln.

Nach drei Wochen kann er den Rollstuhl stehen lassen. Ein, zwei Wochen später den Rollator. Man sieht ihm den typischen Schlaganfall-Gang an, aber er wird immer runder. Auch die linke Hand, aus der ihm zunächst alles glitt, wird stärker.

Am 10. März wird er aus der Reha entlassen, am 12. März steht er schon wieder im Rathaus. Die anderen Stadträte bewundern ihn, manche fragen: „Spinnst du? Willst du dich nicht auskurieren?“ Doch Kronawitter weiß, dass er dem Gehirn immer neue Impulse geben muss, damit die intakten Zellen die Arbeit der abgestorbenen übernehmen. Er sagt sich: „Das muss ich einfach machen, damit es weitergeht.“

Er lässt sich therapieren und kauft sogar ein Liege-Dreirad. Er liest viel und arbeitet. „Aber ich beiß mich weniger fest als früher.“ Einst kümmerte er sich um jeden fehlenden Kindergartenplatz in der Nachbarschaft, heute legt er sich mittags in der Stadtratsfraktion aufs Sofa.

„Ich bin nicht der Alte und ich werde es auch nicht mehr werden“, sagt Kronawitter. „Ich bin behindert.“ Aber er arbeitet und führt ein ganz normales Leben. Sein neues Ziel: „Meiner Familie erhalten zu bleiben.“

David Costanzo

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