Kriegsgefangene als Tramfahrer

Stadtwerke arbeiten NS-Geschichte auf

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Französische Kriegsgefangene bei Gleisarbeiten um 1943.

Zwei Historiker beschäftigen sich in einem neuen Buch mit der Geschichte der Stadtwerke. Sie warten mit Kuriosem auf, aber auch mit Erkenntnissen über die Ausbeutung von Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg.

München - Selbst Thomas Mann dokumentiert es. Seine Tony lässt er im Jahrhundertroman „Buddenbrooks“ aus der heutigen Landeshauptstadt schreiben: In München trinke sie mit großem Vergnügen sehr viel Bier, „umso mehr, als das Wasser nicht ganz gesund ist“.

München war in Sachen Infrastruktur lange nicht besonders fortschrittlich.

Die Buddenbrooks spielen zwischen 1835 und 1877. Und im 19. Jahrhundert galt München als eine der schmutzigsten Städte des Kontinents. In den USA gab es sogar Reisewarnungen wegen der katastrophalen hygienischen Zustände. Beamte schlugen Beförderungen aus, um nicht nach München versetzt zu werden. „Wer denkt, dass München in Sachen Infrastruktur immer fortschrittlich war, wird eines Besseren belehrt“, sagt der Historiker Professor Johannes Bähr.

Er hat mit seinem Kollegen Professor Paul Erker ein Buch über die Geschichte der Münchner Stadtwerke (SWM) geschrieben („NetzWerke“, 20 Euro, Piper Verlag). Im Auftrag des kommunalen Unternehmens, aber frei von jeglicher Einmischung, betont Florian Bieberbach, Vorsitzender der SWM-Geschäftsführung, und erläutert den Hintergrund des Auftrags: Der Kommunalversorger sei immer wieder auf die Unternehmensgeschichte – insbesondere in der NS-Zeit – angesprochen worden.

Einen Überblick gibt nun das Buch. Den Durchbruch Münchens zur modernen Versorgungsgesellschaft datieren sie auf das Jahr 1899. An diesem Tag entstanden die beiden ersten städtischen Betriebe für kommunale Versorgung, die Elektrizitätswerke und die Gasanstalt. München verfügte bald über das modernste Wasserversorgungs- und Kanalisationssystem Deutschlands.

Ein Schwerpunkt des Buches: die NS-Zeit. Ab 1933 wurden „alte Kämpfer“ der NSDAP mit Posten im Stadtrat versorgt. 1935 erklärte Adolf Hitler München zur „Hauptstadt der Bewegung“. Nach und nach durchdrangen die Nazis auch die Stadtwerke. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zerstörte die berufliche Existenz von Juden und politischen Gegnern, die bei den Stadtwerken arbeiteten. Jüdischen Bürgern verboten die Nazis die Benutzung der Trambahnen und Bäder.

Hitler zog den Omnibus der Straßenbahn vor, hier treffen beide 1934 aufeinander.

Innerhalb der Stadtwerke waren laut den Historikern vor allem Mitarbeiter der Trambahnen von politischen Säuberungen betroffen. In München gab es einen nationalsozialistischen Stadtrat, der früher bei den Straßenbahnen gearbeitet hatte. Er stellte kommunistische und sozialdemokratische Straßenbahner an den Pranger – weitgehend ungestört durch die übrige Belegschaft: „Couragiertes Auftreten war sehr selten“, so die Historiker.

Wegen Personalproblemen setzten die Nazis gegen Ende des Krieges Kriegsgefangene aus Frankreich und Italien als Straßenbahnfahrer ein. Juden mussten als Wagenwäscher schuften. Jeder kleinste „Verstoß“ – und als solcher zählte schon eine als frech empfundene Antwort – zog drakonische Strafen nach sich, bis hin zur Einweisung ins KZ. In den letzten Kriegsjahren fuhren die Zwangsarbeiter auch in ausländischen Bahnen durch München. Diese waren unter anderem in Rom, Mailand und Oslo von den Nazis beschlagnahmt worden.

Eine der italienischen Trambahnen.

Nach dem Wiederaufbau waren die Stadtwerke zunächst vor allem mit dem Wachstum der Stadt beschäftigt, erschlossen neue Wasserversorgungsgebiete. In den Folgejahrzehnten beschäftigte das Unternehmen die Ölpreiskrise – und auch das wachsende Umweltbewusstsein der Gesellschaft. In den 1990er-Jahren musste aus einer kommunalen Behörde ein funktionierendes Unternehmen gebildet werden, das sich gegen die Konkurrenz behauptet. „Bis heute sind die Schleifspuren zu spüren“ sagt Bähr.

Schwergetan haben sich die Stadtwerke München lange auch mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit. Heute werben sie gezielt um Mitarbeiterinnen. Noch 1978 aber stoppte der Betriebsarzt einen Modellversuch zu weiblichen Lehrlingen in technischen Berufen mit einem Gutachten über die angeblich (zu) kurzen Arme, Beine und Daumen der Frauen.

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