Frischer Wind - So geht's weiter

Stadtwerke-Bosse im tz-Doppelinterview

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Oberboss Kurt Mühlhäuser (69, l.) geht in Rente, Finanzchef Florian Bieberbach (39) übernimmt

München - Bei den Stadtwerken stehen Veränderungen an: Oberboss Kurt Mühlhäuser (69) geht in Rente, Finanzchef Florian Bieberbach (39) übernimmt. Wie geht's weiter? Das tz-Doppelinterview:

Das wichtigste Projekt bleibt die Öko-Wende – mit neun Milliarden Euro für Wind, Sonne und Erdwärme. Die tz sprach mit beiden über Vergangenheit und Zukunft.

H err Mühlhäuser, wenn Sie sich jetzt in den Ruhestand verabschieden, nimmt OB Christian Ude Sie dann im Herbst nach einem Sieg bei der Landtagswahl als Minister ins Maximilianeum mit?

Kurt Mühlhäuser: Ich wünsche ihm, dass er die Wahl gewinnt. Er wird dann aber schon eine Mannschaft haben und kann auf mich verzichten.

Würde Sie das denn nicht reizen?

Mühlhäuser: Wenn ich 30 Jahre jünger wäre, schon.

Was haben Sie dann für Pläne?

Mühlhäuser: Ich habe mehr Ruhe zum Lesen und wesentlich mehr Zeit für Frau, Töchter und künftig auch ein Enkelkind.

Gibt es eine Sache, für die Sie sich künftig engagieren wollen?

Mühlhäuser: Ich werde erst einmal eine Auszeit nehmen und kann dabei in Ruhe überlegen, wo ich mich engagieren will. Auf keinen Fall werde ich eine bezahlte Beratertätigkeit annehmen.

Wie haben Sie es geschafft, die SWM von einer Behörde in ein profitables Unternehmen zu verwandeln?

Mühlhäuser: Wir hatten vor der Umwandlung der SWM in eine GmbH im Jahr 1995 rund 135 Millionen D-Mark Jahresverlust. Es ging darum, die Weichen so zu stellen, dass sich die SWM im Wettbewerb behaupten können. Ein Verkauf der Stadtwerke – wie in vielen anderen Städten – kam für Oberbürgermeister Christian Ude und mich nicht infrage. Hätte mir damals einer gesagt, dass wir einmal ein positives Ergebnis von einer halben Milliarde haben, hätte ich den für einen Träumer gehalten.

So viel verdienen Münchens Bosse!

So viel verdienen Münchens Bosse!

Wie kam es dazu?

Mühlhäuser: Die wichtigste Voraussetzung war die Handlungs- und Gestaltungsfreiheit, die wir mit Änderung der Rechtsform vom Eigenbetrieb in eine GmbH erreichten. Wir konnten damit betriebswirtschaftlich optimieren. Und die neue Stadtwerke- zentrale, die wir Ende 2001 bezogen haben, gab einen Riesenschub. Nachdem wir vorher auf 26 Standorte verteilt waren, konnten wir hier Synergievorteile nutzen. Ganz wichtig war auch: Die Zentrale formte entscheidend den gemeinsamen Unternehmensgeist.

Wie hat sich der Personalstand verändert?

Mühlhäuser: Wir hatten 1995 knapp 11 000 Mitarbeiter. Durch erhebliche Effizienzsteigerungen kamen wir mit rund 7000 aus und waren damit wettbewerbsfähig. Das haben wir ohne betriebsbedingte Kündigungen geschafft. In den letzten Jahren sind wir gewachsen und haben inzwischen rund 8500 Mitarbeiter.

Wie kam die Ökowende ins Spiel?

Mühlhäuser: Die deutsche Politik setzte zunächst auf deutlich effektivere Gas- und Kohlekraftwerke. Auch wir beteiligten uns an einem Projekt, das aber dann wegen stark gestiegener Baukosten nicht realisiert wurde. Gleichzeitig strebten wir bis 2020 einen Anteil von 20 Prozent des Stroms für München aus regenerativen Quellen an. Unsere Ausbauoffensive bei den erneuerbaren Energien war bereits nach kurzer Zeit so erfolgreich, dass wir das Ziel höhergesteckt haben: München soll die erste Millionenstadt sein, die bis 2025 zu 100 Prozent mit Ökostrom aus eigenen Anlagen versorgt wird.

Vielen Bürgern wurde beim Stromausfall bewusst, wie fragil die Energieversorgung ist. Wie sehen Sie die Zukunft?

Mühlhäuser: Auf dem Weg von der Kernkraft zu den Erneuerbaren ist Versorgungssicherheit nur mit modernen, effizienten Gaskraftwerken möglich. Im Augenblick zwingt die Bundesregierung die Kraftwerksbetreiber, alte Anlagen am Netz zu lassen, die aus Emissionsschutzgründen schon längst eingemottet gehören. Neue Anlagen rechnen sich nicht, solange die Politik nicht die notwendigen Rahmenbedingungen schafft.

Herr Bieberbach, jetzt verantworten Sie die Versorgungssicherheit. Was können Sie tun?

Florian Bieberbach: Das wichtigste ist für uns, weiterhin die Infrastruktur in München zu modernisieren und auszubauen, was wir im Bereich von mehreren Hundert Millionen Euro tun werden. Aber natürlich wären wir auch bereit, in neue Anlagen zu investieren, wenn die Bedingungen passen.

Meinen Sie ein eigenes, neues Gaskraftwerk?

Bieberbach: Man könnte bestehende Kraftwerke erneuern oder verstärken.

Wäre die Stadt im Notfall autark?

Bieberbach: Wir könnten einen Notbetrieb aufrechterhalten, das soll aber nicht unser Ziel sein.

Sie erhöhen im neuen Jahr die Preise: Wohin geht die Reise?

Mühlhäuser: Leider deutlich nach oben. Schuld ist vor allem die massive Erhöhung der EEG-Umlage. Auch weil immer weniger sie zahlen müssen. Das ist höchst ungerecht.

Die SWM stecken selbst neun Milliarden Euro in erneuerbare Energien. Wird Ihnen da nicht schwindlig, Herr Bieberbach?

Bieberbach: Nein, wir haben 50 Prozent Eigenkapitalanteil, und die Kredite, die wir in den nächsten Jahren brauchen, haben wir schon aufgenommen.

Bei den Windparks auf hoher See verzögert sich aber die Fertigstellung um Jahre, da verzögert sich auch der Profit …

Mühlhäuser: Unsere Anlagen sind im Zeitplan. Verzögert hat sich der Anschluss durch den Übertragungsnetzbetreiber – beim Projekt DanTysk um einen Monat und bei Global Tech I sogar um 22 Monate. Bei Global Tech I können wir den Strom aber über eine andere Leitung einspeisen.

Bei der Geothermie gab es Nachbohrungen, bei der Solarenergie Probleme mit dem Hersteller. Die Öko-Euphorie scheint verflogen. Herr Bieberbach, erben Sie die Schulden und das Risiko?

Bieberbach: Wenn man so ehrgeizig unterwegs ist, muss man immer wieder mit Rückschlägen rechnen. Insgesamt sind wir aber sehr gut unterwegs und ich bin mir ziemlich sicher, dass mich die meisten Stadtwerkechefs in Deutschland um meine künftige Position beneiden.

Manche im Rathaus hätten gern mehr von Ihrem Erfolg, als die 100 Millionen Euro, die Sie pro Jahr an die Stadt überweisen …

Bieberbach: Wenn die Stadt uns mehr Geld nimmt, müssen wir unsere Infrastrukturvorhaben bremsen.

Mühlhäuser: Mit Gewinnausschüttung, Konzessionsabgabe und Gewerbesteuer erhält die Stadt München jedes Jahr fast 300 Millionen Euro von den SWM – so viel wie keine andere Stadt in Deutschland.

Und trotzdem sollen Sie für die Stadt die Drecksarbeit machen – zum Beispiel die öffentlichen Toiletten …

Mühlhäuser: Man kann darüber reden, wenn die Stadt die Kosten erstattet.

Die SWM müssen selbst erst Mal 770 Millionen Euro für Sanierungen im Nahverkehr ausgeben. Steigen die Fahrpreise noch stärker?

Bieberbach: 770 Millionen sind nur die U-Bahn-Anlagen, Fahrzeuge und Tramnetz kommen noch hinzu. Den ÖPNV finanziert der Bürger teils als Fahrgast über Fahrpreise, teils als Steuerzahler. Die Aufteilung und damit die Fahrpreisentwicklung hängen davon ab, was Bund und Länder künftig finanzieren. Das ist leider derzeit völlig offen.

Werden Sie weiterhin als freiwilliger Feuerwehrmann tätig sein?

Bieberbach: Ja! Für mich ist das ein wichtiger Ausgleich, gerade als Vorsitzender der Geschäftsführung. Hier bin ich nicht Chef, sondern einfacher Arbeiter. Das hilft, die Bodenhaftung nicht zu verlieren.

Johannes Welte, David Costanzo

Die Steckbriefe:

Kurt Mühlhäuser

Geburtstag: 15.12.1943

Sternzeichen: Schütze

Kinder: 2

Wohnort: Olympiadorf München

Schule: Georgii-Gymnasium, Esslingen

Hobbys: Radfahren, Langlauf, Schwimmen

Lieblingsmusik: Bruce Springsteen

Weißwurst zuzeln oder schneiden? Schneiden

Helles oder Weißbier? Münchner Trinkwasser

FC Bayern oder Löwen? SV Olympiadorf-Concordia (seit 38 Jahren

1. Vorsitzender)

Florian Bieberbach

Geburtstag: 19.7.1973

Sternzeichen: Krebs (Glaub’ aber nicht dran)

Kinder: 2

Wohnort: Schäftlarn (Landkreis München)

Schule: Städtisches Luisengymnasium München

Hobbys: Freiwillige Feuerwehr, Bergsteigen

Lieblingsmusik: 80ies, Easy Listening und neue bayerische Volksmusik

Zuzeln oder schneiden? Schneiden

Helles oder Weißbier? Helles

FC Bayern oder Löwen? Keiner

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