Münchner Förderrechte begrenzt 

Wird München bald der Wasserhahn abgedreht? Miesbacher erhöhen Druck auf Stadtwerke

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Die Reisacher Grundwasserfassung im Mangfalltal ist die größte Einzelquelle der Münchner Wasserversorgung. Das Bild zeigt das Sammelbecken. Von hier fließt das Wasser dann weiter in Richtung Landeshauptstadt.

Seit Langem gewinnen die Stadtwerke München Trinkwasser vor allem im Mangfalltal. Jetzt könnten die mehr als 100 Jahre alten Förderrechte vor Gericht landen - erstmals in der Geschichte des Wasserstreits. Denn das Landratsamt Miesbach hat die Altrechte nun teilweise widerrufen.

München - 30 Grad im Schatten, München schwitzt - und löscht seinen Durst auch mit Wasser aus der Leitung. Das kommt zu 80 Prozent aus dem Mangfalltal, Kreis Miesbach. Hier beruft sich die Stadt München auf sogenannte Altrechte: Sie darf Wasser in nahezu unbegrenzter Menge entnehmen und muss keinen Pfennig dafür bezahlen. Schließlich hat sie die wasserführenden Grundstücke Ende des 19. Jahrhunderts gekauft.

Doch nun hat das Landratsamt Miesbach diese Altrechte teilweise widerrufen. Die Behörde konkretisiert im Wasserbuch zum einen, dass das kostbare Nass ausschließlich für die Münchner gedacht sei. Gemeinden im Umland dürften nur mitversorgt werden, sofern deren Versorgung untergeordneten Charakter habe. Derzeit dienen fünf Prozent des Wassers, das aus dem Mangfalltal nach München fließt, der Versorgung von Umlandgemeinden. Sollte dieser Prozentsatz signifikant steigen - eine genaue Grenze definiert die Behörde nicht -, untersagt der Kreis Miesbach den Stadtwerken, das Wasser weiterzugeben.

Florian Bieberbach, Chef der Stadtwerke, muss nun reagieren.

13 Gemeinden beziehen Wasser komplett von Münchner Stadtwerken

„Wir beobachten, wie das Münchner Umland mit hoher Dynamik wächst“, sagt Thomas Eichacker, Umweltabteilungsleiter im Landratsamt Miesbach. „Die Gemeinden im Umland sollten ihre Wasserversorgung im Blick haben, wenn sie Neubau- und Gewerbegebiete ausweisen.“ Momentan beziehen 13 Gemeinden ihr Wasser komplett von den Münchner Stadtwerken, darunter die stark wachsenden Kommunen Garching (ohne Universitätsgelände), Neubiberg und Unterföhring.

Mit der nun geltenden Mengenbeschränkung reagiert das Landratsamt Miesbach auf die Tatsache, dass mehr Münchner ins Umland ziehen als umgekehrt. 2017 waren es laut Statistischem Amt mehr als 25.000. Dagegen zogen nur 17.870 Menschen aus dem Umland in die Stadt - ein Plus von fast 7500 Münchnern zugunsten oder zulasten, je nach Sichtweise - der Region. „Die Altrechte decken ein grenzenloses Wachstum im Speckgürtel von München nicht“, sagt der Miesbacher Landrat Wolfgang Rzehak (Grüne).

Thomas Eichacker befürchtet, dass München immer mehr Wasser will.

Kommerzielle Vermarktung soll verhindert werden

Außerdem konkretisierte das Landratsamt, dass die Wassergewinnung nur dem Allgemeinwohl dienen darf. „Wir nehmen wahr, dass München das sogenannte M-Wasser zu einer Marke aufbaut“, erklärt Thomas Eichacker. Mit Blick auf eine mögliche Liberalisierung des Wassermarktes wolle man deshalb einer kommerziellen Vermarktung von vornherein den Riegel vorschieben.

Komplett widerrufen hat das Landratsamt zudem das Altrecht zur Nutzung eines der vier Kanäle der Reisacher Grundwasserfassung. Dieser Kanal ist zwar schon seit den 50er-Jahren aus hygienischen Gründen außer Betrieb, aber sollten die Stadtwerke ihn je wieder benutzen wollen, geht das nun nicht mehr ohne vorherige Genehmigung. „In der Vergangenheit wurde oft behauptet, die Altrechte seien unbeschränkt, unwiderrufbar und unbefristet“, sagt Eichacker. „Nun stellt sich heraus: Nur unbefristet ist richtig!“

Teilwiderrufsbescheid wird laut Stadtwerken hausintern geprüft

Noch unklar ist, ob die Stadtwerke die Einschränkung ihrer Altrechte widerspruchslos schlucken. „Der Teilwiderrufsbescheid wird derzeit hausintern geprüft. Mehr können wir deshalb noch nicht sagen“, sagt Stadtwerke-Sprecher Michael Solic. Dagegen teilt das Miesbacher Landratsamt mit, die Stadtwerke lehnten den Widerruf ab, mit dem Argument, es könne der Eindruck entstehen, dass die Altrechte gar keine Gültigkeit mehr hätten.

Klar ist: Greifen die Stadtwerke den Widerruf an, landen die Altrechte vor Gericht - zum ersten Mal in der Geschichte des jahrzehntelangen Streits zwischen München und dem Mangfalltal. Dem Landkreis Miesbach käme das nicht ungelegen - er hat nichts zu verlieren: „Das Grundproblem ist: Wir haben die Einschränkungen - und München hat das Wasser“, sagt Eichacker.

Derzeit will München die Wasserschutzmaßnahmen im Mangfalltal verschärfen. Die Stadt Miesbach kann deshalb ein Gewerbegebiet nur in abgespeckter Form bauen - eine Entschädigung bekommt sie dafür nicht. Auch zahlreiche Bauern sind betroffen. Sie müssen strenge Auflagen bei der Viehhaltung beachten.

Wolfgang Rzehak (Grüne), Landrat im Kreis Miesbach, geht in die Offensive.

Hier gewinnt München sein Trinkwasser

Um den Bedarf von 1,5 Millionen Münchnern zu decken, haben die Stadtwerke im Lauf der Jahrzehnte drei Versorgungsgebiete erschlossen. Das Mangfalltal, das Loisachtal und als Reserve die Münchner Schotterebene.

Die Fassungen im Mangfalltal liegen rund 100 Meter über dem Zentrum Münchens. Diese Höhenlage erlaubt es, das gewonnene Wasser in freiem Gefälle, also ohne zusätzlichen Energieaufwand, nach München zu leiten. Die drei Werke liefern mit durchschnittlich 2800 Litern Wasser in der Sekunde einen Großteil der Grundlast und decken damit etwa 80 Prozent des täglichen Münchner Wasserbedarfs. Für den Spitzenbedarf stehen noch zusätzlich die Brunnengruppen Thalham Nord und Thalham Süd zur Verfügung. Sie entstanden 1948 und 1949 und fördern aufgrund ihrer Ausbautiefe Grundwasser aus tiefen Regionen.

20 Prozent des Wasserbedarfs wird durch vier Brunnen zwischen Farchant und Oberau gedeckt

Als Anfang der 1950er-Jahre der Wasserbedarf in der Landeshauptstadt stark anstieg, griff der Stadtrat einen Vorschlag aus dem Jahre 1876 auf, Trinkwasser im Loisachtal zu gewinnen und nach München zu leiten. Vier Brunnen, gebaut 1964/65 zwischen Farchant und Oberau, tragen heute zur Versorgung Münchens bei. Sie decken im Durchschnitt 20 Prozent des Wasserbedarfs der Landeshauptstadt. Im Gegensatz zum Mangfalltal kann sich München im Loisachtal nicht auf Altrechte berufen. Das bedeutet, München muss die Wasserentnahme beim Landratsamt Garmisch-Partenkirchen beantragen - und Bedingungen akzeptieren. Auch hier gibt es Streit, weil München immer größere Wasserschutzzonen ausweist, um den wachsenden Durst zu stillen.

2016 hatte das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen mehreren Kommunen, die von den Münchner Stadtwerken mitversorgt werden, gedroht, den Hahn zuzudrehen. Darunter Neubiberg und Unterhaching. Die Gemeinden sollten sich um eine eigene, ortsnahe Trinkwasserversorgung bemühen. Auch vor diesem Hintergrund stellt der Landkreis Miesbach nun klar, dass er nicht bereit ist, ohne Weiteres einzuspringen.

Die Münchner Schotterebene dient den Stadtwerken nur als Reserve in Spitzenzeiten. Denn ihre Wasserkapazitäten sind begrenzt.

Bettina Stuhlweißenburg

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