Immer mehr Münchner werden Opfer von Stalkern

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Liebeswahn: Für Opfer von Stalkern gerät das Leben aus den Fugen.

München - Stalking ist seit 2007 kein Kavaliersdelikt mehr. Dafür gibt es bis zu drei Jahre Knast. Auch immer mehr Münchner werden Opfer von Stalkern. Lisa erzählt von ihren schrecklichen Erlebnissen:

Rund 450 Fälle im Jahr verzeichnet die Münchner Polizei. Und die Dunkelziffer ist hoch. 85 Prozent der Opfer sind Frauen. Dass Stalking inzwischen strafrechtlich verfolgt wird, ist auch ein Verdienst von Erika Schindecker. Die 58-Jährige war selbst Opfer und gründete vor fünf Jahren den Verein Deutsche Stalking-Opferhilfe (DSOH) – bundesweit der erste dieser Art. Zum fünfjährigen Bestehen hat sie zu einem Podiumsgespräch geladen. Dort erzählte auch Lisa P. von ihren schrecklichen Erlebnissen. Sie ist Opfer eines Liebeswahn-Stalkers.

Das Opfer

Alles fing damit an, dass ein junger Mann die Studentin Lisa P. (Name geändert) im August 2009 in der Bibliothek anspricht und sie um Nachhilfe bittet. Sie lehnt entschieden ab. Seitdem verfolgt der 34-Jährige sie täglich, sogar bis zur Toilette, steht immer in ihrer Nähe, wenn sie sich ein Buch aus den Regalen holt, legt ihr Zettel auf den Tisch. Auf einem steht: „Ich liebe dich.“ Lisa P. ist Opfer eines Stalkers. „Liebeswahn-Stalker“ nennt man solche Nachsteller, die sich eine Beziehung zu einem eigentlich Unbekannten einreden.

Nach einigen Monaten Ruhe werden die Nachstellungen im Januar wieder schlimmer. Rainer S. (Name geändert) verfolgt die Studentin, erfährt ihren Namen über ein auf dem Tisch liegendes Buch. Er spioniert ihren Heimweg aus, weiß wo sie studiert, welche Fakultät sie besucht. Er lässt sich durch laute Ausrufe wie „Lass mich in Ruhe“ nicht abbringen.

Irgendwann bekommt Lisa P. eine E-Mail: „Ich weiß wo du wohnst“, steht darin. Und dass sie es dort schön habe. Da bekommt es Lisa P. mit der Angst zu tun. „Todesangst“, sagt sie heute. Doch die Polizei nimmt ihr Problem anfangs nicht ernst, genau wie ihre Freunde. Ein unerfahrener Beamter sagt ihr sogar, dass die Belästigung ein halbes Jahr dauern muss, damit die Staatsanwaltschaft Anklage erhebt. Eine Hiobsbotschaft für die 27-Jährige. Und eine Fehlinformation, wie Lisa P. später erfährt. „Dann bring ich mich um“, ist ihr erster Gedanke.

Einen Tag später klingelt der Stalker an ihrer Tür. Lisa P. ist starr vor Angst, schreit um Hilfe. „Er hat gelacht“, erzählt die 27-Jährige. Die Münchnerin ruft die Polizei. Endlich kommt es zur Anzeige. Neunmal verstößt Rainer S. gegen die einstweilige Anordnung. Immer wieder sind Briefe von ihrem Verfolger im Briefkasten. Auch die Adresse ihrer Hausärztin und ihrer Eltern findet der Stalker heraus, schickt der Mutter rote Rosen. Lisa P. zieht für 16 Wochen aus ihrer Wohnung aus, wechselt alle Gewohnheiten, spricht immer weniger mit ihren Freunden. „Ich konnte mit niemandem mehr reden“, erinnert sie sich. Sie kann nicht mehr schlafen, nichts mehr essen, verliert ihren Lebensmut. Und hofft nur noch, dass es endlich ein Ende hat.

Erst seitdem das Verfahren gegen den 34-Jährigen läuft, hat der Albtraum aufgehört – zumindest vorerst. Denn die Wiederholungsgefahr ist hoch. „Es gibt Fälle, da ging es nach 20 Jahren weiter“, sagt Erika Schindecker, Vorsitzende der Deutschen Stalking-Opferhilfe.

Lisa P. ist trotzdem froh. „Es ist vorbei“, sagt die Studentin und lächelt. Doch die dunklen Ringe unter ihren Augen, die nervösen Blicke und ihre fahrigen Gesten sprechen eine andere Sprache: Um sich endlich wieder frei fühlen zu können, musste Lisa P. ihr ganzes Leben umkrempeln. Sie musste ihre Wohnung wechseln, ihr Lieblingslokal aufgeben. Sie hat viele Freunde verloren, die sie in der schwierigen Zeit nicht ernst nahmen. Und die Angst wird die junge Frau noch lange nachts wachhalten.

Die Psyche

Scham, Depressionen, Panik, Schlaflosigkeit und Gewichtsverlust. Das sind Folgen, mit denen Stalking-Opfer laut DSOH-Vorsitzender Erika Schindecker kämpfen. Die Auswirkungen für die Opfer sind oft verheerend. Viele ziehen sich zurück, leiden an Nervosität und Angst. Oft kommt es zu Selbstzweifeln: „Warum gerade ich?“ Vor allem das Ausgeliefertsein belastet laut Psychologe Dr. Ralf Schicha die Opfer. Durch die dauernde Erwartungshaltung wird ihnen die Energie ausgesaugt, manche sind apathisch und vor allem misstrauisch. Der dauernde Druck kann Reaktionen wie Aggressionen und ohnmächtige Wut auslösen, auch in Form von selbstzerstörerischen Reaktionen oder depressiven Gemütschwankungen. Bis hin zu Suizid kann das gehen, weiß Hans-Jörg Opel, Mitarbeiter beim Weißen Ring und Vorstandsmitglied in der DSOH.

Hilfe

Erster Ansprechpartner für Opfer von Stalking-Attacken sind neben Vereinen wie dem Weiße Ring (kostenlose Telefonnummer: 116 006) und die DSOH (0800/0800233, kostenfrei) die Opferschutz-Stellen der Polizei. Die Beratungsstelle in München gibt rechtliche und Verhaltentipps (8 bis 11 und 13 bis 15 Uhr, Tel. 2910-4444). Dort kann man auch Strafanzeige erstatten. Die einstweilige Anordnung wird beim Familiengericht beantragt. Sie untersagt dem Täter, Kontakt zum Opfer aufzunehmen. Andrea Kleim von der Opferschutz-Stelle rät, ein Stalking-Tagebuch zu führen. Anrufe sollten notiert, E-Mails gespeichert, Zeugen aufgeschrieben werden. Freunde und Kollegen sollten informiert werden. Wichtig: Keinen Kontakt zum Stalker aufnehmen und konsequent sein!

Für eine Strafanzeige muss eine schwerwiegende Beeinträchtigung der Lebensführung vorliegen. So müssen Opfer zum Beispiel zu ihrem Schutz bereits Maßnahmen getroffen haben. Dies kritisiert Hans-Jörg Opel (Weißer Ring und DSOH). Die Hürden seien zu hoch: „80 bis 90 Prozent der Verfahren werden eingestellt, mit zum Teil haarsträubenden Begründungen“, sagt er. Die Opfer fühlen sich allein gelassen.

Im Internet

Das Cyberstalking ist Stalking im Internet. Das Netz kann den Stalkern als Informationsquelle dienen und als Forum. Diese Erfahrung hat eine Frau gemacht, die sich in einem No-Stalking-Forum „Zuckersuess“ nennt: „Er weiß seltsamerweise alles und ich glaube das er alle meine Nachrichten über studivz, emails, icq, msn, ect. lesen kann, weil er mich ständig auf Sachen anspricht, die nur dort stehen“, schreibt sie. Ein Problem, auf das Datenschützer oft hinweisen. Infos im Internet sind fast nicht auslöschbar. „Die Gefahren, die darin lauern, sind groß“, warnt Konrad Gigler, Kriminaldirektor im Polizeipräsidium München. Viele Menschen geben persönliche Daten zu großzügig heraus, betont er.

Das Problem Internet kennt auch Andrea Kleim. Die Kriminalbeamtin beim Opferschutz wirbt für ein gesundes Misstrauen. „Je mehr man von sich offenbart, desto angreifbarer ist man“, meint sie. Wer gestalkt wird, sollte sich bei Portalen und Verzeichnissen abmelden, rät sie. Im Netz können Stalker ihre Opfer auch ohne viel Aufwand vor breitem Publikum diffamieren, ob mit intimen Fotos, persönlichen Informationen oder einfach Lügen.

Elisa von Grafenstein

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