Stararchitekt Daniel Libeskind plant Synagoge im Lehel

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Entspannt und allürenfrei: Daniel Libeskind besichtigt das Areal Am Gries, auf dem er eine Synagoge bauen will.

München - Allein sein Besuch ist eine Sensation: Stararchitekt Daniel Libeskind aus New York will im Lehel eine Synagoge bauen. Gestern besichtigte er das Wunsch-Areal der liberalen jüdischen Gemeinde, ratschte mit Stadtpolitikern.

Er kündigte an: Seine Synagoge würde ganz anders aussehen, als die am Jakobsplatz.

Die Szene mutet etwas komisch an: Ein kleiner Mann stapft entspannt über eine holprige Brachwiese im Lehel – und ein Pulk von Journalisten mit Kameras und Mikrofonen hetzt ihm atemlos hinterher. Doch Daniel Libeskind, der Weltstar unter den Architekten, lässt sich nicht hetzen. Er sieht sich um wie ein neugieriger Bub, beantwortet geduldig die immer gleichen Fragen der Reporter, und findet sogar Zeit für einen Ratsch mit Wolfgang Püschel, dem Vorsitzenden des örtlichen Bezirksausschusses. „Great! You have a beautiful neighborhood here!“ – Sie haben ein wundervolles Viertel, lobt die Koryphäe.

Bodenhaftung ist oft nicht gerade die Stärke berühmter Architekten. Doch Libeskind gelingt es, völlig allürenfrei aufzutreten. Er ist aus New York angereist, um das Grundstück Am Gries, gleich hinter dem Seniorenheim Vincentinum, zu besichtigen. Dort will die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom eine Synagoge errichten. Libeskind hat sich bereit erklärt, sie zu entwerfen. Und natürlich will nun jeder von ihm wissen, wie er sich den Bau vorstellt. „Es ist zu früh, das zu sagen“, meint Libeskind. Aber eins sei klar: Das Grundstück gefalle ihm. „Eine charmante Wohngegend.“ Es gehe ja nicht nur darum, einen Sakralbau zu errichten – sondern auch ein Gemeindezentrum. „Hier könnten wir etwas schaffen, was zur Gemeinschaft im Viertel beiträgt.“

Libeskind gewann Wettbewerb für World-Trade-Center-Neubau

Nun dürften auch die letzten Zweifler überzeugt sein, dass Libeskind ein ernstes Interesse hat, die Synagoge zu bauen. Viele hatten es kaum glauben können, denn Beth Shalom ist eine Gemeinde mit nur 300 Mitgliedern – und Libeskind ist Libeskind: Der Mann, der den Wettbewerb für den Neubau des World Trade Centers gewann und das jüdische Museum in Berlin entwarf. Doch Libeskind, selbst Jude, ist es ein persönliches Anliegen: „Alles Jüdische in Deutschland ist wichtig.“ München sei eine Stadt, die mit den Tragödien des Holocaust assoziiert werde, aber auch eine wunderschöne Stadt. Jüdische Kultur in ihr Zentrum zurückbringen – das habe ihn motiviert.

Und welche Architektur stellt er sich vor? „Eine fantastische“ sagt er lachend. „Keine nostalgische Imitation, sondern ein zeitgenössisches Erlebnis.“ Und er stellt eines klar: So wie die Synagoge der orthodoxen Israelischen Kultusgemeinde (IKG) am St.-Jakobs-Platz solle sein Bau nicht werden. Diese Synagoge sei zwar „beeindruckend“, doch sein eigener Bau solle nicht die „formale Stärke und Autorität“ ausstrahlen, die sie repräsentiere. „Jude sein macht ja auch jede Menge Spaß – es ist Freude, nicht nur Verpflichtung.“ Er stelle sich einen Ort vor, „den auch ein Kind genießen würde.“ Für die Stadt sei eine zweite Synagoge eine Chance. „Es ist gut, wenn München nicht nur eine Vorstellung davon hat, was ein Jude ist.“

Worte, die man bei der IKG vermutlich nicht gerne hört. Präsidentin Charlotte Knobloch machte kürzlich deutlich: Sie versteht die IKG als „Einheitsgemeinde, die die im Raum München und Oberbayern wohnenden Juden nach außen vertritt“. Bei der IKG würde man offenbar lieber sehen, wenn Beth Shalom in die frühere IKG-Synagoge an der Reichenbachstraße zöge. „Wir haben sie Beth Shalom bereits in der Vergangenheit unentgeltlich angeboten. Sie bietet Platz für 450 Personen, wäre also groß genug für Beth Shalom“ sagte IKG-Geschäftsführer Chil Rackowski.

Doch Beth Shalom sieht sich als selbständig an. Zwischen liberalen und orthodoxen Juden gibt es Unterschiede – so dürfen etwa bei Beth Shalom Frauen und Männer im Gottesdienst beieinander sitzen, bei der IKG nicht. Und die liberale Gemeinde will mehr als ein Gotteshaus: Sie stellt sich ein eigenes Gemeindezentrum vor, mit Kindergarten, Kita, Seniorenwohnungen und Café. „Dafür ist die Reichenbachstraße zu klein“, sagt Vorstand Terry Swartzberg. Zudem sei der Bau dort marode. „Er kommt nicht in Frage.“

Eine optimistische Haltung: Denn das Libeskind-Projekt stellt die kleine Gemeinde vor gewaltige Hürden: Die Finanzierung ist ungesichert – Swartzberg kalkuliert mit 11 bis 13 Millionen Euro reinen Baukosten. Beth Shalom will das Vorhaben mit Spenden und öffentlichen Zuschüssen finanzieren. Zudem müsste Beth Shalom der Stadt den Grund abkaufen – und braucht die Zustimmung des Stadtrats. Doch die Gemeinde ist unerschütterlich in ihrem Optimismus – genau wie Libeskind: „So ein Projekt geht man nicht an, weil es leicht machbar ist – sondern weil es wichtig ist.“

von Johannes Patzig

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