Stempel Berger im Rathaus

Hier stirbt ein Stück Münchner Tradition

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Hinter dem Neuen Rathaus steht seit 93 Jahren der Stempelladen

München - Dieser Laden hat die Inflation überlebt, den Nazi-Terror und den Bombenkrieg – und jetzt wird er lieblos abgewickelt: Stempel Berger im Rathaus an der Dienerstraße.

Seit 1919 wurden bei Stempel Berger im Rathaus an der Dienerstraße Schilder und Stempel verkauft. Zu den Stammkunden gehörten Politiker – unter anderem Alt-OB Thomas Wimmer –, aber auch das erzbischöfliche Ordinariat, Notare und Geschäfte. Bis zu ihrem Tod im vergangenen März führte Edeltraud Schmidt das Traditionsgeschäft, 65 Jahre lang stand sie hinter dem Tresen.

Der Künstler Ludwig Popp wollte das alte Geschäft retten – vergeblich

Noch immer dokumentiert der Laden 93 Jahre Stadtgeschichte, in denen er im wahrsten Sinne des Wortes München seinen Stempel aufgedrückt hatte. „Die Originaleinrichtung ist erhalten, dazu Tausende Schilder, Stempel und so manches Möbelstück, das in den Nachkriegsjahren dazukam“, erzählt stolz der Münchner Künstler Ludwig Popp, der gemeinsam mit Edeltraud Schmidts Cousine Helga Kronthaler das Geschäft erhalten wollte. Der Vorschlag: „Wir haben einen eingesessenen Betrieb gefunden, der den Laden so weiterführen möchte, wie er ist“, sagt Helga Kronthaler. Sie schickte ihren Vorschlag an OB Christian Ude, für das gesamte Inventar verlangte sie nur einen symbolischen Euro als Ablöse.

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Die Anwort kam von Bürgermeister Hep Monatzeder, der Kronthalers Geschäft abwickeln will: „Obwohl ich es sehr bedauere, diesen alteingesessenen traditionsreichen Münchner Laden zu verlieren, so stehen Ihrem Vorschlag, einen Nachmieter zu benennen, bewusst vereinbarte Vertragsbestimmungen entgegen.“ Denn der Verkauf des Ladens mit seinem Namen und dem Kundenstamm sei nicht zulässig. „Mit dieser Regelung will die Stadt München vor allem einen gesunden Branchenmix im Rathaus erreichen.“ Monatzeder weiter: „Das Kommunalreferat wird daher von mir beauftragt, sobald der Nachlass geregelt ist, die notwendigen Schritte zur Rücknahme der Geschäftsräume zu ergreifen.“

Helga Kronthaler ist fassungslos: „Man unterstellt mir, aus dem Laden Geld machen zu wollen. Dabei will ich gar nichts, sondern nur, dass das Geschäft erhalten bleibt. Und außerdem hieße das, dass unser Laden seit 90 Jahren einem gesunden Branchenmix entgegenstanden war.“ Eine Einladung, das Geschäft zu besichtigen, blieb vom Rathaus bislang unbeantwortet. Kronthaler: „Dafür bekam ich einen Tag, nachdem das Geschäftskonto erschöpft war, gleich eine Mahnung ins Haus, weil die Miete nicht überwiesen war. Dabei weiß ich noch nicht einmal die Kontonummer.“

CSU-Stadtrat Richard Quaas ist fassungslos: „Mit einem 0815-Schreiben wird eine einmalige Chance, ein Ladengeschäft, das schon denkmalwürdig ist, abgebürstet. Dabei würde die Stadt keinen finanziellen Schaden erleiden."

Johannes Welte

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