Steven Wilson in der Muffathalle: Konzertkritik

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München - Es gibt sie noch, die Aufmerksamkeitsspanne jenseits der sieben Minuten. Der Beweis: die gut gefüllte Muffathalle beim Konzert von Steven Wilson.

Zugegeben, ein bissl nervt der Hype schon, der in einschlägigen Magazinen um Steven Wilson betrieben wird. Aber die Musik des englischen Progaholics (Porcupine Tree, No Man, Blackfield, etc.) ist nun einmal so famos, dass beinahe jeder Superlativ gerechtfertigt erscheint. Jazz, Metal, Ambient, Drone, Artrock, Electronic, Shoegaze - hier werden Türen aufgerissen, Grenzen ausgelotet. Und ist es, Stichwort Hype, wirklich schlimm, wenn die Münchner Muffathalle beim Konzert so gut gefüllt ist, dass man den Glauben an die Strahkraft wahrlich progressiver Musik zurückgewinnt? Ja, es gibt sie noch, die Aufmerksamkeitsspanne > 7 Minuten.

Zwei Stunden gewährt Wilson an diesem Sonntagabend im Oktober Einblicke in seinen Gedankenkosmos, stellt sein neues Doppelalbum "Grace for Drowning" vor, greift zurück auf die Highlights des Erstlings "Insurgentes". Es gibt alles - außer Langatmigkeit:

Ennio-Morricone-artige Filmmusik, Gitarreneruptionen, Pianoballaden, bis hin zum 23 minütigen, vom progressiven Jazz inspirierten Monolithen namens "Raider II". Untermalt von surrealen Bildcollagen seines Haus- und Hofkünstlers Lasse Hoile nimmt uns Wilson mit an unheimliche Orte, wo gesichtslose Gestalten umhergeistern, weiß umhüllt, gerne auch gehörnt. Projezierte Albträume im Stile eines David Lynch. Morbid.

Faszinierend. Und mit Wilsons tief im Siebziger-Prog (King Crimson!) verwurzelter Musik, von Weltklassevirtuosen wie Marco Minnemann (Drums) und Nick Beggs (Bass, Chapman Stick) mitreißend umgesetzt, erwächst ein Mahlstrom, von dem man sich gerne verschlingen lässt.

"Es ist großartig, die alten Einflüsse aufzugreifen und mit in die Zukunft gerichteten Sounds zu verbinden", sagt Wilson. "Viele Jahre lang hat man ja einfach nur die Sounds der Siebziger kopiert, ohne die Entwicklungen der darauf folgenden Zeit zu beachten." Dünnes Eis für einen knapp 44-jährigen Autodidakten. Latent prätentiös? Vielleicht.

Aber wenn man den Engländer aus Hertfortshire richtig einschätzt, wird ihm das Geschwafel der Rezensenten eh egal sein. Erlaubt ist, was Sinn stiftet. Wilson fühlt sich wohl in der Rolle eines einsamen Rebellen in der oberflächlichen Musikbranche. Tod dem mp3-Format! Es lebe die Plattensammlung! Wilson meint's ernst. Und nimmt sein Publikum ernst.

"Art ist Truth" steht auf seinem schwarzen Shirt. Nicht vorne, auf dem Rücken.

Ludwig Krammer

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