Streit um stille Feiertage

Trotz Tanzverbot: „Heidenspaß“ an Karfreitag darf sein

+
Der Karfreitag ist noch immer einer der am strengsten reglementierten Feiertage. 

Zehn Jahre hat der „Bund für Geistesfreiheit“ darum gekämpft, am Karfreitag eine „Heidenspaß“-Party feiern zu dürfen. Nun haben die erklärten Atheisten ihr Ziel erreicht: Die Stadt genehmigte die Sause am Stillen Feiertag endgültig. 

München - Ein Schokoladen-Buffet soll es geben, dazu Lesungen, eine Vorführung der Filmkomödie „Wer früher stirbt, ist länger tot“ und am Abend Live-Musik und Tanz. So sehen die Pläne des Bunds für Geistesfreiheit München (BfG) für seine große Party im Oberangertheater bisher aus. Eigentlich nichts Besonderes, wäre da nicht ein Detail: Die sogenannte Heidenspaß-Party wird am Karfreitag stattfinden. Einem der am strengsten reglementierten Stillen Tage in Bayern.

Stille Feiertage: Die Auflagen sind nach wie vor streng

„Von Gründonnerstag, 2 Uhr, über Karfreitag bis Karsamstag, 24 Uhr, darf in den Münchner Clubs nicht getanzt werden“, erklärt auch die Stadt München auf ihrer Internetpräsenz unter dem Foto einer leeren Tanzfläche. „Grund dafür ist die bayerische Regelung der Stillen Feiertage, die ein generelles Unterhaltungsverbot bedeutet.“

Bisher galt diese Regel ohne Ausnahme, so wollte es das Bayerische Feiertagsgesetz. Dessen Auswirkungen bekam der BfG 2007 zu spüren, als er die erste Party am Karfreitag anmeldete. Die Stadt strich das gesamte Musikprogramm und drohte mit 10.000 Euro Bußgeld bei Zuwiderhandlung.

Fast zehn Jahre durch alle Instanzen

Das wollten sich die Aktivisten nicht gefallen lassen und klagten. Fast zehn Jahre lang ging der Fall durch alle Instanzen, bis im vergangenen November das Bundesverfassungsgericht entschied, der Schutz des Feiertages ohne Ausnahmen sei verfassungswidrig. Das Kreisverwaltungsreferat hat nun nachgezogen und dem BfG die Party genehmigt. „Die zuständige Bezirksinspektion Mitte ist der Auffassung, dass die Veranstaltung aufgrund der Programmgestaltung den vom Bundesverfassungsgericht genannten Kriterien entspricht, um eine Befreiung nach dem Feiertagsgesetz zu erteilen“, begründet ein Sprecher der Behörde auf Anfrage die Entscheidung. Jedoch, die Ausnahme gibt es nur mit Auflagen. So darf nur bis Mitternacht Musik gespielt werden, und auf der Straße darf vom Veranstaltungslärm nichts zu hören sein.

Das Urteil ist nur eine bedingte Lockerung

„Ein Meilenstein“: Assunta Tammelleo vom Bund für Geistesfreiheit. 

Auch sonst macht das Gerichtsurteil den Betreibern von Bars und Clubs das Leben an Ostern nur bedingt leichter. Denn es wandte sich vor allem gegen die durch das Gesetz eingeschränkte Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Der BfG, der für seine Heidenspaß-Party übrigens keinen Eintritt nehmen möchte, definiert sich ausdrücklich als „Weltanschauungsgemeinschaft“ säkular lebender Menschen. Rein kommerziell motivierte Veranstalter werden es wohl auch weiterhin schwer haben, mit einer Einschränkung ihrer Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu argumentieren.

Beim BfG herrscht unterdessen Genugtuung über den Bescheid: „Für uns ist das ein Meilenstein zum Nichtbekenntnis“, erklärt Assunta Tammelleo, die stellvertretende Vorsitzende und Mitorganisatorin der Party. „Uns geht es ja gar nicht ums kommerzielle Krachmachen, sondern um Freiheiten für Nichtgläubige.“

Kirchenvertreter warnen vor Aushöhlung

Wenig überraschend nicht begeistert sind davon Kirchenvertreter. „Wir warnen davor, den Schutz der Stillen Tage auszuhöhlen und schrittweise aufzuheben“, teilte die Erzdiözese München Freising mit. „Die Stillen Tage sind keine rein kirchliche Angelegenheit, sondern betreffen die ganze Gesellschaft: Sie bringen eine Unterbrechung in den rastlosen Alltag und bieten allen Menschen die Gelegenheit, zur Ruhe und zum Nachdenken zu kommen. Wer diesen Schutz lockert, muss sich überlegen, welches Gut er damit preisgibt.“ 

Ähnlich äußerte sich Stadtdekanin Barbara Kittelberger: „Stille Tage stehen für christliche Werte. Es ist ein großer Verlust für unsere Gesellschaft, wenn der Konsum- und Unterhaltungskultur Zeiten der Stille und Nachdenklichkeit geopfert werden.“ 

Die Deutschen scheinen unterdessen weiterhin gespalten in Sachen Stille an Karfreitag: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sind 54 Prozent für das Tanzverbot.

Annika Schall

Auch interessant

Meistgelesen

Faktencheck: Darum kostet die Wohnungsnot die Stadt Millionen
Faktencheck: Darum kostet die Wohnungsnot die Stadt Millionen
Semmeln heimgebracht: MVG-Busfahrer lässt Passagiere allein
Semmeln heimgebracht: MVG-Busfahrer lässt Passagiere allein

Kommentare