Prozess um Münchner Amoklauf

Strafverteidiger greift Richter an: „Respekt- und pietätloses Verhalten“

+
Der Angeklagte Philipp K. (M.) steht in München zusammen mit seinen Anwälten David Mühlberger (l) und Sascha Marks im Landgericht im Verhandlungssaal.

Nur weil Philipp K. die Pistole samt Munition lieferte, konnte David Sonboly den Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum begehen. Die Angehörigen fordern eine gerechte Strafe – ein Anwalt macht auch dem Richter Vorwürfe.

München - Stoisch sitzt Philipp K. auf der Anklagebank. Mit blauem Karohemd, rahmenloser Brille und kurzen, braunen Haaren. Ein braver Auftritt. Seine Verteidiger lässt er sein Geständnis und eine Bitte um Verzeihung verlesen: „Ich möchte mich in ehrlich gemeinter Art und Weise entschuldigen und den Angehörigen der Opfer, die bei dem Amoklauf ums Leben gekommen sind, mein Beileid aussprechen. Ich räume alle Waffenverkäufe ein. Eine Lizenz hatte ich nicht. Bei jedem der Waffengeschäfte wusste ich, dass ich nicht befugt bin.“

Im Internet hatte der Waffenhändler noch im Flecktarn-anzug mit Sturmgewehr posiert – und seit 2012 über das Internet elf Geschäfte abgewickelt. Seine Kunden trugen Fantasienamen wie „Pitbull“ oder „Suppenpeter“. K. hatte sie persönlich in Marburg getroffen – und sich nur in Sonboly getäuscht, wie er behauptet. „Hätte ich Anzeichen gehabt, dass er so etwas Furchtbares tut, hätte ich ihm die Waffe niemals verkauft“, schrieb K. in einem Brief aus dem Knast, der vor Gericht verlesen wird. „Als ich hörte, was in München passiert ist, bin ich zusammengeklappt.“ Nun fürchte er die Wut der Angehörigen, schrieb er.

Nebenklagevertreter glaubt Angeklagten nicht: „Er spielt ein Spiel“

Am 20. Mai 2016 kam es zum ersten Treffen mit Sonboly. 4100 Euro kassierte Philipp K. für die halbautomatische Pistole Glock 17 samt 200 Schuss Munition Kaliber 9 x 19. Zuvor hatten sich beide über ein Waffenforum namens DiDW abgesprochen, wo K. sich „Rico“ nannte. Am 18. Juli fuhr der Amokläufer erneut nach Marburg und kaufte bei K. mehr als 350 Schuss für weitere 350 Euro. Doch mit der Pistole wollte Sonboly nicht nur prahlen – wie andere Kunden –, sondern gezielt töten. Insgesamt gab er auf dem OEZ-Gelände Hunderte Schuss ab, bis er sich selbst das Leben nahm. 18 listet die Anklage im McDonald’s, 16 vor dem Saturn, zwei auf Anwohner Thomas Salbey.

„Ich rechne mit drei bis fünf Jahren Haft“, schrieb Philipp K. seiner Mutter. „Das ist bitter, weil Cathlyn schwanger ist.“ Seine Verlobte aber hat das Kind abtreiben lassen, wie im Prozess herauskam. Wegen der psychischen Belastung will sie nicht aussagen. „Ich werde dich immer lieben“, hat K. ihr geschrieben. Doch die Liebe scheint erloschen, auch wenn K. im Brief „mein Möhrchen“ schreibt. „Ich wollte nie, dass es so weit kommt. Ich musste mal wieder auf die Schnauze fallen, um zu sehen, was ich angerichtet habe. Dein Hase.“ Diese Worte sind alles, was Prozessbeobachter über K. erfahren. Fragen will er keine beantworten. Nebenklagevertreter Yavuz Narin kritisiert den Auftritt: „Er spielt ein Spiel.“ Denn laut Ermittlungen habe K. dem Amokläufer sogar Tipps gegeben – was noch nicht bewiesen ist.

„Den Familien geht es sehr schlecht“

Armela ist ein Todesopfer. Ihr Vater tritt wie andere Angehörige als Nebenkläger auf und fordert Gerechtigkeit.

Wütend zeigt sich der Anwalt auch über Richter Frank Zimmer. Der sei auf ein möglichst mildes Urteil für den Angeklagten aus: „Er will jede Ermittlung ersticken, die auf eine Beihilfe zum Mord zielen könnte.“ Angeklagt ist Philipp K. bisher nur wegen unerlaubten Waffenhandels und fahrlässiger Tötung. Mit solch einem Urteil drohen ihm rund drei Jahre Haft. Damit bliebe K. nur teilweise verantwortlich für den Amoklauf: Als Zulieferer – nicht aber als Mittäter. In einem Jahr könnte er durch die Anrechnung der Untersuchungshaft schon wieder zur Bewährung freikommen.

Gerade für die Angehörigen der Opfer ist das ein hartes Los. Mit Tränen in den Augen sitzt etwa Smajl Segashi auf der Tribüne. Seine Tochter Armela wurde beim Amoklauf ermordet. „Das hat mir das Herz gebrochen“, sagt Segashi. An den Prozess habe er keine großen Erwartungen. „Nur, dass der Täter eine gerechte Strafe bekommt. Ich selbst bin hier, um endlich abschließen zu können.“ Der Schmerz über den Verlust seiner geliebten Tochter quält Smajl Segashi bis heute.

So fühlen auch andere Angehörige, die im Prozess als Nebenkläger auftreten. „Den Familien geht es sehr schlecht“, sagt Anwalt Yavuz Narin, der drei Familien der Opfer vertritt. Manche hätten sogar selbst nicht mehr leben wollen – so groß sei ihr Leid.

Der Prozess sei „schier unglaublich“, findet der Strafverteidiger, der auch im NSU-Prozess auftritt. „Der Richter hat ein respekt- und pietätloses Verhalten gegenüber Angehörigen der Opfer gezeigt.“ Als sie Fragen wegen ihrer Sicherheit gehabt hätten, habe er nur entgegnet, ob sie wohl Angst hätten, der Amokläufer könne von den Toten auferstehen. Deshalb habe er im Namen der Nebenkläger einen Antrag auf Befangenheit gestellt. Ob dieser berechtigt ist, darüber berät nun eine andere Strafkammer bis zur Fortsetzung am Mittwoch.

Auch interessant

Meistgelesen

Mann suchte Kontakt zu Pädophilen - „Abartiges Material“ schockiert Ermittler
Mann suchte Kontakt zu Pädophilen - „Abartiges Material“ schockiert Ermittler
Die Stadt München plant Verdopplung der Parkgebühren
Die Stadt München plant Verdopplung der Parkgebühren
Wer hat Pablo „ins Auto gelockt“? Neue Bilder des vermissten Jack Russells
Wer hat Pablo „ins Auto gelockt“? Neue Bilder des vermissten Jack Russells
Polizei auf Oktoberfest: Italiener sind gar nicht so schlimm
Polizei auf Oktoberfest: Italiener sind gar nicht so schlimm

Kommentare