Pro-Kommentar zum Warnstreik

An alle besorgten MVG-Pendler: Weniger „Mimimi" und mehr Selbstverantwortung, bitte!

Pendler, MVG-Tafel, Bild der Autorin Carolin Huber
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Ein bisschen mehr Selbstverantwortung würde den Münchner Pendlern gut tun, findet unsere Autorin.

Der Ärger um den ÖPNV-Warnstreik belegt, wie schlecht es um die Solidarität und Eigenverantwortung in unserer Gesellschaft bestimmt ist. Ein Kommentar.

München - Ein Warnstreik der Gewerkschaft Verdi hat am Dienstagmorgen zu chaotischen Zuständen in der Münchner Innenstadt geführt. Von einer „absoluten Unverschämtheit“ war da vielerorts die Rede. Wie es denn sein könne, dass die Angestellten des ÖPNV ausgerechnet jetzt streikten, wo sich das Land mitten in einer Pandemie befindet - und damit Tausende Menschen in Gefahr bringen.

Warnstreiks im ÖPNV: Die Arbeitgeberseite schiebt Verdi genüsslich den schwarzen Peter zu

Die Arbeitgeberseite hat dafür ein feines Gespür und schiebt Verdi genüsslich den schwarzen Peter zu. „Die bundesweiten Warnstreiks [...] sind organisationspolitisch motiviert und passen nicht in die krisengeplagte Zeit“, kommt es vorwurfsvoll von Niklas Benrath, dem Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA).

Ein Schelm, wer jetzt vermutet, dass die Arbeitgeberseite die aufgebrachte Stimmung im Land dazu nutzt, die eigenen Angestellten klein zu halten. Fakt ist: Man hat sich beharrlich geweigert, in Verhandlungen für einen bundesweiten Tarifvertrag einzusteigen. Wenn die Gewerkschaft nicht jegliche Glaubwürdigkeit verlieren will, bleibt ihr da kaum ein anderes Mittel, als zu streiken.

Der ÖPNV-Warnstreik hätte niemanden überraschen dürfen - doch von Selbstverantwortung keine Spur

Der gemeine Münchner Berufspendler aber hat für Kleinigkeiten wie faire Arbeitsbedingungen seiner U-Bahn-Fahrer kein Verständnis. Der Warnstreik wurde lang und breit angekündigt und medial durchgekaut - niemand, der die vergangenen Tage nicht unter einer Tauchglocke auf dem Grund des Olympiasees verbracht hat, kann also von der Lage am Dienstagmorgen überrascht gewesen sein.

Zwar kann oder darf sicherlich nicht jeder Arbeitnehmer seine Aufgaben aus dem Home Office erfüllen. Doch es fällt schwer zu glauben, dass wirklich keiner von denen, die sich am Dienstagmorgen in die in unregelmäßigen Abständen einfahrenden Busse gedrängelt haben, als würde ihr Leben davon abhängen, einen anderen Weg zur Arbeit hätte nehmen können (Leih-Räder, E-Scooter oder, halten Sie sich fest, sogar Füße bringen einen ebenfalls von A nach B!).

Appell an die MVG-Pendler: Weniger „Mimimi" und mehr Selbstverantwortung, bitte!

Weniger „Mimimi" und mehr Selbstverantwortung, bitte! Doch die viel beschworene Solidarität mit den sogenannten systemrelevanten Berufen (und dazu gehört der ÖPNV zweifelsohne; daran sollte nach diesem Dienstag niemand mehr ernsthaft zweifeln) hört offenbar genau da auf, wo man mehr tun muss als auf dem Balkon zu stehen und rührselig in die Hände zu klatschen.

Das ist sehr bedauerlich. Erstens, weil wir uns - wie VKA-Hauptgeschäftsführer Benrath richtig feststellt - in schwierigen Zeiten befinden und gerade jetzt hinter denen stehen sollten, die unsere Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes in Fahrt halten.

Die Arbeit im ÖPNV muss fair entlohnt werden - sonst wird die Verkehrswende misslingen

Und zweitens aus purem Eigeninteresse: Wir alle wünschen uns eine Innenstadt ohne Staus - von der Notwendigkeit emissionsarmer Verkehrsalternativen hinsichtlich des Klimawandels ganz zu schweigen. Doch die Verkehrswende ist von vorne herein zum Scheitern verurteilt, wenn die Arbeitsbedingungen im ÖPNV so verheerend sind und die gesellschaftliche Akzeptanz so gering, dass sich den Job niemand mehr antun möchte.

Lesen Sie auch den Gegenkommentar zum Thema: Arbeitskampf in Corona-Zeiten: Wer jetzt streikt, hat sich der Solidarität entsagt

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