Lokführer erzwingen Streikring um München

München - Die Lokführer haben das Münchner Umland am Donnerstag in einen Streikring gezwungen. Am härtesten hat es die S-Bahn erwischt. Zum Chaos kam es wohl nur aus zwei Gründen nicht.

Was haben die Pendler den Lokführern angetan? Schließlich waren die Menschen im Umland fast die einzigen Leidtragenden des Streiks der Gewerkschaft GDL im aktuellen Arbeitskampf. Die Lokführer zwangen das Umland in einen Streikring! Die GDL behauptet: Das war keine Absicht. Am Donnerstag von 4 bis 10 Uhr wollte die Gewerkschaft die Bahn ausbremsen. Und erreichte verglichen mit den drei Warnstreiks der letzten Wochen die „bisher stärksten Auswirkungen“, sagte Bahn-Sprecher Franz Lindemair der tz.

Am härtesten hat es die S-Bahn erwischt: Zwei von drei Zügen seien während des Streiks ausgefallen, die S-Bahn konnte das Umland nur im Stundentakt bedienen – statt alle 20, manchmal sogar zehn Minuten. Nur zum Flughafen ging es häufiger: Zwar ließ die S1 den Airport rechts, also östlich liegen und steuerte Freising direkt an. Auf der zweiten Flughafen-Linie S8 hielt die Bahn aber den 20-Minuten-Takt. Die GDL schätzte die Zahl der Zugausfälle höher ein und sah 80 Prozent aller Fahrten beeinträchtigt.

Zum Chaos kam es wohl nur aus zwei Gründen nicht: Zum einen urlauben noch viele Münchner in den Faschingsferien, denn auch die Straßen waren zwar voll, aber nicht überfüllt. „Keinerlei Auffälligkeiten und Behinderungen“, meldet die Polizei.

Zum anderen liegt es am Konstrukt des S-Bahn, bei der sich die Zweige aus dem Umland in der Stadt auf der Stammstrecke bündeln. So konnte die Bahn trotz des schwachen Takts auf den Außenästen etwa alle sechs Minuten einen Zug auf die Gleise zwischen Laim und Ostbahnhof schicken. Sonst kommt alle 90 bis 120 Sekunden eine S-Bahn.

Zudem konnten viele Pendler in der Stadt auf U-Bahn und Tram ausweichen. Die MVG verlängerte kurzfristig alle Trambahnen auf der Linie 19, die weitgehend parallel zur Stammstrecke fährt. „Alles hat geklappt, die Bahnen waren pünktlich und nicht überfüllt“, hieß es bei der MVG.

Kaum beeinträchtigt waren ICE, IC und Regionalbahnen aus München. Hier seien nur einzelne Verbindungen ausgefallen, sagte der Bahn-Sprecher. Allerdings kamen am Morgen verspätete Züge aus dem Rest der Republik an. Auch der Güterverkehr war im Umland kaum behindert. Dabei wollte die GDL doch dort den Schwerpunkt setzen!

Die Gewerkschaft sieht das Versprechen auch erfüllt. „Es ist ein bundesweiter Streik“, sagt Bayern-Chef Uwe Böhm der tz. Im Osten der Republik seien mancherorts die Güterzüge zu 100 Prozent stillgestanden. In Bayern hätten rund 300 Lokführer der GDL die Arbeit niedergelegt. Die Unterschiede zwischen ICE und S-Bahn erklärten sich dadurch, dass im Fernverkehr mehr Beamte unterwegs sind, die nicht streiken dürfen, und im Nahverkehr GDL-Tarifbeschäftigte fahren, die am Donnerstag ihre Arbeit niederlegten. Die Pendler habe man nicht mit Absicht treffen wollen.

Die S-Bahn in München war nicht die einzige mit Ausfällen: Auch Berlin, Hannover, Frankfurt, Nürnberg und Rhein-Neckar waren laut Bahn stark getroffen. Im Fern- und Güterverkehr sei bundesweit jeder dritte Zug stehengeblieben. Die GDL sprach dagegen von 80 Prozent an Ausfällen und Verspätungen. „Dieser Streik ist gänzlich widersinnig“, schimpfte Bahn-Vorstand Ulrich Homburg.

Kritik gab es auch von Pro Bahn und der Aktion Münchner Fahrgäste. Die Geduld der Passagiere sei bald aufgebraucht. Die GDL solle den Streik doch wenigstens früher ankündigen.

David Costanzo

So kam es zu dem Streikring um München:

Im Umland schaffte die S-Bahn nur einen Stundentakt. Wem zum Beispiel die S4 in Fürstenfeldbruck knapp vor der Nase wegfuhr, durfte 60 Minuten so ganz ohne Zuglärm am Gleis ­entspannen. Normalerweise gibt es morgens einen 20-, manchmal sogar 10-Minuten-Takt. In der Stadt war die schwache ­Leistung kaum zu spüren: Hier verdichteten sich die wenigen Fahrten auf der Stammstrecke zu einem 6-Minuten-Takt. Sonst fährt alle 90 bis 120 Sekunden eine S-Bahn durch den Tunnel.

Das sagen die Fahrgäste am Hauptbahnhof

GDLer sollen an den Verhandlungstisch!

Das ist doch ein reiner Machtkampf, die wollen gar nicht verhandeln. Ich finde, ein paar tausend Lokführer dürfen vier Millionen Passagieren nichts aufzwängen – das geht in der freien Wirtschaft, aber nicht im Dienstleistungsbereich. Die GDLer müssen unbedingt an den Verhandlungstisch!

Sönke Böge (73), Firmeninhaber in Brasilien

Zu wenig Gründe für einen langen Streik

Der vierte Streik innerhalb weniger Wochen – soll das jetzt ewig so weitergehen? Für einen solch langen Arbeitskampf braucht es meiner Meinung nach bessere Gründe. Ich komme nur ein paar Minuten zu spät zur Arbeit, das ist nicht schlimm. Aber die Pendler aus dem Umland trifft es hart.

Erik Fischer (39), Ingenieur aus München

Die Streikpartei muss weiter stur bleiben

Hätte mein Freund mich heute morgen nicht kurzfristig nach Nürnberg gefahren, wäre ich jetzt nicht hier: Mein Zug in Fürth ist einfach ausgefallen! Dennoch habe ich immer noch Verständnis für die Streikenden. Nur wenn man wirklich stur bleibt, macht ein Streik doch erst Sinn. Sie müssen zeigen, dass sie es ernst meinen.

Annegret Steiger (45), Krimninalbeamtin aus Fürth

Lokführer, jetzt reicht es uns!

Ich habe mir den Streik schlimmer vorgestellt. Aber es ärgert mich schon, dass mein Zug 35 Minuten Verspätung hat. Ich will zu einer Freundin zum Skifahren nach Flachau in Österreich – und jetzt verpasse ich meinen Anschlusszug in Salzburg. Ich finde, langsam reicht’s mit dem Streik. Wir zahlen genug für den MVV und die Bahn, das dürfen wir nicht ausbaden.

Paulina Quinn (16), Schülerin aus München

Rubriklistenbild: © Westermann

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