Streit um Gemälde: Wem gehört der Picasso?

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Das betroffene Gemälde: Madame Soler

München - Theoretisch ist die Sache klar: Opfer des NS-Regimes, die während der Nazi-Zeit um ihren Besitz gebracht wurden, sollen entschädigt werden. In der Praxis ist das allerdings nicht so einfach. Gerade auf dem boomenden Kunstmarkt gibt es immer wieder Streit. So auch in München.

Auf dem Papier klingt alles so einfach: Im Jahr 1998 wurde die Washingtoner Erklärung unterschrieben, die zum Wegweiser werden sollte für Fragen rund um Raub- und Beutekunst. Die unterzeichnenden Länder - darunter Deutschland - verpflichteten sich, Nazi-Raubkunst zu identifizieren, die rechtmäßigen Besitzer ausfindig zu machen und die Werke entweder zurückzugeben oder eine “faire Lösung“ zu finden. So weit, so unklar. Denn was eine faire Lösung ist, darüber sind sich die Parteien in den seltensten Fällen einig.

Erben wollen das Gemälde "Madame Soler" zurück

So auch derzeit in der Pinakothek der Moderne in München, wo ein Beutekunst-Streit Schlagzeilen macht mit der Frage: Wem gehört der Picasso? Die Erben des jüdischen Kunstsammlers Paul von Mendelssohn-Bartholdy wollen das Gemälde “Madame Soler“ zurück. Ihr Vorfahr soll das Bild nur verkauft haben, weil er von den Nazis verfolgt wurde und unter finanziellem Druck stand. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die in anderen Fällen bis heute bereits acht Werke aus ihrem Bestand zurückgegeben haben, sehen das anders. Die Ansicht von Generaldirektor Klaus Schrenk: Finanziellen Druck beim Verkauf hat es damals in den 1930er Jahren nicht gegeben.

Seit einigen Jahren kommen immer wieder Streitigkeiten dieser Art an die Öffentlichkeit. Die Mendelssohn-Bartholdy-Erben zum Beispiel hatten es vor dem Streit mit dem Münchner Museum bereits auf Picassos des Museums of Modern Art (MoMa), des Guggenheim-Museums und der Andrew Lloyd Webber Kunststiftung abgesehen. In den drei Fällen wurden Vergleiche geschlossen, insgesamt erhebt die Erbengemeinschaft aber Ansprüche auf 16 Werke, die über die ganze Welt verteilt sind.

Die Streitfälle häufen sich in den vergangenen Jahren

Nach Angaben von Uwe Hartmann, Leiter der Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin, sind seit der Washingtoner Erklärung 1998 in Deutschland rund 70 Restitutionen von mehr als 1500 Objekten bekannt. Dazu zählen nicht nur tatsächliche Rückgaben, sondern auch Fälle, in denen die vielzitierte “faire Lösung“ gefunden und beispielsweise eine Entschädigung gezahlt wurde.

Die Fälle häufen sich nach Ansicht von Experten in jüngster Zeit nicht (nur), weil der Kunstmarkt boomt und sich mit Kunst heute viel mehr verdienen lässt als früher, sondern vor allem, weil das Bewusstsein für Beutekunst sich erst in den vergangenen Jahren geschärft habe. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges hätten sich die Alliierten in erster Linie auf tatsächlich geraubte Kunst konzentriert, die unter finanziellem Druck verkaufte fand erst später den Weg ins Bewusstsein. Der Historiker Hans Günter Hockerts sprach bei einem Workshop im Institut für Zeitgeschichte in München von “Lückentheorie“ und dem “Nicht-wissen-wollen“. “Es gab in den vergangenen Jahren zu viele Versäumnisse“, sagt Rechtsanwalt Markus Stötzel, der immer wieder Nachkommen im Kampf um ihr Erbe vertritt.

Bei der Suche nach der “fairen Lösung“ könnte die sogenannte Limbach-Kommission als Schlichter eingreifen - theoretisch. Ein Problem: Beide Parteien müssen der Anrufung der Kommission zustimmen. Im Streit um den Picasso lehnt die Pinakothek das beispielsweise ab. “Man sollte sie entweder streichen oder in eine Verfassung bringen, dass sie sinnvoll ist“, sagt Historiker Hockerts.

Die meistgesuchten Nazi-Verbrecher

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Nur vier Entscheidungen hat die Kommission bislang ausgesprochen. In zwei Fällen empfahl sie die Rückgabe der Werke, in einem eine Entschädigungszahlung. Der vierte Fall zeigt, wie kompliziert ein solcher Beschluss sein kann. Die Kommission sprach sich - entgegen der Forderung des Sohnes Peter Sachs - für den Verbleib der Kunstsammlung Hans Sachs im Deutschen Historischen Museum aus. Dafür prüfte die Kommission zahlreiche Dokumente und Briefe des Sammlers, in denen er - so das Ergebnis der Prüfung - den Wunsch ausgedrückt habe, seine Sammlung möge im Museum bleiben.

Eine Patentlösung gibt es also nicht. Harald König, Spezialbeauftragter für Beutekunst bei der Oberfinanzdirektion Berlin, sprach beim Workshop in München von einem Spannungsfeld zwischen Rechtssicherheit und Einzelfallentscheidung. Einigen Museumsexperten und Historikern sind auch die Anwälte ein Dorn im Auge, die - so die Kritik - umkompliziertere Einigungen verhindern, weil sie selbst am Streit verdienen wollen.

Nach Ansicht von Julius Schoeps, Vertreter der Mendelssohn-Bartholdy-Erben im Streit um “Madame Soler“, fällt die Entscheidung in Deutschland allerdings zu häufig zugunsten der Museen aus. Er sagt: “Seit ein paar Jahren scheint es so zu sein, dass die Provenienzforscher in Deutschland auf der Seite der Museen stehen. Die Erben werden sofort als geldgierig unter Generalverdacht gestellt.“

dpa

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