Nach 38 Jahren ist Schluss

Streit ums Lindwurmstüberl: Wirt gibt auf

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Kellner Werner

München - Nach 38 Jahren ist Schluss: Zwischen der Augustiner-Brauerei und dem Pächter des Lindwurmstüberls gibt es unüberbückbare Differenzen. Unter anderem wohl wegen des Bierumsatzes.

Seit 38 Jahren sind die Ensles Pächter des Lindwurmstüberls. 38 Jahre knusprige Hendl, Haxn, Augustinerbier. Eine Institution in München. Doch Ende Juni ist damit erstmal Schluss. Zwischen Pächter und Besitzer des Lindwurmstüberls, der Augustiner-Brauerei, kriselt es.

Es ist 11.30 Uhr, Ralf Ensle steht in der Wirtschaft. Ensle führt die Gaststätte an der Lindwurmstraße 32 seit zehn Jahren, davor waren seine Mutter und sein Vater die Wirte. Er trägt eine weiße Kochweste, gleich muss er in die Küche. Mittagsgeschäft, der Chef packt mit an. Ralf Ensle, 46, sagt: „Wir haben immer sozialverträglich gearbeitet, aber das geht jetzt nicht mehr.“ Ensle erzählt, die Augustiner Brauerei habe von ihm gefordert, an 365 Tagen im Jahr aufzusperren. Freier Tag am Sonntag? Vorbei. Zwei Wochen Betriebsurlaub im Jahr? Soll auch gestrichen werden.

„Die wollen ihren Bierumsatz steigern“, knurrt Ensle. Er verschränkt die Arme, schüttelt den Kopf. Nicht mit ihm. Hinten in der Küche grillen seine Leute die ersten Hendl. Der Laden läuft gut, viele Stammgäste. Laufkundschaft. Mittagstisch. Wenn Oktoberfest ist, rennen sie ihm die Bude ein. Auf dem Weg zur Theresienwiese ist das Lindwurmstüberl ein begehrter Zwischenstopp. Doch das hilft alles nichts.

Seit eineinhalb Jahren, erzählt Ensle, sei er wegen der Öffnungszeiten mit der Augustiner-Brauerei im Gespräch. Doch die Fronten scheinen verhärtet. Vor ein paar Wochen hat er nun seinen Pachtvertrag gekündigt, am 30. Juni, ein Sonntag, ist es vorbei. Ensle sagt, danach werde das Lindwurmstüberl umgebaut. „Was genau gemacht werden soll, weiß ich nicht. Es wird aber keine Pizzeria reinkommen.“ Einen Nachfolger gebe es bereits.

Die Augustiner-Brauerei stellt die ganze Sache anders dar. Jannik Inselkammer ist Geschäftsführer der Brauerei. Er sagt: „Es gibt im Stadtgebiet nur ganz wenige Gaststätten, die in einer guten Zeit zwei Wochen geschlossen haben:“ Natürlich dürfe jeder Mensch entspannen. Aber natürlich habe Augustiner auch ein Interesse daran, dass wirtschaftlich gearbeitet wird. Augustiner leiste sich mit dem „Lindwurmstüberl“ ohnehin ein für die Branche sehr ungewöhnliches Haus.

Andere Wirte, die ihre Gaststätte ebenfalls von Augustiner gepachtet haben, beobachten die Sache an der Lindwurmstraße sehr genau. Namentlich will keiner in Erscheinung treten, aber einer sagt: „Man hat uns mitgeteilt, dass das mit dem Ruhetag auf Dauer nicht mehr geht.“ Betriebsferien hätten sie auch seit einiger Zeit nicht mehr. Die Brauerei wiederum bestreitet, bei ihren Wirten die Schrauben anzuziehen.

Augustiner ist in München eine Macht. Diskretion scheint dabei genauso zur Firmenphilosophie zu gehören wie der Verzicht auf Werbung. Zwei von drei Flaschen Helles, die im Großraum München im Handel verkauft werden, stammen mittlerweile von Augustiner. Ohne Werbespots, ohne Plakate. Diese Zahlen sind Schätzungen von Experten, denn Augustiner veröffentlicht keine Zahlen.

Auch politisch hat das Unternehmen Einfluss. Noch 2007 plante die Stadt München, das Lindwurmstüberl komplett abzureißen. Der Flachbau war als Provisorium in der Nachkriegszeit in einer Kriegsbaulücke errichtet worden. Diese, so das Argument des Planungsreferats damals, müsse aus stadtgestalterischen Gründen geschlossen werden. Sprich: Abriss. Dann auf einmal die Kehrtwende: „Auf Wunsch der Augustiner-Brauerei haben wir die Bedingung, den Flachbau durch ein mehrstöckiges Haus zu ersetzen, aufgegeben.“

Wirt Ralf Ensle geht rüber in seine Küche. Er sagt, er hätte im Lindwurmstüberl gerne noch ein paar Jahre weitergemacht. Die Arbeit bereitet dem 46-Jährigen Spaß, auch wenn er bis zu zwölf Stunden in der Küche steht. Aber halt nicht so.

Patrick Wehner

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