Polizei war vor der Tat in der Bar

Tod im Striplokal: Jetzt spricht Natallias Chef

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Beamte der Spurensicherung in weißen Schutzanzügen vor dem Nachtclub Kapitol in der Arnulfstraße 16.

München - Natallia G. (35) wurde in der Tabledance-Bar "Kapitol" in der Arnulfstraße erstochen. Die Polizei hat einen früheren Stammgast in Verdacht. Ein Raubmord scheidet wohl aus, wie Barchef Tobias W. erzählt.

In der Szene rings um den Hauptbahnhof kannte man sie unter ihrem Künstlernamen „Natascha“. Sie war ein Vollprofi im harten Nachtclub-Geschäft – blond, zierlich und hübsch, stets freundlich und zuverlässig, aber auch durchaus wehrhaft und energisch. In der Nacht zu Dienstag nach Mitternacht rief Natallia G. (35), Geschäftsführerin und Bardame der Tabledance-Bar „Kapitol“ in der Arnulfstraße 16, die Polizei. Sie fühlte sich belästigt von einem Gast. Keine sechs Stunden später war Natallia tot – erstochen von einem unbekannten Mörder. Aber es gibt eine heiße Spur.....

Polizei hat 44-jährigen Russen in Verdacht

Ein Lagerarbeiter, der jeden Morgen die Bar-Bestände kontrolliert und nach dem Rechten schaut, fand sie Dienstagfrüh um 5.45 Uhr. „Er ist regelrecht über sie drüber gestolpert“, erklärte der tief betroffene Bar-Betreiber Tobias W. (siehe Bericht unten). Natallia G. lag blutüberströmt auf dem Boden – ihr Körper durchbohrt von zahlreichen Messerstichen. Die rettende Tür hatte sie nicht mehr erreicht. Als sie gefunden wurde, lebte sie noch. Der Notarzt war schnell zur Stelle. Unter laufender Reanimation wurde Natallia G. in eine Klinik gebracht. Die gebürtige Weißrussin starb kurz nach ihrer Einlieferung. Die noch am Vormittag durchgeführte Obduktion ergab, dass ein Stich tödliche innere Verletzungen verursacht hatte.

Ein Raubmord scheidet nach Angaben des Chefs der Münchner Mordkommission, Markus Kraus, aus: „Nach ersten Erkenntnissen fehlt nichts.“ Im Fokus der Ermittlungen steht nach tz-Informationen zur Zeit ein Russe (44), mit dem Natallia kurz nach Mitternacht in Streit geriet. Früher war er Stammgast im „Kapitol“ gewesen. Er weiß auch, dass das Lokal um 5 Uhr offiziell schließt und Natallia meist als Letzte geht. Dieser Mann war erst am Dienstag aus dem Knast entlassen worden. Ein Gewalttäter, der im Jahr 2006 im Suff einem Mann zweimal ein Messer in den Bauch gestoßen hatte. Das Opfer überlebte knapp. Der 44-Jährige wurde zu neun Jahren Haft verurteilt, von denen er sechs absaß. Kaum wieder in Freiheit tauchte er nachts in der Tabledance-Bar auf, prahlte mit seinen Knast-Geschichten. Und er war scharf auf Natallia. Offenbar glaubte er, von ihr mit offenen Armen empfangen zu werden. Sie jedoch wies ihn zurück. Er reagierte enttäuscht und aggressiv. Schon entbrannte ein heftiger Streit, den die beiden in russischer Sprache austrugen. Natallia G. rief die Polizei. Der Störenfried verließ das Lokal. Alles schien wieder in Ordnung.

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Gegen 4.30 Uhr gingen die letzten Tänzerinnen und Mitarbeiter heim. Natallia G. blieb allein zurück. Ob sie ihren Mörder hereinließ, ob er ihr auflauerte oder sich mit Gewalt Zutritt zum Lokal verschaffte – all das liegt noch im Dunkeln.

Am Morgen durchkämmten Polizisten die Umgebung, leuchteten in Gullys und schauten in Mülleimer – auf der Suche nach der Tatwaffe. Nur ein großer Blutfleck vor der Tür und ein paar blutgetränkte Kissen zeugten noch davon, dass hier ein Mensch ermordet wurde.

Hier spricht Natallias Chef

„Wir stehen alle unter Schock“, sagte am Dienstag Tobias W., Chef des „Kapitols“. „Ich kenne Natallia seit über zehn Jahren. Sie war eine sehr freundliche, zuverlässige Mitarbeiterin.“ Seit etwa acht Jahren habe die 35-jährige Ukrainerin in seinem Tabledance-Lokal in der Arnulfstraße gearbeitet - zuletzt als Bardame und Geschäftsführerin. „Eine zierliche, hübsche, fröhliche Frau, die gerne lachte. Sowohl bei den Gästen als auch bei ihren Kolleginnen war Natallia sehr beliebt“, so der 41-jährige Geschäftsmann und fährt fort: „Die Trauer bei den Mädchen ist unendlich.“

Dienstag sah man Natallias Freundinnen ein paar Meter vom Unglücksort in einem Straßencafé sitzen - immer wieder brachen die drei Damen weinend zusammen. „Natallia gehörte zu ihnen wie ein Familienmitglied“, sagt W. „Die meisten kommen ja  aus der Ukraine oder Polen - und haben keine Verwandtschaft in München.“ Auch Natallia war nach der Trennung von ihrem Mann, den sie 2004 (kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland) geheiratet hatte, alleine in der Stadt; ihre 13-jährige Tochter lebt in der Ukraine. W. vermutet, dass ein Beziehungsstreit der Grund für den Mord gewesen sein könnte. Ein Raubüberfall könne ausgeschlossen werden. „Denn sowohl von Natallias Sachen als auch in der Bar hat nichts gefehlt.“ Entsetzt sei er über die Aggressivität, die heutzutage herrsche. Bis sein Team diese Tragödie verkraftet habe, das werde jedenfalls noch lange dauern, ist W. überzeugt. „Bis Sonntag muss die Bar erstmal noch zu bleiben.“

Am Mittwoch bestätigte die Polizei, dass es nur wenige Stunden vor der Tat einen Polizeieinsatz in dem Lokal gegeben hat. „Es hat sich jemand gemeldet, es gebe Ärger im Club, und eine Streife war vor Ort“, sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch.

Ob es sich bei dem Anrufer oder der Anruferin um das spätere Opfer handelte, konnte der Sprecher nicht sagen. In dem Nachclub sei aber nichts und niemand weiter aufgefallen, die Beamten hätten das Lokal dann wieder verlassen.

Jacob Mell, Sebastian Arbinger, Dorita Plange, Tina Layes

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