Arm! Alt! Einsam!

Schock-Studie über Münchens Rentner

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Sonja Aldinger (77) ist eine von 15 000 armen Senioren in München.

München - Es geschieht nicht oft, dass Zahlen, Prozente und Beträge fassungslos machen. Diese Studie schafft das: Die Stadt ließ die Lage der Armen untersuchen, vor allem der ­Senioren.

Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) wird sie am Donnerstag im Rathaus vorstellen. Wie leben sie? Wie geht es ihnen? Welches sind die größten Probleme?

Alt, arm, einsam – vor allem die Frauen leben oft allein. Ihnen fehlt es nicht nur an Geld, sondern auch an Zuspruch und Unterstützung. Kein liebes Wort, kein freundlicher Blick, keine Hilfe: So tief kann Armut gehen. 19 000 Münchner bekommen Sozialhilfe, darunter 15 000 Grundsicherung im Alter. Tendenz steigend. Die Studie mit 300 Befragten öffnet nun Türen, die sonst verschlossen sind.

Denn die Armen bleiben unsichtbar im reichen München: Fast alle sind fast immer zu Hause. Sie bekommen kaum Besuch, gehen kaum aus oder ins Grüne. Wo soll man auch hin mit dem bisschen Stütze? Der Staat zahlt Miete und 374 Euro, München legt seit April noch einmal 19 Euro drauf. Der Stadtrat hätte gern höhere Zuschläge gewährt, mehr gab ein Gutachten aber nicht her.

Kein Wunder, wenn fast alle sagen: „Das Geld ist weniger als das, was ich zum Leben brauche.“ Jeder Zweite erklärt sogar, dass sich die Finanzlage innerhalb eines Jahres verschlechtert hat. Dabei blieb die Stütze gleich! Das Sozialreferat folgert, dass Bedürftige noch den letzten Euro auf dem Mini-Sparbuch knacken.

Die meisten Befragten verzichten auf neue Kleidung und Schuhe oder geizen mit Reparaturen. Ein Stückchen Torte im Café oder ein Schweinsbraten im Wirtshaus? Jeder fünfte arme Rentner spart ja schon an Lebensmitteln im Supermarkt!

Von den Hilfen der Stadt haben sie kaum gehört: Die meisten nutzen noch den München-Pass mit Rabatt in Bädern, Museen, Kinos und die von 50 auf 25 Euro verbilligte MVV-Karte. Dagegen besucht kaum einer die vielen Beratungsstellen. Für die Experten liegt das an der Isolation: „Es zeigt sich eine doppelte Ausgrenzung: Personen, die niemanden haben, von dem sie Rat und Hilfe erhalten, kontaktieren auch Beratungsstellen viel seltener.“ Außerdem gehen sie weiter von verdeckter Armut aus: Gerade die Senioren scheuten sich, aufs Amt zu gehen.

Mehr Geld geben darf die Stadt nicht. Darum fordert sie vom Bund höhere Sätze, die alten einmaligen Leistungen und einen Mindestlohn, damit die Menschen ordentlich in die Rente einzahlen können.

David Costanzo, Susanne Hartung

Wie die Betroffenen ihre Tage verbringen

96 Prozent … sind so gut wie immer zu Hause

96 Prozent … gehen nicht oder kaum in Kino und Theater – darunter gehen 70 Prozent nie aus

83 Prozent … machen nie oder nur selten eine Fahrt ins Grüne oder andere Ausflüge

80 Prozent … können selbst kaum noch Freunde und Bekannte besuchen

77 Prozent … werden nicht mehr oder kaum von Freunden und Bekannten daheim besucht

49 Prozent … müssen immerhin ab und an für dringende Erledigungen raus

18 Prozent … kommen noch häufig zum Sporteln an die Luft

10 Prozent … müssen regelmäßig aufs Amt

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