Analyse des Jahres 2016

49 Stunden Stillstand: München ist deutsche Stau-Hauptstadt

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Stau auf der Sonnenstraße im August 2016.

Pendler, die mit dem Auto fahren, stehen in München jährlich 49 Stunden im Stau – länger als in jeder anderen deutschen Stadt. Das hat das Software-Unternehmen INRIX errechnet. Der Navi-Hersteller TomTom nennt andere Zahlen, die Tendenz ist jedoch die gleiche: Der Stau erreicht die Schmerzgrenze.

Update vom 31. März 2017: Wo wird es an den Oster-Feiertagen wieder eng? Wir haben zusammengefasst, auf welchen deutschen Autobahnen an Ostern 2017 Staus drohen.

München - Auf diesen Superlativ ist München nicht stolz: Wer in den Stoßzeiten unterwegs ist, steht jährlich im Schnitt 49 Stunden im Stau, die Geschwindigkeit sinkt dabei im abendlichen Berufsverkehr auf 7,92 Kilometer pro Stunde – da halten sportliche Fußgänger fast mit. Diese Zahlen, ermittelt aus Milliarden GPS-Daten aus fahrenden Autos, sichern München Platz 1 auf der Hitliste der staureichsten deutschen Städte, die INRIX gestern in einer Analyse für das Jahr 2016 vorgestellt hat. Die verlorene Zeit habe allein in München Kosten von knapp zwei Milliarden Euro verursacht.

Der Navi-Hersteller Tom Tom kommt zu noch eindrucksvolleren Zahlen: Demnach stehen Pendler in München jährlich 119 Stunden lang im Stau. Der Unterschied erklärt sich aus der Systematik: TomTom nimmt das Durchschnittstempo in der Nacht, wenn manche Ampeln abgeschaltet sind, zum Maßstab und wertet jede Verzögerung, die sich tagsüber ergibt, als Stau. Für INRIX sei dagegen der normale Ampelstop noch kein Stau, erläutert Sprecher Holger Hochgürtel.

Vor allem innerhalb des Rings hakt es

Eine Münchner Besonderheit: Während der Verkehr auf den großen Ein- und Ausfallstraßen leidlich gut vorankomme, hakt es laut Holger Hochgürtel besonders innerhalb des Mittleren Rings. So summiert sich der staubedingte Zeitverlust von Pendlern allein auf dem knapp vier Kilometer langen Streckenabschnitt von der Leopoldstraße zur Landshuter Allee über Hohenzollern- und Leonrodstraße im abendlichen Berufsverkehr pro Pendler auf 34 Stunden im Jahr (siehe Grafik). Die Hohenzollernstraße landet deshalb nach der A 3 bei Köln auf Platz zwei der staureichsten Streckenabschnitte in ganz Deutschland.

Die Grafik zeigt besonders neuralgische Strecke n aus der INRIX-Studie und Stau-Schwerpunkte, die TomTom aus den Navi-Daten der Autos errechnet hat.

Nicht nur Pendler sorgen für Stau

Anders als in den meisten Städten sei der Verkehr in München auch außerhalb der Stoßzeiten sehr dicht – sogar am Wochenende, sagt Hochgürtel. „Das liegt zum einen am Tourismus und zum anderen am Freizeitverhalten der Münchner“, vermutet der Experte. Und an der schieren Menge der Fahrzeuge: Knapp 800.000 Autos sind in München zugelassen. Im Großraum inklusive Autobahnring werden laut TomTom täglich 108,8 Millionen Kilometer abgespult. Das entspricht 141 Mal der Strecke zum Mond und zurück oder 2715 Erdumkreisungen.

Dass der Anstieg gegenüber dem Vorjahr mit einem Prozent geringer als in anderen Städten ausfiel, wertet TomTom-Verkehrsexperte Thomas Hüffer als Indiz dafür, dass die Schmerzgrenze der Autofahrer erreicht sei und sie sich nach Alternativen umsehen.

Linderung wäre möglich

Die INRIX-Daten zeigen, dass Linderung im Detail möglich ist: Der Luise-Kiesselbach-Tunnel hat die Durchschnittsgeschwindigkeit auf diesem neuralgischen Abschnitt des Mittleren Rings in der abendlichen Hauptverkehrszeit von 31 auf 40,7 Stundenkilometer steigen lassen. Wie viel die neue Spur am Isarring bringt, wird erst die Studie im nächsten Jahr zeigen.

Ein Allheilmittel sei Straßen- und Tunnelbau aber nicht, sagt Hüffer. „Zusätzliche Straßen sind keine Option.“ Nötig sei Verkehrsvermeidung, etwa durch Öffentlichen Nahverkehr und Fahrgemeinschaften. Alternativ müsse man den Verkehr entzerren und durch Verlegung von Arbeitszeiten die neuralgischen Stunden meiden. Laut TomTom sind das morgens von 8 bis 9 und abends von 17 bis 18 Uhr. Interessant dabei: Während morgens der Dienstag am stauträchtigsten ist, hat sich abends der Donnerstag als kritischster Tag herausgestellt.

Arbeitszeiten ändern, um dem Stau auszuweichen

Erste Reaktionen der Arbeitswelt gibt es bereits: INRIX-Sprecher Hochgürtel berichtet von einem „Großen Arbeitgeber im Münchner Norden“, der an den Daten der Studie Interesse gezeigt habe. Das Ziel: Die Arbeitszeiten optimieren, damit die Belegschaft den Staus meiden kann.

„Junge Leute wollen heute kein Auto mehr besitzen“, beobachtet Professor Michael Schreckenberg, Verkehrsexperte der Uni Duisburg. Es werde jedoch noch Jahre dauern, bis sich dies auf den Straßen niederschlägt. Beschleunigen lasse sich die Abkehr vom eigenen Auto durch attraktivere Preise und Fahrtzeiten im öffentlichen Nahverkehr. Weil zu viele fast leere Busse unterwegs seien, propagiert Schreckenberg den „öffentlichen Individualverkehr: Kleine Fahrzeuge, die App-gesteuert ähnlich wie Taxis nach Bedarf fahren. Von anderen Konzepten hält Schreckenberg wenig. Carsharing funktioniere „nur in den Städten“, und dass das Fahrrad einmal eine wesentliche Rolle im Verkehrsgeschehen spielen könne, sei „Wunschdenken“.

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