1. tz
  2. München
  3. Stadt

Stumme Zeugen am Straßenrand

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Ein kurzer Blick, Bruchteile von Sekunden nur. Dann ist es verschwunden – aus den Augen, aus dem Sinn.

Doch jedes Kreuz am Straßenrand steht für ein Schicksal, für Schmerz, für Trauer, für Verlust. Tausende solcher Gedenkstätten säumen Bayerns Straßen. Die einen liebevoll gepflegt, die anderen vergessen. Tommy Schmidt (48) gehen diese Marterl nicht aus dem Kopf – zu oft ist er an ihnen „nur vorbeigefahren“. Jetzt arbeitet er an einem Internetprojekt, das die Standorte von Unfallkreuzen auf einer virtuellen Straßenkarte markiert – das Projekt heißt „Kreuz am Rand“.

Das erste Marterl, das Tommy Schmidt auf der Online-Straßenkarte platzierte, war das von Magnus Zenz. Tommy Schmidt hatte es entdeckt, als er mit seinem vierzehnjährigen Sohn Louis eine Radtour machte. Vor dem Kreuz an der B388 bei Eichenried (Kreis Erding) blieben Vater und Sohn lange stehen. Ein junger Mann war an dieser Stelle gestorben, nur 21 Jahre alt. „Vor dem Kreuz waren frische Blumen. Man hatte Magnus nicht vergessen“, sagt Tommy Schmidt.

Der Internetkünstler und sein Sohn fotografierten das Unfallkreuz. Sie nahmen sich Zeit – jene Zeit, die Autofahrer nicht finden, wenn sie über die Landstraßen rauschen. Das Projekt „Kreuz am Rand“ soll ihnen diese Zeit geben. Ideell unterstützt wird es vom Kulturreferat der Stadt München, der Werbeagentur Serviceplan und Dr. Christine Aka, Autorin des Buches „Unfallkreuze“.

„Sichtbar zu machen, was nicht gesehen wird“ – das ist Tommy Schmidts Anliegen. „Kreuze am Straßenrand stehen für Orte, an denen Menschen unvorbereitet aus dem Leben gerissen wurden.“ Marterl sind oft Teil der Trauerarbeit: Nicht selten stellen Freunde eines jungen Verunglückten ein Kreuz an der Unfallstelle auf, die Eltern pflegen es weiter. Die Gedenkstätten sollen mahnen: „Vorsicht, an dieser Stelle lauert der Tod.“

Die Internetseite www.kreuz-am-rand.de ist interaktiv: Jeder kann Fotos von Marterl hochladen – und die Schicksale der Toten erzählen. „Wenn aber jemand nicht möchte, dass das Kreuz des Ehemannes, des Sohnes oder der Tochter im Internet steht, nehmen wir es sofort von der Seite“, sagt Tommy Schmidt.

Mit dem Projekt will der Künstler kein Geld verdienen. „Es ist uns ein Anliegen, gegen das Vergessen zu arbeiten“, sagt Tommy Schmidt, der als Texter und Konzeptionist in der Münchner Werbeagentur Serviceplan arbeitet. Er und einige Kollegen investieren trotzdem viel Zeit in „Kreuz am Rand“. „Uns geht es um mehr Aufmerksamkeit – für die Schicksale der Toten.“

Allein im vergangenen Jahr starben 995 Menschen auf Bayerns Straßen den Unfalltod – es sind 995 einzelne Schicksale.

Jacob Mell

Quelle: tz

Auch interessant

Kommentare