Sechs Münchner schildern ihre Befreiung

Die Stunde Null in München: Zeitzeugen berichten

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München - Als die Amerikaner am Morgen des 30. April 1945 München erreichen, ist die nur noch 400.000 Einwohner zählende „Hauptstadt der Bewegung“ ein rauchendes Ruinenfeld.

Im Haus versteckt

Ein paar Tage bevor die Amerikaner anrücken, wird Josef Reiserer, damals 16, von seinem Vater im Haus am Ostbahnhof versteckt: „Ich war gemustert und hatte einen Wehrpass. Jeden Tag hätte ich zum Volkssturm eingezgen werden können.“ Als die Amerikaner da sind, steht am Ostbahnhof noch ein Zug mit Nachschub für die Wehrmacht. Die Anwohner räumen ihn aus, die Amerikaner schauen zu. „Ich brachte einen Eimer Rahm nach hause, mit dem wir aber kaum was anfangen konnten.“

Ein Schuss geht ins Leere

Rosemarie Griesbacher (78) wohnte damals – wie heute – im familieneigenen Haus in der Löwithstraße in Schwabing. „Meine Mutter war Lazarettschwester in Rottach am Tegernsee, meine Großmutter passte auf mich auf, als es auf einmal hieß: ,Die Amis sand an Karlsplatz kemma.‘“ Im Haus vis à vis ist ein Schuss zu hören. „Da wohnte ein Mann von der Gestapo, der wollte sich umbringen, hat aber danebengeschossen.“ Er habe geraubte jüdische Antiquitäten versteckt. „Die Wohnung haben dann die Amis requiriert.“

Ein Watschn für die Kapitulation im Elternhaus

Ulrike Zunner (78) lebt mit ihrer Familie in Hadern. „Als die Amis einmarschierten, war ich alleine zu Haus. Mein Vater war im Büro, er arbeitete in der Propagandaabteilung der Luftwaffe.“ Die Mutter ist zum „Organisieren“ weggeradelt, als sich herumspricht, dass an der Fürstenriederstraße das Lagers eins Metzgers aufgebrochen wurde. „Als die Nachbarn riefen: ,Der Feind marschiert ein‘, hing ich ein Bettlaken aus dem Fenster.“ Der Einmarsch geht problemlos über die Bühne. Nur: „Als Mama heimkam, gab sie mir eine Watschn und zog das Laken wieder herein.“

Ein Ami zielte auf mich – ich hob die Hände

Robert Seidenader ist gerade 15, als die Amis kommen. Er steht am Nockherberg, als er ein ihm unbekanntes Motorengeräusch hört: „Da kam ein Jeep den Berg hoch, am Steuer ein GI, mit einer Hand lenkte er, die andere Hand hatte er am Abzug seines Maschinengewehrs und zielte auf mich. Ich habe die Hände hoch gehoben.“ Der Soldat fährt vorbei. „Somit hatte mich der Feind überrollt, der Krieg war aus für mich vorbei. Ich war erlöst.“ Ende März war er der Einberufung wegen eines Luftalarms im Wehramt in Berg am Laim entkommen.

Grausiger Anblick

Georg Drechsler (94) war Kriegsinvalide, als die Amerikaner München erreichten. „Ich hatte beim Frankreich-Feldzug 1940 mein rechtes Bein verloren und studierte Fernmeldetechnik an der TU.“ Da der Vater im Landtag arbeitete, lebte die Familie zunächst dort in einer Dienstwohnung, bis sie 1944 ausgebombt wurden. „Ich kam dann bei Freunden in Bogenhausen unter.“ Die Amerikaner rücken dort am 1. Mai ein. „Als ich an diesem Tag zum Prinzregentenplatz ging, hatten die Amerikaner dort fünf Nazis aufgehängt.“ Hitler hatte hier eine Wohnung.

Der erste Kaugummi

Klaus Reindl (82) erinnert sich: „Mein Vater und ich blieben vom 29. April an im Haus.“ Man hörte von weitem Geschützdonner. „Wir verbrannten im Herd HJ-Zeichen und versuchten, die Gedanken mit Kartenspielen zu vertreiben. Was passiert in München? Wird die Stadt bombardiert? Wir verbringen die Nacht angezogen im Keller.“ Nichts passiert, bis am Morgen des 30. April die US-Kolonnen in Sendling auftauchen. „Wir sahen den ersten Schwarzen und bestaunten seine hellen Handinnenflächen. Er schenkte uns Kaugummi.“

Chronik der Befreiung

Die Nazi-Propaganda hat zur „Schlacht um München“ aufgerufen. Lesen Sie die Chronik des letzten Kriegstages:

7 Uhr: US-Späher Wolfgang F. Robinow erreicht mit einem Jeep von Augsburg kommend Obermenzing, er soll die Lage erkunden, auch Propaganda-Offizier Ernest Langendorf ist unter den Kundschaftern.

8 Uhr: Beim Vormarsch auf die Stadt kommt es in Feldmoching, Freimann und Schleißheim zu Schießereien, die SS leistet Widerstand. Die Amerikaner beschießen Allach, die Kirche Peter und Paul wird beschädigt.

9 Uhr:  Polizist Florian Stangl hisst auf einem Turm der Frauenkirche die weiße Fahne. Der Dompfarrer lässt sie einziehen, Stangl bringt die Fahne später wieder an.

14 Uhr: Die US-Späher erreichen den Marienplatz, wo eine winkende Menschentraube steht. „Ich war wütend, schließlich war München die Hauptstadt der Bewegung“, so Robinow später. Langendorf: „Ich habe den Eindruck, dass diese Freude nicht gekünstelt war, denn unser Auftauchen im Herzen der Stadt bedeutete für die Menschen das Ende der Bombennächte, der Alarme und des täglichen Kampfes.“

14.15 Uhr: Am Stiglmaierplatz tauchen US-Panzer auf. Die tags zuvor noch errichteten Volkssturm-Stellungen in der Ludwigstraße sind über Nacht verschwunden. Im Polizeirevier am Hauptbahnhof legen die Polizisten ihre Waffen in einen Korb. Wachtmeister Ganeder begegnen draußen ein deutscher Leutnant und acht Soldaten mit Panzerfäusten: „Ich habe Befehl, München zu verteidigen,“ so der Leutnant. „Schieß ihn nieder“, raunen die Soldaten dem Polizisten zu. Ganeder geht weiter. Kurz bevor die Amerikaner den Bahnhof erreichen, fällt dort ein Schuss. Am nächsten Tag erfährt Ganeder, am Hauptbahnhof liege die Leiche eines Leutnants …

15 Uhr: Anruf beim seit Tagen verschwundenen Polizeipräsidenten Hans Plesch. Büchereiverwalterin Pauline Micheler hebt ab. Ein Amerikaner sagt auf Deutsch: „Übergeben Sie die Stadt.“ Micheler erklärt, das Rathaus sei zuständig und verbindet dorthin.

16.15 Uhr: Oberrechtsrat Dr. Michael Meister vom städtischen Ernährungs- und Wirtschaftsamt übergibt die Rathaus-Schlüssel an die Befehlshaber der 7. US-Armee. Er ist vom Bürgermeister Karl Tempel beauftragt, weil Meister etwas Englisch kann. Nazi-OB Fiehler ist längst getürmt. Münchens Stunde Null ist gekommen, allerdings zunächst nur im Stadtgebiet westlich der Isar, nur US-Kundschafter fahren über die Brücken. Bogenhausen, Au, Giesing usw. werden erst am 1. Mai besetzt. Nach 5568 Tagen ist die Zeit des Nationalsozialismus in München vorbei, es beginnt der mühsame Wiederbeginn.

Vor 70 Jahren am 30. April

München:  Wintereinbruch, es schneit. Nach mäßigem Nachtfrost wird es nur vier Grad warm. Die Letzte Nummer des Völkischen Beobachters berichtet von der Großschlacht um Bayern.

Bayern: Als die US-Armee über Dietramszell nach Bad Tölz vorstößt, werden ihre Panzer bei Thankirchen von der SS angegriffen und gestoppt. Wolfratshausen wird besetzt. In Waakirchen befreit die US-Army 6887 Häftlinge, die vom KZ Dachau auf einen Todesmarsch geschickt wurden. In Seeshaupt am Starnberger See werden 3000 KZ-Häftlinge befreit, in Staltach bei Penzberg 1759 Juden. Hunderte der Teilnehmer dieser Todesmärsche und „Evakuierungen“ per Bahn erleben die Befreiung nicht, sie sterben an völliger körperlicher Entkräftung oder werden ermordet.

Welt: Adolf Hitler hält die letzte Lagebesprechung im Führerbunker. Mittags verteilt er Giftampullen mit Zyankali an seine Begleiter und stellt ihnen frei, zu gehen. Um 15.30 Uhr nimmt Eva Braun die Blausäuretabletten, Hitler erschießt sich. Die Leichen werden im Garten der Neuen Reichskanzlei verbrannt und verscharrt. Die Rote Armee hisst ihre Fahne auf dem Reichtstag.

Vor 70 Jahren am 1. Mai

München: Der Frühling kehrt zurück, nach kühler Nacht wird es 19 Grad warm. Von 18 bis 6 Uhr herrscht Ausgangssperre. Ex-Reichstagsabgeordneter Fritz Puchta (62, SPD) stirbt im Klinikum Schwabing an den Folgen der Dachauer KZ-Haft. Franz Stadelmayer übernimmt auf Befehl der US-Army die Geschäfte des Oberbürgermeisters. Mai-Kundgebung auf dem Königsplatz mit 60.000 Menschen, das Motto: Völkerfrieden, Völkerverständigung, soziale Gerechtigkeit, Demokratie, Menschenrechte und Schutz der Arbeitskraft.

Bayern: US-Einheiten befreien die KZ-Außenlager Plattling und Ganacker sowie die Arbeitslager in Geretsried, besetzen die dortigen Rüstungsfabriken und Arbeitslager. Thankirchen bei Bad Tölz wird wegen des SS-Widerstands zerstört.

Welt: Das letzte deutsche U-Boot geht vom Stapel. Joseph und Magda Goebbels vergiften ihre Kinder und sich selbst im Berliner Führerbunker.

Tag der Befreiung: unser historischer Ticker zum Kriegsende in München

Johannes Welte

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