22 Stunden im Schnee – dramatische Rettung

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Große Dankbarkeit: National-Kanute Julian Rohn (re.) und Mischa Kellner (li.) mit Rettungschef Christian Spielmann.

München - Kanu-Weltmeister Julian Rohn und sein Kumpel Mischa Kellner waren auf der Zugspitze 22 Stunden im Schneegestöber gefangen. In einer dramatischen Rettungsaktion wurden sie vom Berg geholt. Das Protokoll:

Überall Seilbahnen, meist guter Handyempfang und ein Heer von Rettungshubschraubern in der Nähe stationiert – kaum ein Münchner Hausberg wird so oft unterschätzt wie die Zugspitze. Bis sich der von Mensch und Technik gezähmte Felsriese wieder mal gnadenlos rächt. Wie unberechenbar die Natur sein kann, erlebten zwei Skifahrer letzte Woche. Gefangen in der Zugspitzwand, zitterten sie fast 23 Stunden lang um Leib und Leben – mit ihnen rund 30 Bergretter. Die Münchner hatten sich in der Ski-Route Neue Welt verirrt. „Die Lage war sehr ernst, weil die Lawinengefahr immer größer geworden ist“, erzählt Bergrettungschef Christian Spielmann. Am Ende ging die mutige Rettungsaktion als dramatischster Großeinsatz seit dem Todesdrama beim Zugspitzlauf in die Ehrwalder Alpingeschichte ein.

Die tz dokumentiert die bangen Stunden:

Donnerstag, 9.30 Uhr: Julian Rohn (27) und Mischa Kellner (46), zwei Sport-Spezln, treffen auf dem Parkplatz vor der Talstation der Tiroler Zugspitzbahn zwei Bergrettungsleute, kommen mit ihnen ins Gespräch. Die Münchner erzählen von ihrem Ziel: der berüchtigten Neuen Welt. Die Einheimischen warnen vor den Gefahren, die Städter lassen sich aber nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Immerhin: Zur Sicherheit tauschen sie mit einem der Bergretter die Handynummern aus. Julian und Mischa marschieren mit Fellen unter den Skiern vom Zugspitzplatt auf den Schneefernerkopf, dem Einstieg zur Neuen Welt. Vor ihnen liegen etwa 1800 Höhenmeter in bis zu 45 Grad steilem Gelände, zwischendrin eine 60-Meter-Abseilstelle.

16. 15 Uhr: Der Bergretter sieht das Auto der Münchner immer noch an der Talstation stehen. Sie müssten aber längst zurück sein. Er ruft bei den Münchnern an – zum Glück: Denn zu diesem Zeitpunkt spielt sich in der Wand bereits ein Drama ab. Julian hat an der heikelsten Stelle einen Fehler gemacht, das Seil in die falsche Richtung geworfen. Er kommt nicht mehr weiter. Ein Fels schlägt ihm zwei Zähne aus. Die Bergrettung wird alarmiert.

17.10 Uhr: Ein Hubschrauber versucht, in die Wand zu fliegen. Nebel und Wind setzen ein, es schneit. Der Flug muss abgebrochen werden.

17.40 Uhr: Ein Team macht sich von Ehrwald aus auf den Weg zum Schneefernerkopf – zunächst mit der Bahn, dann zu Fuß. „Vier unserer besten Männer“, berichtet Bergrettungschef Spielmann.

17.50 Uhr: Vom Tal aus versuchen zehn Kameraden, den Verunglückten entgegenzusteigen.

19.50 Uhr: Die Vierer-Gruppe erreicht die Münchner am Unfallort. Mischa sitzt über der Abseilstelle auf circa 2100 Metern, sein Freund hängt 30 Meter tiefer im Fels. Die Bergretter nehmen die Spezln ans Seil, überwinden so die Schlüsselstelle. Doch weiter kommen sie nicht: „Einer unserer Kameraden ist fast bis zum Hals im Triebschnee versunken, die anderen haben ihn mühsam rausgezogen. Es kamen Lawinen im Minutentakt“, weiß Spielmann. Das Thermometer sinkt auf 20 Grad minus.

20.45 Uhr: Die Retter entscheiden sich, eine Schneehöhle unter einem lawinensicheren Wandüberhang zu graben, werkeln stundenlang herum – auch, um warm zu bleiben.

Freitag, 2 Uhr: Das Notbiwak ist fertig. Das Sextett verbringt die nächsten Stunden darin. Von der Rettungs-Zentrale im Tal aus halten Kameraden Kontakt zu ihnen, muntern sie auf: „Wir haben kein Auge zugemacht.“

5.30 Uhr bis 8 Uhr: Besprechung mit dem Wetterdienst. Noch immer kein Flug möglich. Oben in der Wand kühlen die Männer langsam aus.

11 Uhr: In der Wand geht eine große Lawine ab. Sie fegt durch eine teils nur zwei Meter breite, sehr steile Rinne. Jetzt wäre dieser direkte Fluchtweg frei von gefährlichem Triebschnee und wieder sicherer befahrbar.

11.45 Uhr: Zehn Bergretter steigen ihren vier Kameraden und den beiden Münchnern erneut vom Tal aus entgegen.

11.50 Uhr: Eine dritte Gruppe, die zur Verstärkung über den Schneefernerkopf in die Neue Welt einsteigen will, muss umkehren, der Neuschnee ist bereits hüfthoch. Unten sitzt ein viertes Team am Heli wie auf Kohlen – weiter Flugverbot!

13.30 Uhr: Ausharren oder abfahren – die Bergretter beraten sich, stimmen ab. Zwei dafür, zwei dagegen. „Eine ganz schwierige Situation“, berichtet Spielmann, „meine Männer hatten Angst, dass die Münchner eine weitere Nacht dort oben nicht überleben.“ Letztlich wagen es die Bergretter doch. Drei von ihnen sind Familienväter. Hoffentlich donnert keine weitere Lawine in die enge Rinne: „Die hätte alle mitgerissen.“

14 Uhr: Die Rettungsmannschaft im Tal meldet erstmals Sichtkontakt zu der Sechsergruppe in der Wand.

14.25 Uhr: Das Talteam nimmt den ersten, erschöpften Münchner in Empfang.

15.20 Uhr: Endlich sind alle in Sicherheit. „Wir haben an der Zugspitze schon viel erlebt“, bilanziert Rettungschef Spielmann, „aber diesmal haben wir uns wirklich Sorgen gemacht. Schließlich waren ja auch unsere Kameraden oben gefangen. Wir hatten einen Riesen-Schutzengel.“

Andreas Beez

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