Filter oder Kapsel?

Auf der Suche nach der perfekten Tasse Kaffee

+
Alexander Vits

München - Deutschland galt stets als Land der Kaffeetrinker. Ausgerechnet ein US-Schauspieler hat unsere Trinkgewohnheiten nun verändert: Kaffee kommt heute aus Kapseln. Das ist zwar total schick, schadet jedoch der Umwelt. Und: ist vor allem sehr teuer.

Der moderne Kaffeemarkt sieht anders aus. Der jüngste Trend geht zur perfekten Tasse Kaffee aus der Kapsel. Das entspricht dem Zeitgeist: Die Menschen wollen ihr Lieblingsgetränk immer und überall genießen. Sechs Minuten Zeit pro Tasse hat fast keiner mehr. Also soll die Zubereitung nicht zu lange dauern. Da kommt die Kaffeekapsel gerade recht. So lässt sich auch ihr Erfolg erklären, glauben Branchen-Kenner. Dazu kommt der Kult, der um die meist individuell designten Maschinen entstanden ist: Man stellt sie stolz in seiner Küche aus, präsentiert sie wie ein Schmuckstück.

Der Kapselmarkt ist 2011 rasant gewachsen – um rund 30 Prozent. Marktführer ist Nespresso, Tochterfirma des Schweizer Lebensmittelkonzerns Nestlé. Die Firmenphilosophie ist zum Trend geworden: „Jeder Kaffeetrinker kann ganz einfach Barista sein.“ Die Frage heißt nicht mehr: Milch oder Zucker? Sondern: blumig, holzig, zitronig, geröstet, stark geröstet? Geschmack nach Honig, Getreide, Kakao oder Wein? Vits’ Bohnenkunde ist hier nicht mehr nötig: Kapsel rein, Knopf drücken, das war’s.

So gesund ist Kaffe: Die fünf wichtigsten wissenschaftlichen Studien

Kaffee: Die fünf wichtigsten Studien 

Nespresso hat den Standard gesetzt – die Konkurrenz will mithalten. Technisch eine ordentliche Tüftelei, da viele kleine Faktoren rund um Maschinen und Kapseln den Geschmack prägen: Aromen gehen flöten, wenn das Kaffeepulver nicht frisch, die Dosierung zu niedrig, die Mahlung zu grob, die Wasserhärte zu hoch und der Brühdruck zu gering ist. Besonders problematisch wird es bei Kaffee mit Milch, also Latte macchiato oder Cappuccino auf Knopfdruck. „Schmeckt wie aromatisiertes Wasser“, ätzten Tester 2009. Inzwischen werden die Geräte immer ausgefeilter. Der „Tassimo“-Automat von Kraft hat eine ausgeklügelte Barcode-Technologie, die erkennt, welches Getränk aus der Kapsel am Ende in die Tasse tröpfeln soll und dementsprechend Wassermenge, Temperatur und Brühzeit reguliert.

Innovationen sind gefragt, es rührt sich was auf dem noch jungen Kapsel-Markt. „Der Wettbewerb mit Nespresso bereitet uns zunehmend Freude“, frohlockt Tchibo-Vorstand Thomas Holzgreve, neben Kraft einer der größten Nespresso-Konkurrenten. Noch aber sind die Schweizer ihnen einen Schritt voraus. Vor allem in Sachen Imagepflege.

Die Nespresso-Boutique in München ist eine durchgestylte Aluminium-Kapsel-Welt auf zwei Etagen. Eine völlig neue Kaffeekultur. Elektronische Musik dröhnt durch den Raum im Erdgeschoss, Designer-Kaffeemaschinen blitzen in den Lichterspots, Kapseln funkeln wie metallic-lila Juwelen in lackschwarzen Regalen. Lila Kapsel-Punkte zieren kaffeebraune Wände. Hier stehen Herren in Anzügen und Frauen in Kostümen, sie halten Tässchen in der Hand und kauen Kaffee wie bei der Weinprobe, um die Aromen rauszuschmecken.

Von den Flachbildschirmen lächelt ein Mann, der die Frauenherzen zum Schmelzen bringt – und sie offenbar zum Kaffeekaufen bewegt: Hollywood-Star George Clooney, das Werbegesicht von Nespresso. Er trägt Nespresso-Tasse, weißes Hemd und schwarzes Jackett, ohne Krawatte. Cool, elegant. Passt perfekt in den blitzblanken Laden. Luxusmarketing pur – und es funktioniert.

Ja, man ist schon stolz auf sein berühmtes Werbe-Gesicht. Bereits 2007 erklärte Nespresso-Chef Gerhard Berssenbrügge: Auch dank Clooney sei der Umsatz um mehr als 40 Prozent gestiegen. „Wir verdanken ihm ein Viertel unseres Wachstums.“ Als die ersten Streifen mit dem Oscar-Preisträger anliefen, stürmten die Kunden nahezu in die Läden. Die gemeinsame Erfolgsgeschichte hält bis heute an. Nespresso erzielt Rekordumsätze, steigerte den Umsatz 2011 um 20 Prozent auf rund 2,9 Milliarden Euro. Über die Gewinnspanne schweigt sich das Unternehmen aber beharrlich aus. Experten rechnen mit riesigen Summen.

Man kann ja mal nachrechnen: Eine Kapsel kostet zwischen 35 und 39 Cent, eine Sonderkollektion sogar 42 Cent. Inhalt: um die fünf Gramm Kaffee. Würden die Kapseln nicht in Stangen verkauft, sondern in 500- Gramm-Packungen, würde das Pfund um die 40 Euro kosten. Zum Vergleich: Im Einzelhandel kosten 500 Gramm Röstkaffee im Schnitt 4,19 Euro. Fünf Milliarden Tassen Einzelportionen aus Kapseln und Pads wurden vergangenes Jahr hierzulande getrunken. Nespresso ist auch bis zu dreimal teurer als die Kapseln anderer Hersteller – und begründet das mit besonders strenger Auswahl der Kaffeefarmen.

Die Kunden haben also keine Wahl. Eigentlich. In Nespresso-Maschinen sollen nämlich nur Original-Kapseln, so will es die Schweizer Firma. Sie verkauft ihr schwarzes Gold exklusiv im Internet und in den Boutiquen. Wer eine Maschine erwirbt, wird automatisch Mitglied im Nespresso-Club – mit Service-Angeboten und einer Zeitschrift. Chef Berssenbrügge verkündet: „Wir verkaufen keinen Kaffee, wir verkaufen ein Erlebnis.“

Einen kleinen Rückschlag musste er dann aber doch jüngst hinnehmen. Das Landgericht Düsseldorf entschied erst gestern: Nestlé hat in seinen „Nespresso“-Maschinen auch weiterhin den Kaffee von Konkurrenten zu dulden. Nach Auffassung des Gerichts ist nämlich die Kaffeekapsel zwar Bestandteil, aber eben nicht funktionales „Herzstück“ der insgesamt patentierten „Nespresso“-Maschine. Deren Käufer dürften daher erwarten, dass sie das Gerät nicht nur mit den dafür vorgesehenen Originalkapseln benutzen können, heißt es in der Urteilsbegründung.

Längst haben andere Firmen Kapseln entwickelt, die in die Maschinen passen. Nespresso versucht natürlich alles, um die Billig-Duplikate zu verbieten. Der Kapsel-Krieg ist in vollem Gange. Und: Er wird sogar noch spannender als bisher, denn mehrere wichtige Patente der Schweizer laufen schon dieses Jahr aus.

Von den Patenten gibt es freilich viele: Bei der Herstellung in der Schweizer Fabrik birgt quasi jeder Schritt eine technische Innovation – vom Befüllen der Aluminium-Kapseln bis zum Aufbrühen in der Maschine greifen 1700 Patente. Die Konkurrenten attackieren aber nicht nur beim Preis, sondern vor allem auch beim schlechten Gewissen. Die Umwelt nämlich ächzt schließlich unter dem Trend.

Laut Öko-Institut fallen pro Kapsel rund 1,13 Gramm des enorm energieintensiven Aluminiums an. Es schließt den Kaffee zwar wunderbar frisch ein, nur könnte es auch zur Öko-Katastrophe werden: 6650 Tonnen Kapseln wurden allein im vergangenen Jahr verkauft, benutzt und weggeschmissen. „Davon wird so gut wie nichts recycelt“, warnt Heidrun Schubert von der Verbraucherzentrale Bayern. Jeder vierte Haushalt hat inzwischen einen Aufbrüh-Automaten, jeder Deutsche trinkt im Schnitt vier Tassen pro Tag. „Das führt zu unfassbar viel Müll.“ Schubert sagt, bei einer 250-Gramm-Packung Espresso, mit der sich rund 35 Tassen zubereiten lassen, falle nur ein Zehntel der Abfallmenge an.

Der Nespresso-Konkurrent Esprimo, gerade mal ein Jahr am Markt, wirbt schon jetzt mit der Kompost-Kapsel. „Wir stellen mit Pflanzenfasern her“, sagt Bernd Hehner, Geschäftsfüher von Betron, das die Esprimo-Kapseln in Deutschland vertreibt. Mit seinen 33 Cent teuren Näpfen will er in den nächsten zwei bis drei Jahren 20 Prozent Marktanteil erobern.

Doch mit der Ökologie ist es beim Kaffeetrinken ja ohnehin so eine Sache. In Alexander Vits’ Kaffeerösterei liegen schwere Säcke herum. An den groben, braunen Jutesäcken gibt es ökologisch wenig zu mäkeln: Sie sind wiederverwertbar, sie fassen um die 60 Kilo Kaffee – was durchaus mehr ist als fünf abgekapselte Gramm. Doch: Der Inhalt hat eine beeindruckende Reise hinter sich.

Vits lässt die noch grünen Bohnen durch seine Hand rieseln, schaut, ob kaputte darunter sind oder lustige Überraschungen. „Manchmal steckt in einem Sack auch ein Mitbringsel aus einem Land“, erzählt er. Steine, Wollfasern, vertrocknete Blätter sammelt er in einer kleinen Holzkiste. Schiffe brachten die Fundstücke aus Costa Rica, Kolumbien oder Indien nach Hamburg. Dann ging es mit dem Lastwagen weiter nach München. Allein diese Transportkette verrät: Kaffee ist ein übler CO2-Sünder – ob nun in der Kapsel oder im Sack, der Weg ist der gleiche.

Bei Alexander Vits soll sich die Reise der Bohnen wenigstens lohnen. Er konzentriert sich deshalb auf die Qualität. In seiner Kaffeerösterei beim Isartor gibt es keine patentierte Technik, nur Lernen durch Beobachten. Er wirft gerade eine Handvoll grüner Kaffeebohnen in die mannshohe, rote Trommelröstmaschine. Es scheppert. Vor der Rösttrommel liegt ein Ordner mit Statistiken. Akribisch hält Vits fest, wie lange die Bohnen rösten – und mit welchem Ergebnis: „Es ist eine Wissenschaft.“ So viele Faktoren müssen erfüllt sein für eine perfekte Tasse Kaffee.

Eine gute Kaffeekirsche allein reicht nun mal nicht, selbst wenn man den teuersten Kaffee der Welt kauft – den Kopi Luwak, gewonnen aus Bohnen, die von nachtaktiven ostasiatischen Schleichkatzen gefressen, anverdaut und wieder ausgeschieden wurden. Diesen Katzenkaffee gibt es übrigens auch schon in Kapseln.

Kathrin Garbe

Auch interessant

Meistgelesen

Stammstrecke Richtung Pasing: Lage normalisiert sich - Störung behoben
Stammstrecke Richtung Pasing: Lage normalisiert sich - Störung behoben
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
München, du hast noch immer ein Problem mit Homophobie!
München, du hast noch immer ein Problem mit Homophobie!
Münchens größte Werkstadt: Das neue Viertel hinterm Ostbahnhof 
Münchens größte Werkstadt: Das neue Viertel hinterm Ostbahnhof 

Kommentare