Sucht-Alarm! Jeder 10. ist betroffen

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Tobias Ulm (23) war jahrelang drogenabhängig

München - Die Zahl der Suchterkrankungen steigt in Deutschland immer weiter an. Jeder Zehnte ist inzwischen abhängig. Hier berichten vier Betroffene.

Ob Tabak, Alkohol, Drogen, Medikamente, Internet oder Glückspiel – jeder zehnte Deutsche ist von einer Substanz oder einem Verhalten abhängig.

Die größte Gefahr geht dabei nach wie vor von den legalen Suchtmitteln Alkohol und Nikotin aus. Diese sind im Alltag ein ständiger Begleiter: Kaum eine Feierlichkeit, die ohne Anstoßen oder die gemeinsame Zigarette vor der Tür auskommt. Professor Felix Tretter, Chefarzt des Kompetenzzentrum Sucht im Isar-Amper-Klinikum München, sieht darin eine große Gefahr: „Meist werden so bereits im Jugendalter die Grundlagen für eine spätere Abhängigkeit gelegt.“

Doch Suchtgefahr geht nicht nur von den altbekannten Rauschmitteln aus: Vor allem der Handel mit synthetischen Drogen boomt. Immer neue Substanzen schwemmen auf den Markt – sogenannte Legal Highs, gegen die noch nicht gesetzlich vorgegangen werden kann. Diese werden meist übers Internet vertrieben. Tretter: „Dort findet man auch genaue Anweisungen, wie man die Substanz einnehmen muss, um eine Wirkung zu erzeugen.“

Die stärksten Zunahmen gibt es im Bereich der Verhaltenssüchte, etwa Computerspiel-, Handy- oder Internetabhängigkeit. Dabei treten oft ganz ähnliche Symptome auf, wie bei der Abhängigkeit von Substanzen. Besonders problematisch: Von Computer- oder Internetsucht sind vor allem Kinder und Jugendliche betroffen.

Weitere Informationen zu Sucht und Abhängigkeit gibts heute im Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz. Dort organisieren die Kliniken des Bezirks Oberbayern eine öffentliche Tagung zum Thema. Gegenüber der tz erzählen vier Betroffene.

CS, CL, CHL

Heimlich ins Bordell

Er braucht Sex. Sofort. Wie ferngesteuert fährt Uwe (49, Name geändert) auf der Suche nach einer Prostituierten durch die Stadt, bis er findet, was er braucht. So geht es mehrmals in der Woche. Uwe ist sexsüchtig. Keiner weiß das. „Ich kann nicht mehr so weitermachen, aber lassen kann ich es auch nicht“, sagt der Münchner.

Mit 16 schaut Uwe den ersten Porno, mit 19 geht er das erste Mal ins Bordell – seitdem kann er damit nicht mehr aufhören. „Meine Sucht hat etwas mit einem tief gestörten Verhältnis zu Frauen zu tun“, vermutet Uwe. Kurz nach seiner Geburt will sich der Vater umbringen und landet in der Psychiatrie, die Mutter hat er nur als „schreiendes, prügelndes Monster“ in Erinnerung: „Ich war ständig ihr Blitzableiter, wenn ihr wieder mal die Hand ausrutschte.“

Auch wenn Uwe eine Partnerin hat, geht er heimlich zu Prostituierten. Unzählige Beziehungen zerbrachen bereits, weil er die Lügen nicht mehr aushielt. „Wirkliche Nähe zu anderen Menschen empfinde ich immer auch als Bedrohung.“ Die Sucht macht einsam – und arm: Seit Jahren ist Uwe hoch verschuldet. Nun steht auch seine aktuelle Beziehung vor dem Aus. Und ein Ausweg ist nicht in Sicht. „Oft wünsche ich mir, ich wäre tot.“

CS

Diagnose Burnout

Plötzlich verschwimmen die Buchstaben auf dem Bildschirm, die Hände sind nass­geschwitzt, der ganze Körper zittert: Doreen P. (Name von der Redaktion geändert) bricht in der Arbeit zusammen – nichts geht mehr.

In einer Münchner Klinik bekommt die 51-Jährige die Dia­gnose: Burnout. „Ich wusste nicht einmal, dass ich arbeitssüchtig bin“, sagt die Betroffene. Genau wie Doreen P. merken viele Workaholics oft nicht, dass sie mit ihrem Drang nach Arbeit und Leistung an körperliche sowie geistige Grenzen stoßen. Im schlimmsten Fall kann Arbeitssucht tödlich enden: Herzinfarkt oder Schlaganfall sind die häufigsten Ursachen. Hilfe fand Managerin Doreen P. nach dem Zusammenbruch vor drei Jahren bei der Selbsthilfegruppe Anonyme Arbeitssüchtige in der Westendstraße. „Wir kennen hier nur unsere Vornamen.“

Eine komplette Heilung ist sehr schwierig, aber Doreen P. möchte lernen, besser mit Burnout umzugehen.

Die Drogen brachten ihn in den Knast

Im Drogenrausch fühlte er sich wie Gott. „Wenn ich auf Speed war, lag mir die Welt zu Füßen – das dachte ich zumindest.“ Tobias Ulm (23) aus Burgheim (Kreis Neuburg-Schrobenhausen) startet seine Drogenkarriere mit 15, als er das erste Mal an einem Joint zieht. „Obwohl mir total schwindelig war, hab ich gleich am nächsten Tag Nachschub besorgt – mir war alles egal.“

Tobias ist ein Scheidungskind, er lebt mal beim Vater, mal bei der Mutter. Bald raucht er täglich einen Joint, greift mit 17 das erste Mal zu Speed und Ecstasy. Die Eltern merken nichts: „Erst wenn ich auf Drogen war, war ich normal.“ Tobias rutscht weiter ab, bricht eines Tages nach einer Überdosis sogar auf der Straße zusammen, der Notarzt muss ihn wiederbeleben. „Doch für mich gab es nur Drogen.“

Sein Taschengeld geht für die Sucht drauf. Tobias leiht sich Geld von seinen Eltern, doch auch das reicht nicht. Er bricht in ein Lokal ein, klaut Schnaps und verkauft ihn. Als die Polizei vor der Tür steht, hören die Eltern das erste Mal von der Sucht – ein Schock. Tobias wird zu 20 Sozialstunden verdonnert, seine Eltern reden auf ihn ein. „Ich habe versprochen, mich zu ändern – aber das war gelogen.“

Um die Sucht zu finanzieren, bricht Tobias in Schulen und Vereinsheime ein. Wieder wird er erwischt – und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. In der kleinen Zelle hat er viel Zeit zum Nachdenken. Die ersten drei Tage liegt er mit Fieber und Krämpfen auf seiner Pritsche. Dann macht es klick. Tobias lernt Gitarre, schreibt Songs, in denen er seine Erfahrungen verarbeitet, beendet im Knast seine Ausbildung. Nach zwei Jahren kommt er raus, ist seitdem clean. Heute arbeitet er als Metallbauer und tritt in ganz Deutschland auf (Infos: www.tobias­ulm.com): „Der Knast war das Beste, was mir passieren konnte.“

CS

"Ich war seelisch kaputt"

Vom Nachtisch der Mutter bekommt der damals 14-jährige Paul nicht genug. „Dieses angenehm prickelnde Gefühl im Bauch war so schön.“ Doch der Kuchen war mit Alkohol angerichtet: „Da begann die Hölle für mich und ich hab’s nicht gemerkt.“ Der Alkoholiker säuft sich in den nächsten 24 Jahren dreimal knapp zu Tode, verliert Job und Freunde – bis ihn die Liebe zu seiner Frau Lucia ins Leben zurück holt.

Der Alkohol war Pauls (69) ständiger Begleiter. Das Abitur absolvierte der Württemberger im Rausch: „In der Französischprüfung war ich beschwingt vom Wein, es lief super.“ Für das BWL-Studium zieht Paul nach München und genießt die Freiheit in seiner Schwabinger-Wohnung. Doch der Tiefpunkt kommt, als seine Freundin heiraten will: „Ich war so unter Druck und überfordert, das ich anfing, richtig zu Saufen.“ Am Tag trinkt der Student 15 Flaschen Bier, dazu oft Schnaps. Immer seltener verlässt er die Wohnung und genießt die völlige Isolation. Dreimal bricht Paul zusammen und wird bewusstlos in die Klinik eingeliefert. Nach jedem Rückfall kämpft er sich zurück, doch die Perspektiven schwinden – er bricht das Studium ab. Weihnachten verbringt er nicht mehr bei der Familie. „Ich hab mich zugeschüttet, auch vor Scham.“ Sieben Jahre versucht seine Frau, ihn von der Flasche zu bekommen. Erst als Lucia über ihren Selbstmord nachdenkt, zieht Paul einen Strich: „Ich machte neun Wochen Therapie.“ Seitdem trinkt er keinen Tropfen Alkohol. Doch für Paul ist es keine eigene Leistung. „Es ist ein Geschenk.“

Das sind Zahlen, die schockieren:

- Alkohol ist das Suchtproblem Nummer eins. Aktuelle Zahlen zeigen zwar, dass der Konsum rückläufig ist – bayernweit gibt es aber immer noch über eine Million Menschen mit Alkoholproblemen und 200 000 Alkoholiker.

- In Deutschland nimmt der Konsum von Nikotin leicht ab. In Bayern rauchen 2,4 Millionen Menschen – 700 000 gelten als abhängig. Mehr als 10 % aller Todesfälle in Deutschland sind Folge des Rauchens.

- Harte Drogen, etwa Kokain oder Heroin, konsumieren in Bayern etwa 30 000 Menschen.

- Glückspiel-, Internet-, Sex- oder Arbeitssucht nehmen stark zu. Allein die Zahl der Spiel- und Internetsüchtigen wird in ganz Bayern auf jeweils etwa 35 000 geschätzt.

- So genannte Legal Highs werden beispielsweise als Badesalz oder Blumenerde verkauft, Abhängige rauchen die Mischungen. Es gibt dazu bisher keine offizielle Statistik.

Bei diesen Adressen finden Sie Hilfe:

Das Beratungs- und Therapiezentrum Tal 19 (Tal 19) berät Angehörige und Betroffene (Tel. 089/ 24 20 80 0). Die SuchtHotline ist täglich 24 Stunden erreichbar unter 089/28 28 22.

Computer- und Spielsüchtige finden Hilfe bei beim Verein Aktiv gegen Mediensucht (www.aktiv-gegen-mediensucht.de), Eltern von betroffenen Kindern können sich unter ­www.rollenspielsucht.de austauschen.

Die Münchner Kontaktstelle der ­Anonymen Alkoholiker ist täglich von 18 bis 21 Uhr unter 089/192 95 oder 089/55 56 85 erreichbar.

Die Drogenberatung Condrobs e.V. ist Montag, Mittwoch und Donnerstag jeweils von 10 bis 17 Uhr, Dienstag von 13 bis 17 Uhr und Freitag von 10 bis 13 Uhr telefonisch unter 089/3 88 37 66 zu erreichen.

Die Stiftung Sehnsucht (www.stiftung-sehnsucht.de) betreibt Suchtprävention für Kinder und Jugendliche in Schulen und Freizeit.

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