Über 3.000 Kilometer

Syrerin flieht mit Schildkröte - und verliert sie nun für immer

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Die Schildkröte ist eine Maurische Landschildkröte. Ihre Heimat war Syrien.

München - Sie wollte ihr Haustier nicht zurücklassen: Eine Syrerin hat ihre 50 Jahre alte Schildkröte auf der Flucht 3.000 Kilometer in ihrer Jackentasche getragen. In München muss sie nun Abschied nehmen.

Es ist kaum vorstellbar, was in der Syrerin vorgegangen sein muss, als sie sich entschloss, die letzte lebendige Erinnerung, die ihr an ihre Heimat blieb, einfach in die Jackentasche zu stecken. Lebendig ist wortwörtlich zu nehmen, da es sich um das Haustier der Frau handelt: eine 50 Jahre alte Schildkröte. Die Syrerin wollte sie nicht zurücklassen in ihrer Heimat, in der

Terrror kein Ausnahmezustand ist

, sondern Alltag. Sie liebt dieses Tier. Offensichtlich.

Die beiden haben auf ihrer Flucht über den Balkan zusammen 3.000 Kilometer hinter sich gelassen und sicher etliche Gefahren, bis sie endlich in Sicherheit waren. Niemand hat gemerkt, dass mit der Syrerin auch noch ein kleiner blinder Passagier nach Deutschland eingereist ist. Erst in einem Flüchtlingslager in München sind die beiden aufgeflogen. Und damit endet ihre gemeinsame Reise nun für immer.

Illegale Einfuhr, falsche Haltung - die Schildkröte muss weg

Die Frau darf das Tier nicht behalten. Illegale Einfuhr, falsche Haltung, da sind die Behörden streng. Auch das ist deutsch. Das Tier wurde beschlagnahmt und befindet sich nun in der Münchner Reptilienauffangstation. Dort hat man gleich festgestellt, dass es eine außergewöhnliche Eigenheit hat. Der Panzer war farbig lackiert. „Den Panzer zu bemalen ist jedoch nicht nur tierschutzwidrig, sondern für die Schildkröte vor allem auch gesundheitsschädlich“, meint Reptilienfachtierarzt Thomas Türbl in einer Pressemitteilung. „Warum die Halter dies tun, wissen wir leider nicht.“

Syrerin liebt ihr Tier über alles - trotzdem gelten Gesetze

Die Farbe wurde entfernt. Der Schildkröte geht es den Umständen entsprechend gut. Bisher ist sie der erste bekannte tierische Flüchtling. Aber: „Mit der steigenden Anzahl der einwandernden Flüchtlinge war uns vollkommen klar, dass es früher oder später einen solchen Vorfall geben würde“, kommentiert Stationsleiter Dr. Markus Baur den Fall. „In einer derartigen Situation klammert sich jeder Mensch an das wenige Hab und Gut, das ihm noch geblieben ist. Auch Tierliebe kennt keine Grenzen, deshalb bewegt uns gerade dieser Fall in zweifacher Hinsicht: Offensichtlich ist der Frau ihre Schildkröte so wichtig gewesen, dass sie sie auf der beschwerlichen Flucht mitnehmen und sie nicht ihrem Schicksal in Syrien überlassen wollte. Andererseits dürfen wir dabei auch das Washingtoner Artenschutzabkommen, das national geltende Recht sowie das Wohl des Tieres nicht aus dem Auge verlieren.“

Wie ihre Besitzerin ist nun auch die Schildkröte auf jede Unterstützung angewiesen. Die gemeinnützige Auffangstation sucht Paten. 

Wer dem Tier mit Spenden helfen will, kann sich auf der Webseite www.reptilienauffangstation.de kundig machen.

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