Tabu-Thema Telefonsex: Das sagen die Münchner

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München - Die Telefonsex-Komödie "Eine ganz heiße Nummer" hat in München Premiere gefeiert. Hier lesen Sie, wie viel Umsatz die Branche macht. Zudem sprechen Münchner über das Tabu-Thema.

So halten es die Münchner mit den Erotiknummern

Wenn man der Männerwelt Glauben schenken mag, erleben wir gerade das größte Wunder des Telekommunikationszeitalters: Kaum einer will jemals eine Erotiknummer angerufen haben, aber die Telefonsex-Branche setzt jährlich einige hundert Millionen Euro um (siehe Seite 18). Man muss kein messerscharfer Analytiker sein, um zu erkennen: Beim Tabu-Thema Telefonsex neigen die Herren der Schöpfung gewaltig zum Schwindeln. Wie halten es die Münchner wirklich mit den heißen Nummern? Und was würden Münchnerinnen tun, wenn sie ihr Herzblatt beim Liebesgeflüster erwischen? Wer traut sich, die delikaten Fragen zu beantworten? Bei der Kino- premiere der Komödie Eine ganz heiße Nummer – präsentiert von der lokalen Wochenzeitung Hallo München – ist die tz fündig geworden. Das Ergebnis: Aber hallo – München ist gar nicht so prüde, wie böse Zungen gerne spotten!

Andreas Beez

Die Telefonsex-Amateurin: Viel zu g’schamig

Ich muss zugeben, dass ich mir bei den Dreharbeiten am Anfang schon schwer getan habe. Dieses Gestöhne vor der Kamera – da hat man schon eine gewisse Schamgrenze. Ich selbst würde nie einen Telefonsex-Job annehmen, dazu wäre ich viel zu g’schamig. Das bin ich einfach nicht. Ich habe auch noch nie in meinem Leben einen Pornofilm angeschaut. Bei meinem Mann bin ich mir ganz sicher, dass er keine Telefonsex-Nummer wählt.

Gisela Schneeberger, die eine Telefonsex-Amateurin spielt

Die Drehbuch-Autorin: Akzent begehrt

Die Ideen, eine Geschichte über Telefonsex zu schreiben, stammt eigentlich von meinem Mann. Trotzdem käme er nie auf die Idee, bei einer Sex-Hotline anzurufen – da bin ich mir sicher. Bei meiner Recherche fürs Buch haben mir Damen, die Telefonsex anbieten, ein interessantes Detail berichtet: Viele Kunden stehen auf französischen Akzent.

Andrea Sixt

Der Film-Pfarrer: Ganz normal

Wenn man das große Interesse an dem Film sieht, dann muss es beim Thema Telefonsex einen großen Aufarbeitungsbedarf geben. Ich glaube, es ist heutzutage nichts Besonderes mehr, dass Männer bei Telefonsex-Nummern anrufen. Da existiert in der Gesellschaft kein großes Tabu mehr.

Sigi Zimmerschied, der in der Komödie einen durchtriebenen Pfarrer spielt

Mann und Frau: Was für ältere Herren

Ich fände es nicht gut, wenn mein Freund bei einer Telefonsex-Nummer anruft. Vielleicht würde ich mich aber auch fragen, ob in meiner Beziehung etwas nicht stimmt. Ob ich mich von ihm trennen würde? Wenn er es öfter macht, dann wahrscheinlich schon. Generell glaube ich, dass bei Telefonsex-Hotlines eher etwas ältere Männer anrufen.

Jana (22) mit Felix (21)

Die liberale Frau: Ich würde ihn ausquetschen

Wenn ich meinen Freund beim Telefonsex erwischt hätte, würde ich ihn fragen, wie es war. Er müsste mir alle Details erzählen. Hinterher würde ich zum Hörer greifen und selbst mal diese Nummer anrufen. Ich wäre einfach neugierig, wie das genau abgelaufen ist. Ein Trennungsgrund wäre Telefonsex für mich aber auf keinen Fall. Schluss machen würde ich nur dann, wenn ich mich mit ihm nicht mehr verstehe. Klar ist aber auch: Wenn er ständig Telefonsex machen würde, wäre ­irgendwann nur noch ein Freund.

Rita-Graciela Werner

Der nüchterne Mann: Stille Wasser

Ich selbst muss natürlich dementieren, dass ich jemals eine Sexhotline gewählt habe. Das stimmt aber wirklich – und ich kenne auch ­niemanden, der schon mal angerufen hat. Entweder die Herren haben es wirklich nicht getan, oder sie schweigen lieber. Denn wie sagt man so schön: Stille Wasser sind tief.

Hubertus Reygers, Galerist

Die Ehefrau: Donnerwetter!

Wenn mein Mann einen guten Grund hätte, eine Telefonsex-Nummer anzurufen, wäre es okay. Weil er den aber nicht hat, müsste er mit einem Donnerwetter rechnen. Schließlich muss es in einer Beziehung auch mal krachen, damit die Sonne wieder scheint. Und Versöhnungen sind ja auch schön.

Natalie Schmid, verheiratet mit Stadtrat Josef Schmid (CSU)

 

Noch mehr Tabu-Themen: Der Erotik-Rückblick 2010

Sex, Striptease und Skandale: Der Lust-Rückblick 2010

 

Das Geschäft mit der Lust

Die Lust auf Liebesgeflüster – sie spült gewaltige Umsätze in die Kassen der Anbieter. Wieviel Geld die Telefonsex-Branche unterm Strich verdient, liegt im Dunkeln – aber Schätzungen zeigen die Dimension auf: Den Gesamtumsatz auf dem deutschen Erotik- und Pornomarkt beziffern Experten mit rund 1,9 Milliarden Euro jährlich. Weit mehr als die Hälfte davon entfällt auf den Bereich „Media“, das sind die Telefonsex-, Video- und Online-Angebote.

Das Geschäft mit dem Telefonsex lief früher über die berüchtigten, teuren 0190er Rufnummern. Sie wurden zum Ende des Jahres 2005 gemäß einer Vorgabe der Bundesnetzagentur abgeschaltet. Heute wählen die Kunden meist 09005er Nummern. Die Preise für die heißen Gespräche bewegen sich zwischen zwölf Cent pro Minute und 1,99 Euro pro Minute. Die meisten Anbieter kassieren freilich die Höchstgebühr ab.

Den großen Reibach machen die Anbieter-Firmen. Sie engagieren Frauen, die oft auf der Basis eines Stundenlohns die Anrufe entgegennehmen. Teilweise können sich die Mitarbeiterinnen über eine kostenlose 0800-Rufnummer ins Telefonsex-System der Anbieterfirma einwählen. In anderen Fällen bieten Sex-Firmen auch eine Partnerschaft auf Beteiligungsbasis an. Die Damen bekommen von jeder verkauften Sexminute einen bestimmten Anteil vergütet, auf einschlägigen Internetseiten ist von bis zu 80 Cent pro Minute die Rede.

Verbraucherschützer raten den Kunden regelmäßig, vor dem Anruf bei der Sexhotline die Tarife genau unter die Lupe zu nehmen. Außerdem tauchen immer wieder kriminelle Gesellen auf, die Rechnungen für angebliche Telefondienstleistungen wahllos an Haushalte verschicken. Sie setzen auf die Scham der Empfänger – viele bezahlen die Rechnung lieber statt erklären zu müssen, warum sie überhaupt eine bekommen haben. In jüngsten Fällen beliefen sich solche gefälschten Rechnungen auf bis zu 90 Euro.

Die Premiere von "Eine ganz heiße Nummer"

Schöne Frauen für „Eine ganz heiße Nummer“: Die Hauptdarstellerinnen (v.li.) Monika Gruber, Gisela Schneeberger, Bettina Mittendorfer und Rosalie Thomass bei der Filmpremiere im Mathäser. Weil ihr Tante-Emma-Laden von der Pleite bedroht ist, bieten sie Telefon-Sex an. Ein Skandal im tiefsten Bayerischen Wald.

Diese vier Frauen beherrschen perfekt die Tonleiter der leidenschaftlichen ­Liebe: Stöhnen, Flüstern, ekstatisch schreien — darin sind ­Gisela Schneeberger, Rosalie Thomass, Bettina Mittendorfer und Monika Gruber jetzt wahre Meisterinnen. 33 Tage lang gaben sie ­verbalerotisch alles, im Tante-Emma-Laden, auf der heimischen Couch, am abgeschabten Küchentisch. Das Ergebnis kann sich hören und sehen lassen: Eine ganz heiße Nummer ließ am Dienstagabend im Ma­thäser ein äußerst zufriedenes Premierenpublikum zurück.

In der witzigen Komödie von Regisseur Markus Goller (nach dem gleichnamigen Roman der Münchnerin Andrea Sixt) kommen die Frauen in dem konservativen, von Arbeitslosigkeit betroffenen Kaff Marienzell auf eine rettende Idee: Telefonsex! Stöhnen gegen Bares. Bloß: Wissen darf’s natürlich keiner! Aus Waltraud (Gisela Schneeberger) wird Sarah, Maria (Bettina Mittendorfer) wird zur scharfen Maya und Lena (Rosalie Thomass) nennt sich am heißen Draht verführerisch Lolita. Monika Gruber, die hinterfotzige Bürgermeistersgattin, lässt das Trio auffliegen – um am Ende selbst als Shakira die Drähte zum Glühen zu bringen. Es war Grubers erste Leinwand-Rolle. „Ich war vor dem Film total aufgeregt. Ich schau’ mir ja sonst nie meine Auftritte an. Wie ich mich dann auf der Leinwand g­’sehen hab’ – oh Gott, war das komisch. Da sieht man dann lauter Sachen, die man hätte anders machen können.“

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Bettina Mittendorfer in einer Filmszene

Aber kaum besser – denn die Damen haben für ihre Auftritte viel geübt oder besser gestöhnt. Wie Bettina Mittendorfer, die die Liebesschreie „nur bei geschlossenem Fenster“ probte, wahlweise auch auf einsamen Waldspaziergängen oder beim Kochen. Rosalie Thomass griff sogar selbst zum Telefon: „Ich habe vorher bei verschiedenen Sex-Hotlines angerufen, doch die Damen legten gleich wieder auf, sobald sie merken, dass eine Frau dran ist. Die wollen Geld verdienen und nicht mit mir über ihren Job plaudern. Umgekehrt, dass Männer Frauen am Telefon bedienen, das gibt’s wohl nicht. Wär noch eine Marktlücke ...“ Gisela Schneeberger, die sich von der gscherten Verkäuferin zur TV-Sexpertin hocharbeitet, war sogar einmal unfreiwillig Zeugin eines Pornodrehs. Als ihre Schwester das Haus der Mama für Dreharbeiten vermietete, stellte sich schnell heraus, was da eigentlich so im Gange war ...

Und die Männer? Rein aus „beruflichen Gründen“ hat Regisseur Otto Retzer einen dicken Katalog mit Sex-Hotlines zu Hause. Den hat er allerdings vor 25 Jahren aus Amerika mitgebracht. „So etwas gab es damals bei uns noch nicht. Das hat mich so fasziniert, dass ich darauf meinen Film Bei Anruf Sex gemacht habe. Nur leider war ich mit dem Thema zu früh dran ...“

Schauspieler Max von Thun hat selbst „noch nie bei solchen Hotlines“ angerufen. „Da laufen doch eh’ bloß Tonbänder, oder?“ Woher er das wohl weiß?

Auch Regisseur Markus Goller hat vor den Dreharbeiten gründlich recherchiert. Doch keine Sex-Hotline war so sperrig wie mancher Einwohner im Bayerischen Wald: „Am Anfang hieß es: ‚Da kommen die berüchtigten Pornofilmer aus der Stadt.‘ Doch bald haben sich die Türen geöffnet und wir sind auf viele warmherzige Menschen gestoßen.“

Dass das Team viel Spaß beim Dreh hatte – das merkte man bei der herzlichen Bühnenpräsentation. „Unser Arbeitsmotto, unser Mantra war: Es geht ois nur um die Liebe. Immer wenn’s nicht weiterging, haben wir uns das vorgesagt. Und in einer Szene ist es dann auch in den Film gesprungen – ohne dass es im Drehbuch stand.“

Mitgefeiert haben auch: Kabarettist Sigi Zimmerschied (spielt überzeugend den Dorf-Pfarrer), Ilse Neubauer, Jutta ­Speidel, Michael Brandner, Götz Otto, Dr. Susanne Porsche mit Xaver Schwarzenberger und Michael Fitz.

Maria Zsolnay

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