Tacho-Mafia: Die Anklage

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Dieser Polizist zeigt eine komplette, manipulierte Tachoeinheit.

München - Es war eine der größten Durchsuchungsaktionen, die Polizei und Staatsanwaltschaft München I je starteten – mit durchschlagendem Erfolg:

Vor dem Landgericht München I muss sich in Kürze ein Perlacher Kfz-Gutachter und Autohändler wegen gewerbsmäßigen Betrugs verantworten. Die Anklage ist schon fertig. Demnach gehört Thomas S. (41) zu den Drahtziehern der sogenannten Tacho-Mafia, die die Polizei im Frühjahr im Rahmen einer europaweiten Durchsuchungsaktion auffliegen ließ.

Im ganz großen Stil hat die Tacho-Mafia über Jahre rund 1000 Fahrzeuge der Mittel- und Oberklasse (darunter BMW, Lamborghini und Ferrari) per Tachometer-Maniplationen einer illegalen Verjüngungskur unterzogen und damit Hunderte ahnungsloser Gebrauchtwagenkäufer sowie Leasing-Firmen übers Ohr gehauen.

Mehr als 500 Beamte hatten am frühen Morgen des 15. März 2011 rund 150 Wohnungen und Büros von Autohändlern, Taxiunternehmern und Kfz-Gutachtern mit Schwerpunkt in München, aber auch in der Schweiz, Österreich, Bulgarien und Italien durchsucht. 185 Verdächtige (darunter 70 Kfz-Händler) wurden überprüft, 26 festgenommen und 300 Autos sichergestellt.

Geldhund Balu erschnüffelte 800 000 Euro Bares. Zudem wurden Schmuck, Uhren und Gold im Wert von 250 000 Euro beschlagnahmt. „Bei konservativer Schätzung wurden in München Fälle aufgeklärt, die einen Schaden von etwa drei Millionen Euro bedeuten“, vermeldete die Polizei damals.

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Von den 89 Beschuldigten und weiteren 120 Verdächtigen in diesem Großverfahren sitzen derzeit noch drei in Haft. Einer davon ist Thomas S., dem die Staatsanwaltschaft 56 Fälle des Missbrauchs von Wegstreckenzählern und 13 Mal Beihilfe zum Betrug durch Gefälligkeits-Gutachten vorwirft. Damit entstand ein Schaden in Höhe von 40 000 Euro auf Kosten von Leasingfirmen, Privatleuten und Versicherungen. Im Raum stehen weitere 300 Verdachtsfälle. Sollte sich im Lauf des Prozesses erweisen, dass Thomas S. auch daran beteiligt war, behält sich die Staatsanwaltschaft eine weitere Anklageerhebung vor.

Der 41-Jährige soll über Jahre hinweg gemeinsame Sache mit betrügerischen Händlern gemacht und in deren Auftrag Tachos zurückgedreht haben. Die Anklage geht davon aus, dass Thomas S. „einen Großteil seiner Einkünfte aus kriminellen Machenschaften generiert und auf diese Weise mehrere Tausend Euro monatlich erwirtschaftet haben dürfte.“ Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft. Verschärfend kommt dazu, dass durch Eingriffe in die komplexe Auto-Elektronik lebensrettende Funktionen wie Airbags oder ABS hätten ausfallen können.

Professionelle Tacho-Trickser verwenden Soft- und Hardware, die für Laien unsichtbar in die Autoelektronik bzw. Programmierung eingreift. Dabei werden Tachokombi-Instrumente ausgetauscht, kleine Speicherchips oder – speziell für Taxis – sogenannte Kilometerfilter eingebaut. Die registrieren nämlich nur jeden zweiten Kilometer.

Das sind die Alarmzeichen

Jeder dritte Tacho in einem Gebrauchtwagen wird nach Schätzungen der Polizei zurückgedreht. Pro Fahrzeug entsteht dadurch ein Schaden von etwa 3000 Euro!

ADAC und DEKRA empfehlen Laien, gebrauchte Autos einer genauen Prüfung zu unterziehen. Starke Abnutzung von Sitzen, Pedalgummis, Lenkrad, Griffen und Tasten sind schon mal ein Hinweis – ebenso wie das Alter der Reifen oder ein alter Ölwechselzettel samt Kilometerstand im Motorraum. Lassen Sie sich Kauf- bzw. Leasingvertrag, das Serviceheft und die letzten Wartungs- und Reparaturrechnungen zeigen. Bei einigen Fahrzeugtypen werden die Kilometerstände zusätzlich in elektronischen Bauteilen (Lichtmodule, Fahrzeugschlüssel, Steuergeräte, etc.) gespeichert. Auch auf Bauteilen im Motorraum finden sich Herstellungsdaten, die zumindest in etwa mit der Bauzeit des Autos übereinstimmen müssten. Auch das kann ein wichtiger Hinweis sein.

In den Polizeiakten ist ein 5er-BMW aus Italien verzeichnet , dessen Tacho von 700 000 auf 155 000 Kilometer zurückgedreht wurde. Er war höchstens noch 6000 Euro wert, wurde dem Käufer stattdessen für satte 15 999 Euro angedreht. Bei genauerem Hinsehen hätte der Betrogene stutzig werden müssen.

Dorita Plange

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