Interview zum Tag des Wolkenkratzers

„Diese Grenze pauschal für München auszugeben, ist überholt“

o2-tower münchen
+
Mit 146 Metern Münchens höchstes Gebäude: Der O2-Tower.

Die Hochhaus-Debatte ist in München in vollem Gange. Zum Tag des Wolkenkratzers spricht die Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer im Interview.

In großen Städten stehen hohe Häuser. Das ist fast überall so – außer in München. In der Landeshauptstadt werden Hochhäuser beinahe schon geächtet. Am heutigen „Tag des Wolkenkratzers“ ist die Hochhaus-Debatte aber wieder in vollem Gange. Darüber haben wir mit Prof. Lydia Haack (56), Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer, gesprochen. Die Münchner Architektin und Stadtplanerin erklärt, wie eine Lösung aussehen kann.

Frau Haack, was verbinden Sie mit dem Tag des Wolkenkratzers?

Ich selber nicht sehr viel. München ist ja nicht gerade bekannt für seine Wolkenkratzer.

Warum ist das so?

Zurück geht das immer noch auf den Bürgerentscheid von 2004. Kein Gebäude innerhalb des Mittleren Rings soll höher als 100 Meter sein. Der Hochhaus-Bau in München ist also ein historisch brisantes und interessantes Thema. In einer Studie, die die Stadt in Auftrag gegeben hat, werden Gebäude über und unter 60 Metern Höhe unterschieden – wir bewegen uns also in anderen Kategorien.

Ist diese Regel nicht veraltet?

Diese Grenze pauschal für München auszugeben, ist überholt. Die Frage ist eher, an welchen Standorten können in München hohe Gebäude stehen? Das muss man standortspezifisch ermitteln und schauen, was verträgt die Zone. Dementsprechend kann dann beispielsweise auf 100, 120 oder 150 Meter gebaut werden.

In welchen Bereichen in München wäre das möglich?

Zum Beispiel sind hier die Gleistrassen zwischen Hauptbahnhof und Pasing, der DB-Nordring und das Gewerbegebiet im Osten zu nennen. In der Studie wurden Schlüsselachsen und Einfahrstellen als mögliche Zonen definiert. Derzeit dreht sich die Debatte ja um das ehemaligen Paketpost-Areal.

Lydia Haack, Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer

Worauf sollte man beim Hochhaus-Bau achten?

Die Qualität steht an erster Stelle. Darüber sollten wir eine Debatte führen und nicht über maximale Quantität. Daneben ist der Umgang mit dem Klimawandel heute das Wichtigste beim Bauen. Also ein negativer CO2-Fußabdruck durch das Nutzen natürlicher Materialien. Zukunftsweisend wird es sein, dass hohe Gebäude durch Solar- und Windenergie energetisch autark werden. Nicht zuletzt stellen sich an jedem möglichen Standort Fragen, wie zum Beispiel: Wem kommt das Hochhaus zugute, wer nutzt es und welches Milieu etabliert sich dadurch in dem Stadtteil?

Welche Vorteile bringen Hochhäuser mit sich und welche Nachteile haben sie?

Ein Vorteil ist die verhältnismäßig geringe Versiegelung von Grund und Boden. Wir müssen allerdings Bodenspekulationen Einhalt gebieten. Hoch bauen ist ein Sonderrecht – was gibt es für Gegenleistungen? Zum Beispiel muss das Erdgeschoss für die Allgemeinheit zugänglich sein. Ein Nachteil ist die Verschattung der Nachbarschaft. Und je höher man baut, umso mehr Abstand muss man zu anderen Gebäuden haben. Dazu kommt die komplizierte technische Ausstattung. Hier ist auch das Brandverhalten ein wichtiger Aspekt.

Wie bewerten Sie die Münchner Skyline?

Ich finde nicht, dass man in München von einer Skyline sprechen kann. Was mich aber stört und was wir unbedingt besser machen müssen, ist, die Haustechnik ins Gebäude zu integrieren und nicht oben drauf zu setzen. Die Dachfassade ist maximal im Fokus und es ist gestalterisch nicht befriedigend, dort die technische Ausstattung sichtbar zu platzieren. Gerade in dieser mittleren Höhe, in der in München gebaut wird.

Interview: Phillip Plesch

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare