Tausende demonstrieren gegen dritte Startbahn

+
Mehr Bilder sehen Sie in der Fotostrecke unten

München - Tausende von Menschen tobten am Samstagvormittag auf dem Münchner Marienplatz. Sie sangen, sie schrien und hatten sogar den gleichen Buhmann wie die Bayern-Fans: Christian Ude.

Es ist wie bei den Meisterfeiern des FC Bayern. Tausende von Menschen toben auf dem Münchner Marienplatz. Und sie haben sogar den gleichen Buhmann wie die Bayern-Fans: Christian Ude, Löwen-Anhänger und seit jüngster Zeit auch offizieller Befürworter einer dritten Start- und Landebahn am Flughafen im Erdinger Moos. „Ude, träum’ auf Mykonos“ und „Toller Bürgermeister – aufs Umland seiner Bürger scheißt er“, steht auf den Spruchbändern. Sobald der Name des Bürgermeisters ertönt, wird gebuht von einem Chor, auf den selbst Gotthilf Fischer neidisch wäre.

10 000 Demonstranten sollen es laut den Veranstaltern vom Aktionsbündnis Aufgemuckt sein. Die Polizei spricht von „rund 7000 in den Spitzenzeiten“. Später wird ihr Sprecher Wolfgang Wenger bilanzieren: „Es gab überhaupt keine Probleme.“ Wenn seine Kollegen nicht gerade Touristen an den Menschenmassen vorbeileiten, begnügen sie sich mit der Rolle der Beobachter.

Mehr zu tun haben die rund 50 Helfer der Grünen, die mit Klemmbrettern bewaffnet nach Münchnern unter den Demonstranten Ausschau halten. Am Ende werden sie über 1000 der 27 000 benötigten Unterschriften für das Bürgerbegehren gegen den Flughafenausbau gesammelt haben. „Für die Münchner ist 10 Uhr morgens noch etwas früh“, erklärt Katharina Schulze, Vorsitzende der Münchner Grünen. Dafür gibt es neben den zahllosen Spruchbändern aus Freising und Erding noch Protestler von Berchtesgaden bis Forchheim. Ein Schwabe vom Stuttgart 21-Widerstand macht Mut für den Kampf gegen München 2+1. Auch nach elf Uhr kann Hans Well bei seinem umjubelten Zehn-Minuten-Auftritt alle möglichen Demonstranten begrüßen – zum Beispiel „die Gentlemen und die niederbayerischen Buam; die Ebersberger und die guadn Autofahrer“.

Tausende demonstrieren auf Marienplatz gegen 3. Startbahn

Tausende demonstrieren auf Marienplatz gegen 3. Startbahn

Und die Menschen aus der Landeshauptstadt, die schließlich für oder gegen eine dritte Bahn stimmen dürfen? Doch es gibt sie. Sepp Hiebler etwa. Der Waldtruderinger hält es für „eine Sauerei, dass unser Oberbürgermeister gesagt hat, man könne niemandem seinen Wohnungsraum garantieren. Ich möchte mal sehen, was er sagen würde, wenn er aus seiner Wohnung raus müsste.“ Oder Roswitha Bammes, die „ohnehin bei jeder Demo gegen die Natur dabei“ ist. Oder das Ehepaar Weinzierl aus Neuaubing, das auch gegen den Sonderflughafen Oberpfaffenhofen protestiert hat.

 „Wenn es der Sinn war, die Münchner zu mobilisieren, dann haben wir noch viel Arbeit vor uns“, grantelt Adolf Geier aus Berglern (Kreis Erding). Ansonsten aber ist diese Startbahndemo die wohl beste, die das Aktionsbündnis Aufgemuckt je auf die Beine gestellt hat. Kein Regisseur hätte sich einen besseren Ort wünschen können als den Marienplatz. Direkt unter dem – an diesem Tag wohl verwaisten – Büro Udes dürfen die Redner auf den Oberbürgermeister schimpfen. Wäre er „nicht so tierlieb“, schimpft Hubert Aiwanger, Landesboss der Freien Wähler und Landwirt, würde er Ude so lange in seinen Kälberstall einsperren, bis dieser zur Vernunft komme. „Ein Startbahnbefürworter wird 2013 nicht Ministerpräsident in Bayern“, schreit er ins Mikrofon. (Was ihn nicht daran hindert, sich wenige Stunden später mit Ude auf seinem Hof in Rahstorf den Medien als mögliche politische Verbündete zu präsentieren/siehe Politik). Wieder brandet Jubel auf unter den Menschen, die irgendwie nicht wie Wutbürger aussehen – darum nennt sie Aiwanger auch „Vernunftbürger“ . Schon gar nicht an so einem sonnendurchfluteten Oktobertag, der vermuten lässt, dass auch Petrus ein Startbahngegner ist. Zumindest sind es die beiden Kirchen. Dekan Jochen Hauer hält ungebremstes Wachstum für „eine lebensbedrohliche und lebensgefährliche Ideologie“. Freisings Domrektor Monsignore Rainer Boeck versichert, die Kirche werde keine Grundstücke für die Startbahn verkaufen. Wieder jubelt die Masse.

Das tut sie auch, als Freisings Landrat Michael Schwaiger bekanntgibt, dass die Schutzgemeinschaft die Musterkläger für den Gang durch die Gerichte ausgewählt hat, und als Aufgemuckt-Sprecher Hartmut Binner die Staatsregierung der „bedingt vorsätzlichen Körperverletzung“ beschuldigt. Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause drischt auf den scheidenden Finanzminister Georg Fahrenschon ein. Mit ihm solle der Freistaat auch gleich die Pläne für eine dritte Startbahn verabschieden.

Ewald Schurer, Bundestagsabgeordneter der SPD, hat die Lufthansa als die Wurzel allen Übels ausgemacht. Sie spiele München und Frankfurt gegeneinander aus. Hubert Weiger, Bayerns BN-Vorsitzender, bezeichnet die Startbahn als „eine der größten Artenvernichtungsmaßnahmen in unserem Land“, die Ausgleichsmaßnahmen seien „nur der Blumenschmuck auf dem Leichensarg der Natur.“ Grünen-MdL Christian Magerl erinnert daran, dass die Finanzierung „völlig ungeklärt“ sei und sich die Kosten des Flughafenbaus verzehnfacht haben. Freisings Oberbürgermeister Dieter Thalhammer (SPD) wendet sich an die Münchner: „Mit Eurem Flughafen leben wir seit 1992, aber damit muss es gut sein. Seid gute Nachbarn und bremst Eure Politiker, wenn denen vor lauter Flughafen die Bodenhaftung fehlt.“

Von Dieter Priglmeir

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn-Verbindung zwischen Flughafen und Neufahrn kurzzeitig unterbrochen
S-Bahn-Verbindung zwischen Flughafen und Neufahrn kurzzeitig unterbrochen
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
München, du hast noch immer ein Problem mit Homophobie!
München, du hast noch immer ein Problem mit Homophobie!
Münchens größte Werkstadt: Das neue Viertel hinterm Ostbahnhof 
Münchens größte Werkstadt: Das neue Viertel hinterm Ostbahnhof 

Kommentare