Solidarisch im „Bildungsstreik“

München - Mehrere tausend Schüler und Studenten sind am Mittwoch in München für ein besseres Bildungssystem auf die Straße gegangen. „Freie Bildung für alle" und „Bildung statt Banken" stand auf ihren Spruchbändern.

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Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) ist kein Mann, der den Kopf einzieht. Als er von einem Sprecher der Demonstranten provoziert wird, stürmt er durch die Meute der wütenden Schüler und Studenten, hin zu dem Wagen mit dem Mikrofon. Er reißt es an sich und versucht, zu verteidigen, was hier und heute nur schwer zu verteidigen ist: die bayerische Bildungspolitik. Es nützt alles nichts. Spaenle wird ausgepfiffen, als „Heuchler“ beschimpft. Das ist nicht der richtige Ort für eine sachliche Diskussion, das weiß er selbst. Darum bietet er dem Abiturienten Michael Bohlender von der „Schülerinitiative München“ ein Gespräch in aller Ruhe an. Für den Schüler ist es ein feiner Erfolg: Der „Bildungsstreik“ ist endlich in der Politik angekommen. „Auch wenn ich nicht glaube, dass da viel rauskommt“, sagt er.

Bundesweit haben gestern rund 100 000 – die Veranstalter sprechen gar von 240 000 – Schüler und Studenten unter dem Motto „Geld für Bildung statt für Banken“ für ein besseres, weil gerechteres Bildungssystem demonstriert. In München zogen nach Angaben der Polizei 3500 Menschen mit Plakaten wie „Bildung ist unser einziger Rohstoff“ oder „Freie Bildung für alle“ durch die Münchner Innenstadt. Laut Veranstalter sollen es 7000 gewesen sein. Die Initiatoren des „Bildungsstreiks 2009“ fordern unter anderem die Abschaffung von Studiengebühren, ein Ende des dreigliedrigen Schulsystems und des achtjährigen Gymnasiums (G 8). Ferner will das Bündnis die seiner Meinung nach allzusehr auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichteten, verschulten, sechs Semester langen Bachelor-Studiengänge reformieren und das Bildungssystem allgemein demokratischer gestalten.

Das alles sind keine neuen Forderungen. Neu aber ist das Ausmaß der Unterstützung, die die Schüler und Studenten dabei erfahren. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat sich mit ihnen solidarisiert, Verdi und der DGB ebenfalls. Der Bayerische Lehrerverband und der Philologenverband stehen dahinter, und nicht zuletzt der Elternverband und die SPD.

Zumindest in Bayern richtet sich die Kritik an der Bildungspolitik insbesondere gegen die Studiengebühren und das G 8. Obwohl sie einen Verweis riskiert, ist Rebecca Stumpenhausen, 14, extra aus Pöcking (Landkreis Starnberg) angereist, um auf dem Münchner Geschwister-Scholl-Platz gegen das achtjährige Gymnasium zu protestieren. „Wir sind Kinder“, sagt sie. „Wir brauchen Freizeit. Das geht aber nicht bei dem Druck, dem wir in der Schule täglich ausgesetzt sind.“ Deutlicher wird ihr Vater Walter, der seine Tochter in ihrem Protest unterstützt: „Die überstürzte Einführung des G 8 war reiner Aktionismus. Heute ist es eine Katastrophe.„

“Klar gibt es Dinge, die wir noch verbessern müssen“, sagt Kultusminister Ludwig Spaenle vor den Demonstranten. Als er wieder aus dem Studenten-Pulk ausbricht hat er „sich einiges anhören müssen“, gesteht er. Immerhin hat er sich gestellt: Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) ist nicht gekommen.

Thierry Backes

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