Nur 1000 Euro für Justins Tod

Taxler fährt Wiesn-Tourist tot – doch harte Strafe droht nicht

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Ein gepixeltes Foto des getöteten Wiesn-Touristen aus Australien, Justin B.

München - Justin B. hatte sich aufs Oktoberfest gefreut. Doch nahe der Wiesn starb der Australier (27). Ein Taxi überfuhr ihn. Der Fahrer kommt wohl mit 1000 Euro Geldstrafe davon.

Justins Vater Michael B. ist empört. Der Münchner Merkur konnte mit seinem Anwalt sprechen. Der Besuch des Münchner Oktoberfests war jahrelang der Traum von Justin B. Im September 2014 hatte der Maurer aus dem australischen Brisbane genug Geld gespart. Der 27-Jährige bestieg einen Flieger Richtung München. Das größte Volksfest der Welt, es entsprach genau dem Geschmack Justins: Bier in riesigen Krügen, hübsche Mädchen, ausgelassene Stimmung. Ein Handyfoto zeigt ihn am 24. September abends mitten im Getümmel eines Bierzelts. Es ist das letzte Foto des 27-Jährigen. Wenig später stirbt Justin in einer Münchner Klinik.

Gegen 23 Uhr verlässt er die Festwiese Richtung Hackerbrücke. An der Fußgängerfurt der Kurt-Haertl-Passage drängen sich zu diesem Zeitpunkt viele Wiesn-Besucher. Trotz roter Ampel überqueren sie die Straße. Zwei Taxis, die Grün haben, warten, bis die Straße frei ist. Soviel Geduld hat ein 24-jähriger Student in seinem Taxi nicht. Er drängelt sich mit seiner E-Klasse an den zwei wartenden Kollegen vorbei und gibt Vollgas, wie Zeugen später aussagen werden. Im selben Moment torkelt Justin B. in gebückter Haltung auf die Bayerstraße. Er hat zwei Promille Alkohol im Blut. Das Taxi überrollt den Australier und schleift ihn zehn Meter mit.

Taxler: Nicht bemerkt, dass er den Australier überfahren hat

Passanten leisten Erste Hilfe – vergeblich. Im Krankenhaus erliegt Justin seinen Verletzungen. Statt stehen zu bleiben, setzt der Taxler seine Fahrt fort. Der 24-Jährige lässt seine drei Fahrgäste an der Hackerbrücke aussteigen, wendet, und kehrt nach etwa zehn Minuten wieder an die Unfallstelle zurück. Dort stellt er sich den inzwischen eingetroffenen Polizeibeamten. Zunächst macht er keine Angaben, später wird er aussagen, nichts von dem tragischen Unfall bemerkt zu haben. Kripo und Staatsanwaltschaft übernehmen die Ermittlungen.

Justins Familie ist von der Todes-Nachricht aus München geschockt, Vater Michael überführt die Leiche seines Sohnes zurück in die australische Heimat. Monatelang wartet er auf eine Mitteilung der Justiz, wann der Prozess gegen den Taxifahrer eröffnet wird. Michael B. will als Nebenkläger auftreten. Doch daraus wird wohl nichts. Die Staatsanwaltschaft will den Fall offenbar geräuschlos erledigen und beantragt einen Strafbefehl: 50 Tagessätze à 20 Euro sowie ein Monat Fahrverbot wegen fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr.

Anwalt spricht von einem Skandal

Den Vorwurf der Fahrerflucht hat die Staatsanwaltschaft fallen lassen. Dies behauptet zumindest der Rechtsvertreter von Michael B., der Paderborner Anwalt Manfred Claes. Er spricht von einem Skandal. „1000 Euro Strafe und ein Monat Fahrverbot bekommt man auch für einen abgefahrenen Spiegel. Hier ist aber ein junger Mann totgefahren worden“, sagt er dem Münchner Merkur.

Die Staatsanwaltschaft wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Justins Vater ringt um Fassung, als Claes ihn über das Vorgehen der Münchner Behörden informiert. Er wähnt einen Vertuschungsversuch. „They brush it under the carpet“, so habe es sein Mandant aus Australien wortwörtlich durchs Telefon gesagt. „Sie kehren es unter den Teppich.“ Warum die Staatsanwaltschaft den schweren Vorwurf der Unfallflucht angeblich fallen ließ, das ist Rechtsanwalt Claes unverständlich. Nach seinem Bekunden gibt es Zeugen, die den Taxler schwer belasten. Unter anderem einen Fahrgast. Dieser will den Taxler sofort darauf hingewiesen haben, dass er jemanden überfahren habe.

"Taxifahrer hätte mitbekommen haben, über etwas gefahren zu sein"

Ein weiterer Fahrgast habe von einem Holzfposten gesprochen, über den das Taxi offenbar gefahren sei. Für Anwalt Claes steht fest: „Der Fahrer hätte anhalten müssen. Er muss mitbekommen haben, über etwas gefahren zu sein.“ Aus seiner Sicht hat die Polizei es außerdem versäumt, ein unfallanalytisches Gutachten einzuholen. „Auch ein lichttechnisches Gutachten wäre sinnvoll gewesen. Denn dann hätte man genau sagen können, was der Taxifahrer hätte sehen müssen und was nicht.“ Anwalt Claes hofft, dass die Amtsrichterin, die den Fall derzeit bearbeitet, den Strafbefehl nicht unterschreibt und doch eine Hauptverhandlung ansetzt. „Justins Vater wäre es sehr wichtig, bei einem Prozess anwesend zu sein. Er will dem Mann in die Augen blicken, der seinen Sohn überfahren hat.“

Ulrich Lobinger

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