"Sag mir bitte, dass du sicher bist"

Ehemaliger tz-Redakteur bangte um seine Tochter

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Marie (Name geändert) studiert in Paris, hält zu den Eltern per Handy Kontakt

Paris - Die Tochter des ehemaligen tz-Redakteurs Jörg Seewald studiert in Paris. In der tz berichtet ihr Vater, wie groß die Angst um die Tochter war.

Eigentlich war ich ein stolzer Vater. Meine Tochter studiert mit Stipendium ein Gastsemester an der Sorbonne in Paris, hatte ein schönes Zimmer im 7. Arrondissement bei einer alten Dame mit Blick auf den Eiffelturm. Wie schön das Studentenleben in Paris sein kann, zeigte sie mir bei einer Stippvisite vor zwei Wochen, zu der ich mit der Bahn angereist war. Wir besuchten ein Mozart-Konzert, liefen über den Place de la Concorde, filmten den glitzernden Eiffelturm, erkundeten die Leichtigkeit des Seins beim Frühstück am Seine-Ufer, beim Pitchfork Music Festival in der Grande Halle de La Villette und tafelten opulent im Bistro Bofinger.

Jörg Seewald, hier am Place de la Concorde, besuchte kürzlich seine Tochter

An diesem Freitag aber wurde ich dann ein ängstlicher Vater, der innerlich seine Unbekümmertheit verfluchte, mit der er die Tochter in die fremde Stadt gelassen hatte. Ohnmacht war das alles beherrschende Gefühl. Denn sie hatte eine bestandene Prüfung mit Freunden „auf der anderen Seite der Seine“ gefeiert und sich über das plötzliche Blaulicht gewundert. Per WhatsApp schrieb ich ihr die Straßen, die bei n-tv als Anschlagsorte genannt worden waren und die sie meiden sollte. Doch ständig hörte man von neuen Orten, wo es Schießereien gegeben haben sollte. Und ich konnte nicht zu ihr, sie beschützen, wie das die verdammte Pflicht eines Vaters ist. „Sag mir bitte, dass Du sicher bist“, schrieb ich. Dann die erlösenden zwei Worte auf dem Smartphone: „Bin sicher.“

Nach einem langen Telefonat wird klar, dass meine Tochter sich doch gar nicht sicher fühlen darf. Sie berichtet von Hubschraubern, Blaulicht-Fahrzeugen und ihrer Angst vor der Ungewissheit, ob ihr Viertel vom Terror verschont bleibt. Schon überlege ich, ins Auto zu steigen und sie nach München zurückzuholen. Da sperrt Präsident Hollande die Grenzen. Also versuche ich meiner Tochter und mir am Telefon einzureden, dass Paris nun der sicherste Platz der Welt sei, überwacht von tausenden Sicherheitskräften.

Meine Tochter geht am nächsten Tag nur kurz aus dem Haus, will Blut spenden für die Verletzten und schnell einkaufen. „Jetzt bleib ich zu Hause, hab alles abgesagt“, verspricht sie dem erleichterten Vater. Während ich diese Zeilen schreibe, joggt meine Kleine am Champ de Mars zum Eiffelturm, an dem jetzt „fermé“ (geschlossen) steht. Und ich weiß nicht, ob es gut ist, meine Tochter – wie geplant – bis Weihnachten in Paris zu lassen.

Die aktuellen Entwicklungen vom Sonntag finden Sie im News-Ticker zum Terror in Paris.

Jörg Seewald

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