Der große tz-Report

Terror-Prozess: "Ich wollte Teil des Heiligen Krieges sein"

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Harun P. am Dienstag vor Prozessbeginn am Oberlandesgericht.

München - Harun P., dem gebürtigen Münchner mit afghanischen Wurzeln, wird seit Dienstag in München der Prozess gemacht. Der Vorwurf: Er soll als Gotteskrieger in Syrien gekämpft und Tode mitverantwortet haben. Der große tz-Report:

Jetzt ist der Kampf gegen den Terror in München angekommen! Am Oberlandesgericht hat am Dienstag der Strafprozess gegen Harun P. (27) begonnen – der gebürtige Münchner mit afghanischen Wurzeln soll als Gotteskrieger in Syrien gekämpft und dort an einem Anschlag mit mehreren Toten beteiligt gewesen sein. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der seinen Halt verlor und ihn in extremen religiösen Ansichten zu finden glaubte. Wie er den Weg zum Terror beschritt, erzählte er am Dienstag vor Gericht. Sein Auftritt vor dem OLG war der erste seiner Art - nie zuvor stand in München ein islamistischer Terrorkämpfer vor Gericht. Es herrschte höchste Sicherheitsstufe. Der große tz-Report:

Harun P.: "Das hat sicher mit meinen Depressionen zu tun"

Mit 27 Jahren soll er zum Gotteskrieger in Syrien geworden sein. Der Lebensweg von Harun P. beginnt aber mit einem unauffälligen Leben in München – das erst in den vergangenen Jahren scheitert.

Am 20. September 1987 kommt er zur Welt. Einer seiner beiden Brüder wird behindert geboren, mit dem anderen versteht er sich heute noch gut. Mit neun Jahren zieht er mit seiner Mutter für zwei Jahre ins Saarland, wo er einen deutschen Pass bekommt. Sie spricht angeblich bis heute kein Deutsch. Das Verhältnis zum Vater, der einen Autohandel betreibt, ist distanziert. „Ich konnte es ihm nie Recht machen. Er war keine Bezugsperson für mich und machte alles schlecht, was ich tat.“ Harun P. schafft die Hauptschule, scheitert aber in drei Berufsausbildungen – als Hotelfachmann, Gebäudeüberwacher und Kfz-Mechatroniker. „Das hat sicher mit meinen Depressionen zu tun“, sagt er. Gegenüber einem Psychiater gesteht er harten Drogenkonsum. Fast täglich nimmt er dazu auch seit der Jugend Schmerzmittel.

Harun P.: "Ich fühlte mich wertgeschätzt und endlich zugehörig"

Als Harun P. 2008 seine türkische Freundin kennenlernt, stabilisiert sich sein Leben zunächst wieder. Jahrelang ist das Paar glücklich. 2012 aber trifft sie ein Schicksalsschlag: Das gemeinsame Kind stirbt kurz nach der Geburt. „Das war schlimm für mich“, sagt er unter Tränen. „Wir wussten mit dem Tod nicht umzugehen. Die Beziehung wurde schwierig.“ Und scheiterte schließlich. Dazu verliert er seinen Job. „Ich wusste nicht weiter und dachte mir: Bete mal, oder lies im Koran.“ Kurz darauf besucht er zum ersten Mal eine Moschee.

„Ich halte Sie für einen hochintelligenten Menschen“, sagt Richter Dauster. „Aber es fällt mir schwer zu verstehen, wie Sie innerhalb von nur anderthalb Jahren eine derart extreme religiöse Überzeugung annehmen konnten. Was faszinierte Sie?“ Die Antwort: radikale Videos im Netz – wie die des Hass-Predigers Pierre Vogel. „Alles klang gut und einleuchtend. Mir gefiel, dass gehandelt wurde und nicht nur geredet.“ Über Demons in Bonn und Köln kommt Harun P. mit Radikalen in Kontakt. Wenig später leistet er einen Glaubensschwur auf einen Prediger – gültig bis zum Tod. „Ich fühlte mich wertgeschätzt und endlich zugehörig.“

Zwei Wochen, nachdem seine Eltern Harun P. rauswerfen, reist er am 30. September 2013 schließlich nach Syrien. Es ist der Beginn eines mutmaßlichen Terroreinsatzes. „Ich gab mir den Kampfnamen Assassin Mujahedin“, sagt er. „Ich wollte verstehen, warum die Menschen kämpfen. Ich wollte Teil des Heiligen Krieges sein.“

Richter mit Gefühl

Richter Manfred Dauster

Mit seinem Sultan-Mehmet-T-Shirt sorgte Manfred Dauster (59) schon vor dem Prozess für Wirbel, zum Auftakt am Dienstag ließ er sich aber nichts anmerken. Einfühlsam vernahm er Harun P. und verriet sogar private Details. Als es um Prügel in Haruns Kindheit geht, erzählt er: „Meine Mutter hat einige Stöcke auf mir zerbrochen. Ich habe als Kind auch gut eingesteckt.“ So gelingt es, dass dieser sein Leben als Terrorkämpfer erklärt!

Das wird ihm Harun P. vorgeworfen

Die Generalbundesanwaltschaft wirft Harun P. (27) zwei verschiedene Tatkomplexe zwischen Oktober 2013 und seiner Festnahme am 14. April 2014 vor. Er soll Mitglied der terroristischen Vereinigung Junud al-Sham (zu deutsch: Soldaten Syriens) gewesen sein – einer sich zum Islamismus bekennender Extremisten-Brigade. Bei ihnen erlernte er laut Anklage den Umgang mit Waffen und Nahkampftechniken, hatte Zugang zu automatischen Schnellfeuergewehren sowie Granaten. Im Januar 2014 soll Harun P. seinen Vorgesetzten vorgeschlagen haben, die erst 16-jährige Fatma B. töten zu lassen. Das Mädchen war ohne Einwilligung ihrer Eltern aus Deutschland in das syrische Terrorcamp gereist, um sich mit einem Kämpfer verheiraten zu lassen. Dort sah sie Harun P. „ungeplant und gegen seinen Willen“ ohne Maskierung. Ihr Vater und die Schwester versuchten, Fatma B. zurückzuholen – das wollte Harun P. aber nicht zulassen, weil sie das Versteck und seine Identität verraten könnte. Er wollte laut Anklage lieber ihren Tod! Die Anführer ließen das Mädchen und ihre Familie aber gehen.

Schon Wochen zuvor war Harun P. laut Anklage „von der Möglichkeit selbst zu kämpfen begeistert“ und meldete sich freiwillig für Terroreinsätze. Am 6. und 7. Februar beging er sein mutmaßlich schwerstes Verbrechen, als er – so die Anschuldigung des Generalbundesanwalts – mit anderen Extremisten das Zentral-Gefängnis in Aleppo überfiel, das die syrische Armee auch als Militärbasis nutzt. Harun P. soll in den Plan eingeweiht gewesen sein, dass sich gegen 10 Uhr morgens ein Selbstmord-Attentäter in einem mit Sprengstoff beladenen Lkw vor dem Haupttor in die Luft sprengen wollte. Ihn erschossen die Wachen aber, das Fahrzeug detonierte. Drei Panzer, Geländewagen mit schwerem Geschütz sowie 1600 Kämpfer (darunter Harun P., bewaffnet mit einer Kalaschnikov) sollen danach den Knast gestürmt und 300 Gefangene befreit haben. Bei den Kämpfen wurden zwei Soldaten der syrischen Regierung, fünf Insassen sowie 22 der Angreifer getötet.

Am 16. Februar 2014 soll Harun P. zudem bei einem Überfall der Junud al-Sham auf das Dorf Sheik Najjar beteiligt gewesen sein. Laut Anklage feuerte Harun P. auf die herannahenden Truppen und baute auch Sprengfallen.

Er selbst bestreitet die Taten. Über Verteidiger Adam Ahmed ließ er erklären: „Mein Mandant distanziert sich von Gruppierungen oder Aktionen, die einen dschihadistischen, islamistischen oder terroristischen Hintergrund haben.“ Bei der Aufklärung der Anschläge wolle er aber mitwirken und auch aussagen.

50 bayerische Dschihadisten

Die bayerischen Sicherheitsbehörden stehen im Kampf gegen islamische Extremisten vor immer größeren Aufgaben. Besonders die Salafistenszene im Freistaat wachse. Nach Schätzung des Innenministeriums leben derzeit 570 Salafisten in Bayern, bei 50 von ihnen gebe es konkrete Hinweise, dass sie zu Kämpfen nach Syrien oder in den Irak ausgereist sind oder dies planen. Die Rückkehrer stellen laut Innenminister Joachim Herrmann (CSU) eine besonders starke Bedrohung dar: „Sie haben einschlägige Erfahrung im Umgang mit Sprengstoff und Waffen gesammelt. Ihre Radikalisierung ist bei einer Rückkehr stärker ausgeprägt und ihre Hemmschwelle zur Anwendung von Gewalt deutlich gesunken.“

Andreas Thieme

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