"Sie stritten wohl um die Schlafplätze"

Nach Mord am Flaucher: Obdachloser packt aus

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Tommy (31) schläft unter der Wittelsbacherbrücke – auch er hat schon brutale Übergriffe erlebt.

München - Nachdem Jerzy C. am Flaucher ermordet wurde, hahebn viele Obdachlose Angst. Der 31-jährige Tommy hat von einem Streit gehört, der der Tat vorausgegangen sein soll.

Einen Rucksack, eine Gitarre, eine feuchte Matratze – viel mehr besitzt Tommy (31) nicht. Seit acht Jahren lebt der Münchner auf der Straße, aktuell schläft er unter der Wittelsbacherbrücke. „Die Stimmung ist hier gerade sehr gereizt“, sagt er. Denn nur zwei Kilometer weiter südlich wurde am Dienstag der Obdachlose Jerzy C. (50) ermordet auf der Flaucherinsel aufgefunden.

Die grausige Tat hat sich schnell in der Szene herumgesprochen, viele Obdachlose haben Angst – denn noch ist der Mord nicht restlos aufgeklärt. „Ich habe gehört, es gab nachts Streit um die Schlafplätze“, sagt Tommy. „Auf der Flaucherinsel übernachten immer wieder mal Obdachlose. Aber dass jemand umgebracht wurde, schockiert mich sehr“, sagt er. „Das hätte ich mir nie vorstellen können.“

Der Wind pfeift unter der Brücke hindurch. Ein Bettlaken flattert. Tommys Wangen glühen – er hatte eine harte Nacht. „Momentan mache ich kein Auge zu“, sagt er. „Wir sind zu fünft unter der Wittelsbacherbrücke, aber auch hierher kommen nachts immer öfter Fremde, die einen Schlafplatz suchen. Sie besitzen oft nur, was sie am Körper tragen und schlafen dann manchmal auf dem blanken Stein. Uns wurde auch schon viel geklaut.“ Neben seiner Matratze hat Tommy eine Metall-Krücke liegen – für den Notfall. „Ich muss mich ja verteidigen können.“

Passant entdeckt Leiche am Flaucher - Bilder vom Fundort

Passant entdeckt Leiche am Flaucher - Bilder vom Fundort

Streitigkeiten um Schlafplätze kommen unter Obdachosen öfter vor, „gewaltsame Übergriffe sind aber eher selten“, sagt Franz Herzog (54), Einrichtungsleiter der Teestube komm in der Zenettistraße. Mit seinem Streetworker-Team versorgt er viele Obdachlose, kennt die Szene seit Jahren genau. Er weiß: Viele Obdachlose leben in Gruppen zusammen – zum Beispiel unter den Isar-Brücken. „Wir helfen uns gegenseitig mit Geld, Essen und Getränken“, sagt Tommy. Wer von außen kommt, hat es schwer. „Alleine sein, kann als Obdachloser sehr gefährlich werden. Die Gruppe bietet Halt und Schutz.“

Aber die Konkurrenz um die Schlafplätze wird immer größer – in Unterkünften wie dem Männerheim in der Pilgersheimer Straße, aber auch auf der Straße. Denn die Zahl der Obdachlosen steigt immer stärker an. „Der große Zustrom ist auch eine Folge der EU-Osterweiterung. Viele können sich das Leben in München überhaupt nicht leisten“, sagt Herzog. So ging es Tommy vor acht Jahren auch: Erst starb seine Mutter, dann verließ ihn seine Freundin. „Ich hatte eine Krise, begann zu trinken und verlor meinen Job als Kaufmann.“ Seitdem schlägt er sich auf der Straße durch, geht tagsüber Schnorren oder spielt Gitarre, um ein paar Euro zu verdienen. „Ich weiß nicht, wie lange ich es noch draußen aushalte. Vergangenen Winter bin ich fast erfroren. Seit dem Mord habe ich Angst vor Übergriffen.“

Mit Phantombildern sucht die Polizei nun nach den Tätern des Flaucher-Mords. „Die Kripo war auch bei uns unter der Brücke. Aber wir haben leider niemanden erkannt.“

Andreas Thieme

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