Die seltsame Welt der Margarete R.

Die Tote aus der Grube: Wie sie lebte, wie sie starb

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Mit diesem Phantombild suchte die Polizei nach der Identität der Leiche.

München - Am Donnerstag haben die Behörden die Tote aus der Kompostieranlage identifiziert: Es war Margarete R. (45). Die tz hat das Leben der Verstorbenen nachgezeichnet.

Zum Abschied nahm Margarete R. (45) ihre Mutter (76) damals in den Arm. Das tat sie sonst nie. Dann sagte sie: „Es tut mir leid, dass du wegen mir soviel rennen musst.“ Das bezog die Mutter auf anstehende Behördengänge. Ganz zum Schluss bat Margarete noch: „Bete mit mir!“ Manches war an diesem Tag so anders gewesen. Doch erst im Nachhinein erfasste die Mutter die Tragweite des seltsamen Verhaltens ihrer Tochter an jenem 10. November 2013 – dem Tag, an dem Margarete R. beschlossen hatte, zu sterben.

Nachdem die Mutter gegangen war, brach sie auf zu einem ihrer langen, einsamen Spaziergänge durch ihr „Revier“ – dem nahen Waldfriedhof an der Haderner Kompostieranlage – und verschwand.

Sieben Wochen später – am 3. Januar – wurde in der Senkgrube des eingezäunten Geländes die Leiche einer ertrunkenen Frau gefunden. Seit Donnerstag steht fest: Es ist Margarete R.!

Margarete R. wohnte in der Züricher Straße

Bei ihren Ermittlungen stießen die Beamten der Mordkommission auf eine bizarre Mutter-Tochter-Beziehung. Margarete R. litt unter schizophrenen Schüben, lebte seit 15 Jahren von Sozialhilfe in einem vermüllten Einzimmer-Appartement in der Züricher Straße (Fürstenried). Von ihrem Hausarzt ließ sie sich nicht helfen. Außer ein paar Vitaminpillen verweigerte sie jede Therapie. Die einzige Bezugsperson in ihrem Leben war ihre tief gläubige, ebenfalls psychisch auffällige Mutter, zu der sie täglich Kontakt hatte. Wenn sie das Haus verließ, war Margarete stets modisch gekleidet. Die langen Haare trug sie zum Pferdeschwanz gebunden. Sie wirkte sehr viel jünger, als sie tatsächlich war.

Am 18. November meldete die Mutter ihre Tochter offiziell als vermisst. Die Beschreibung fiel allerdings eher vage aus. Sie hatte auch kein Foto. Die einzigen Bilder ihrer Tochter stammten aus Kindertagen. Ein Personalausweis war in der Müllwohnung nicht zu finden. So begnügten sich die Beamten bei der Durchsuchung mit Margaretes Zahnbürste für die DNA-Probe und dem Zahnstatus ihres Zahnarztes. Beide Datensätze lagen seit 16. Januar beim LKA, waren aber noch nicht in die Datenbank eingegeben worden.

Bei der Obduktion unterliefen den Rechtsmedizinern zwei Fehleinschätzungen. Die Tote wurde zunächst auf 20 bis 25 Jahre, später auf 30 geschätzt. Zudem ergab sich aufgrund anatomischer Besonderheiten ein Fehler bei der Begutachtung des Zahnstatus. So fiel die deutlich ältere Margarete R. trotz der geographischen Nähe zum Fundort der Leiche rasch aus dem Ermittlungs-Raster. Kriminaldirektor Frank Hellwig: „Man ermittelt stets von innen nach außen. Aufgrund des DNA-Musters wäre die Frau mit Sicherheit identifiziert worden – allerdings vielleicht erst in einigen Monaten.“

Am Mittwoch erkannte die Mutter ihre Tochter, als sie die Beschreibung der blauen Stiefel im Radio hörte. Bei ihrer letzten Vernehmung am Donnerstagabend gab die Frau eine Menge wirrer Antworten. Sie verbot eine Aufzeichnung des Gesprächs, gestattete den Beamten lediglich wenige Notizen. Margarete R.s wahre Beweggründe werden wohl für immer ihr Geheimnis bleiben. Sie war eine Gefangene ihrer selbst, die am Ende nur noch einen Ausweg sah: Den Tod.

Dorita Plange, Jacob Mell, Sebastian Arbinger

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