So radioaktiv sind Forstenrieds Wildschweine

Strahlenalarm in München: Wie hoch ist die Gefahr für Menschen?

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Wildschweine fressen immer wieder radioaktive Schwammerl.

Die radioaktive Strahlung des Reaktor-Unfalls von Tschernobyl dringt noch heute durch halb Europa. Und: Auch wir hier in München sind betroffen.

München - Fakt ist: Die Wildschweine im Süden der Stadt sind radioaktiv belastet. Und zwar so stark, dass rund ein Drittel des geschossenen Wildes nicht mehr zum menschlichen Verzehr geeignet ist und entsorgt werden muss. Dieser Wert ist etwa acht Mal so hoch wie im Vorjahreszeitraum!

Wilhelm Seerieder, Forstbetriebsleiter im Münchner Süden, sagt: „In unserem Bereich schossen die Jäger in den vergangenen zwölf Monaten etwa 380 Wildschweine ab, um deren Population zu regeln. 132 davon – also 34,7 Prozent – mussten fachmännisch entsorgt werden. 327 der 380 geschossenen Tiere lebten im Forstenrieder Park. Die höchste festgestellte Belastung betrug bei einem der dort getöteten Wildschweine 6425 Becquerel/kg – das ist ungefähr das Zehnfache des erlaubten Werts. Der beträgt 600 Bq/kg. Das bedeutet konkret: Pro Sekunde zerfallen 600 Atome im Gewebe der Tiere. Und dieser Zerfall löst Strahlung aus… Und dieses Phänomen findet sich nicht nur in Seerieders Revier. Im Landkreis Ebersberg wurde die überhöhte Strahlenlast zum Beispiel zeitweise bei 80 Prozent aller geschossenen Wildschweine festgestellt.

Trotz Schweinepest-Alarm: Tierschutzaktivisten warnen vor Massenjagd auf Wildschweine

Experte erklärt, woher die Belastung kommt

Woher kommt diese Belastung? Und warum schwankt sie von Jahr zu Jahr so stark? Seerieder erklärt: „Wildschweine fressen gern Bucheckern und Eicheln. Und wenn es die saisonbedingt nicht gibt wie im vergangenen Jahr, fressen sie gerne Pilze, die sie aus dem Boden herausgraben.“ Und genau dort, im Boden und in den Schwammerln, lauert die Radioaktivität in Form von Cäsium 137. In München ist dieser Stoff nachweisbar seit Tschernobyl am 26. April 1986. Radioaktive Wolken zogen damals Richtung Westen und regneten auch über München ab. Das cäsiumhaltige Wasser versickerte tief im Boden. 

Wilhelm Seerieder inspiziert den Forstenrieder Park.

Der Süden Bayerns war damals stärker belastet als der Norden. Die sogenannte Halbwertszeit von Cäsium 137 beträgt 30 Jahre. Das heißt: Nach 30 Jahren ist die Hälfte des radioaktiven Materials zerfallen. Nach weiteren 30 Jahren die Hälfte vom Rest – und so weiter bis in alle Ewigkeit. Irgendwann erreicht der Cäsiumwert immerhin ein unbedenkliches Niveau. Irgendwann: Das ist nach etwa 360 Jahren, wenn ursprünglich 6.000 Bq/kg feststellbar waren.

Wie hoch ist die Gefahr für den Menschen?

Was heißt das jetzt für uns alle? Wir fragen nach bei Professor Werner Rühm. Er ist Direktor des Instituts für Strahlenschutz am Helmholtz-Zentrum und sagt: „Menschen sterben ab einer Strahlendosis von drei bis vier Sievert. Derart hohe Werte kommen nur bei Unfällen oder in der Strahlentherapie vor. Ein Kilogramm Wildschwein mit 600 Bq/kg entspricht etwa acht Millionstel Sievert, ist also relativ unbedenklich.“ Und alles unterhalb dieses EU-Grenzwerts darf entsprechend auch in den Handel. Seerieder sagt: „Jedes geschossene Tier wird auf Kontamination überprüft. Einer unserer Dienstleistungspartner holt dann die Tiere ab, die zu stark belastet sind und entsorgt sie fachgerecht.“ Das Fett der Tiere wird zum Beispiel Biodiesel beigemengt, Tiermehl dient als Trennmittel in der Zementverbrennung.

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Fleisch unterhalb des Grenzwerts kann man nach Experten-Meinung ohne Bedenken essen. Im Forstenrieder Park wird es im „Wildstadl“ verkauft, wo sich Kunden während der Saison freitags und samstags frisch geschossenes und geschlachtetes Wildfleisch kaufen können. Oft ist Wildschwein schon am Freitagabend ausverkauft.

Im „Wildstadl“ (unten) wird zwei Mal pro Woche Wildbret verkauft.

Wie gefährlich sind Schwammerl & Co.?

Wir bewegen uns in einer verstrahlten Welt. Was Radioaktivität angeht: Vor allem der Boden ist belastet – und damit auch Schwammerl: Hirschtrüffel, Maronenröhrlinge, generell Wildpilze. Heißt das, wir sollten lieber keine Schwammerl essen? Das ist eine Frage der Risiko-Abwägung. Experte Professor Rühm isst zum Beispiel selber sehr wohl Waldpilze und rät auch Freunden nicht grundsätzlich davon ab. Was Wildschwein betrifft: Ein Kilo Fleisch mit 600 Bq belastet den Körper etwa so stark wie ein zweistündiger Flug in zehn Kilometern Höhe (dort ist die Strahlung auch erhöht). 

Das soll aber keine Verharmlosung sein, denn erhöhte Radioaktivität ist ungesund. Sie schädigt das Erbgut, kann Krebs auslösen. Und es gibt auch noch andere Strahlung – etwa ausgehend von Handys. Die ist hochfrequent und führt zu Erwärmung. Langfristige Folgen auf den Körper sind noch strittig, Studien laufen. Allerdings berichtet die Wissenschaft von veränderten Hirnströmen bei Handy-Nutzung. Dabei gilt: Das eigene Handy ist in der Regel die stärkste Strahlenquelle, der wir ausgesetzt sind. Eine detaillierte Messung in München vor drei Jahren ergab: Handy-Funkmasten und WLAN-Router liegen in der Regel deutlich unter den Grenzwerten.

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebook-Seite „Mein Fürstenried/Forstenried/Solln“.

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