SEK-Team überwältigt Abdullatif A.

Syrer (31) ist jetzt in der Psychiatrie

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Jedes Mal wenn die Einsatzkräfte sich dem Syrer auf einer Hebebühne näherten, begann der 31-Jährige, sich selbst zu verletzten

München - Ein Syrer drohte am Montag in der Wolfratshauser Straße in München, von einem Baukran zu springen. Er forderte Asyl für seine Familie Asyl in Deutschland. Der Nervenkrieg konnte am späten Abend von einem SEK-Team beendet werden. Jetzt sitzt der Mann in der Psychiatrie.

Es waren dramatische Szenen, die sich seit Montagmorgen in Obersendling abspielten: Auf einer Baustelle an der Wolfratshauser Straße, Ecke Boschetsrieder Straße, hatte sich ein 31-jähriger Mann aus Syrien auf einem Baukran verschanzt. Abdulatit A. handelte aus Verzweiflung.

Der Syrer, der seit Juli in der Erstaufnahmeinrichtung für Asylbewerber untergebracht ist, wollte mit seiner Aktion die sofortige Einreise seiner Ehefrau und seiner acht Kinder nach Deutschland erzwingen. A. lief aufgeregt auf dem Ausleger hin und her, ritzte sich mit einem Rasiermesser die Brust auf. Die Polizei sperrte die Kreuzung der Wolfratshauser- mit der Boschetsrieder Straße. Die Einsatzkräfte zogen sich so weit zurück, dass Abdulatit A. sie nicht mehr sehen konnte. Es begann ein Nervenkrieg, der bis in die späte Nacht dauerte.

„Er ging ständig hin und her, bis er sich gegen 22 Uhr in die Führerkabine des Krans zurückzog“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Behr: „Wir konnten aber nicht sehen, was er da macht oder ob er schläft.“ Da keine Scheinwerfer das Geschehen erleuchteten, konnten drei Polizisten des Sondereinsatzkommandos (SEK) unbemerkt auf den Kran klettern und bis zur Kabine vordringen. Behr: „Dort wurde der Mann überwältigt.“ Da war es 23.45 Uhr! Abdulatit A. wehrte sich mit Händen und Füßen, doch den Beamten gelang es, ihn zu fesseln. Dann wurde er mit dem Feuerwehrkran auf den Boden gebracht. Von dort aus brachten ihn Sanitäter in die Psychiatrie nach Haar.

Bei dem Handgemenge zogen sich die Polizisten blaue  Flecken zu. Behr: „Einer blieb an einem Metallstück des Krans hängen und erlitt eine Fleischwunde,  die genäht werden musste.“ A. wurde wegen Körperverletzung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Nötigung angezeigt. Ihn erwartet ein Verfahren. Wie lang er in der Psychiatrie bleiben muss, ist unklar. Auf das Asylverfahren hat das laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge keine Auswirkungen..

Nach Angaben der Polizei hatten Bauarbeiter den Mann in der Früh um 7 Uhr auf dem Kran entdeckt. Wie lange er tatsächlich schon auf dem Kran stand, war nicht sicher. Im Laufe des Tages waren dann Polizisten auf einem Kran beziehungsweise auf einer Hebebühne zu dem Mann vorgedrungen und hatten per Zuruf versucht - es war ein Dolmetscher vor Ort - mit dem Syrer zu sprechen. Doch daraufhin hatte der Mann gedroht: "Wenn Ihr näher kommt, dann springe ich!" Wann immer sich Beamte oder der angeforderte Psychologe näherten, verletzte sich der Mann selbst mit einer Rasierklinge und näherte sich immer weiter dem Abgrund. 

Auch Sicherungsmaßnahmen unter dem Kran gestalteten sich schwierig: Der Wind hatte den Kran am späten Vormittag über ein Hausdach gedreht, sodass die Einsatzkräfte zunächst kein Luftkissen darunter auslegen konnten, wie eine Kollegin vor Ort berichtete.

Wegen Asylantrag: Syrer will vom Kran springen

Gegen 14 Uhr war der Mann kurzzeitig zurück Richtung Führerhaus geklettert. Per Seil und Turnbeutel hatte er ein Handy bekommen, damit er seinen Anwalt anrufen konnte. Zuvor hatte er in Aussicht gestellt, anschließend vom Kran herunter zu klettern - was er dann aber doch nicht tat.

Die Polizei hatte sich darauf eingelassen, weil die Gespräche ins Stocken geraten waren. Polizeisprecher Christoph Reichenbach sagte am Montagnachmittag: "Er rückt von seinen Forderungen nicht ab." Augenzeuge Nobert S. berichtete, dass sich die Polizei zurückgezogen hatte und die Lage ruhig sei. "Der Mann läuft aber immer wieder auf dem Ausleger herum bei über 30 Grad und das schon seit heute Früh", sagte S..

Unter dem Kran hatte sich seit dem Morgen ein riesiges Verkehrschaos in Thalkirchen gebildet, einige Straßen waren gesperrt worden. Neben den Einsatzkräften von Polizei und Feuerwehr hatten sich auch viele Schaulustige an der Baustelle eingefunden.

Erst vor kurzem haben etwa 50 Asylbewerber am Rindermarkt in München durch einen Hungerstreik auf sich aufmerksam gemacht.

Bilder vom Hungerstreik am Rindermarkt

Bilder: Asyl-Hungerstreik spitzt sich zu

So läuft der Nachzug

Der Asylantrag ist das eine, die Familienzusammenführung das andere. Wir fragten bei Verena Lohwieser vom Bayerischen Flüchtlingsrat nach, wie es um die Chancen für den Syrer und seine Familie steht, in Deutschland zusammen zu kommen. Die erste Frage: Darf der Mann überhaupt in Deutschland bleiben? Lohwieser erklärt: „Da Deutschland derzeit quasi keine Visa für syrische Staatsbürger erteilt, können die Flüchtlinge nur über den Landweg einreisen.“ Und das ist eigentlich illegal, wird aber in der Regel nicht bestraft. Sollte sich allerdings nachweisen lassen, dass der Mann schon in einem anderen EU-Land, in der Schweiz oder in Norwegen war, muss er dort seinen Antrag stellen und Deutschland verlassen. Ist das nicht der Fall, haben Syrer gute Chancen, in Deutschland bleiben zu dürfen. Lohwieser: „Aufgrund der Situation in Syrien werden Flüchtlinge, die in Deutschland Asyl beantragen und in keinem anderen Schengen-Staat registriert sind, derzeit anerkannt.“ Eine Familienzusammenführung sei aber erst nach der Anerkennung möglich und bedeute ein langwieriges bürokratisches Verfahren. Zwar könnten die Behörden der Familie ein Besuchervisum ausstellen, dazu brauchen sie aber einen Bürgen, der finanziell für sie gerade steht. Das kann sich ein Asylbewerber wohl nicht leisten.

Die Lage in Syrien

Mehr als 100.000 Menschen haben beim Bürgerkrieg in Syrien nach UN-Angaben bislang ihr Leben verloren. Im März 2011 gingen die Bürger zunächst friedlich für mehr Demokratie auf die Straße. Die Proteste gegen Präsident Baschar al-Assad entwickelten sich jedoch schnell zu blutigen Kämpfen zwischen Aufständischen und Regierungstruppen. Assad will den Aufstand weiter mit Gewalt niederschlagen.

weg/kb/we

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