Unfall am Luise-Kiesselbach-Platz

Mutter: Nickis Tod zerreißt mir das Herz

+
Regina M. (58) vor dem Adventskranz.

München - Vor neun Monaten hat Regina M. ihre Tochter Nicki bei einem Unfall verloren. Für ihre Enkelin Leoni (4) muss sie weiter stark sein. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit der Familie.

Wenn die kleine Leoni (4) für ihre Rolle als Engel im Kirchen-Krippenspiel probt, strahlt sie. Ihre Oma, Regina M. (58), lächelt zurück. Innerlich aber weint sie. Denn das Weihnachtsfest wird das erste sein, das Leoni ohne ihre Mama und Regina ohne ihre Tochter feiern muss: „Das zerreißt mir das Herz.“

Unten: Nicki wurde im März am Luise-Kiesselbach-Platz von diesem Lkw überfahren. Ihre Ampel zeigte Grün. Nicki hinterlässt eine Tochter (4).

Der Tag, der alles veränderte, ist neun Monate her. Regina ist gerade bei ihrem 400-Euro-Job als Servicekraft, als der Anruf kommt: Ihre Tochter Nicki († 31) ist trotz grüner Ampel am Luise-Kiesselbach-Platz von einem Betonmischer überollt worden und sofort gestorben. Für einen Moment steht für Regina die ganze Welt still.

Nicki

„Ich habe immer gedacht, wenn eines meiner beiden Kinder stirbt, kann ich nicht mehr leben.“ Aber sie muss. Und ihr bleibt nicht einmal eine Stunde Zeit, um wieder zu funktionieren: Daheim wartet schon ihr Mann Josef (66), der Nickis Tochter Leoni mit der Polizei vom Kindergarten abgeholt hat. Nicki war alleinerziehend, der Kindsvater hat Probleme. Von einer Sekunde ist das kleine Mädchen alleine – und die Großeltern sind ihre Ersatzeltern.

"Nickis Tochter hat nur noch Oma und Opa. Am Grab sucht sie ihre Mama"

Kurz vor Weihnachten besucht sie das Grab ihrer Tochter noch öfter als sonst.

Wie schwer der Spagat zwischen der eigenen Trauer und der Fürsorge fürs Kind ist, wird Regina erst nach und nach bewusst. „Ich muss Leoni all meine Liebe und Fürsorge geben. Sie ist traumatisiert genug.“ Manchmal gibt es Augenblicke, da wird das der Oma schmerzlich bewusst. „Wenn Leoni am Grab ihrer Mutter ist, gräbt sie in der Erde – weil sie ihre Mutter sehen will.“ Oft weint die Kleine im Schlaf. Leoni hat außerdem große Verlustängste. „Nur ich darf sie vom Kindergarten abholen. Als einmal mein Mann kam, hat sie gefragt, ob ich tot bin.“

Schwache Momente gesteht sich die Münchnerin selten zu. „Ich weine im Keller. Oder nachts, wenn Leoni schläft. Wenn mir bewusst wird, dass ich noch 14 Jahre für Leoni stark sein muss, bekomme ich Panik.“ Es ist kein Zufall, dass Regina unter starken Rückenschmezen leidet. „Ich habe eine riesige Angst, dass ich mal ins Krankenhaus muss oder aus einem anderen Grund nicht für Leoni da sein kann.“

Noch immer kein Geld von der Versicherung des Unfallfahrers

Die Großeltern plagen zu allem Überfluss auch noch finanzielle Sorgen. Josef M. hat nur eine karge Rente, die fast ganz für die Wohnung in der Nähe des Waldfriedhofs draufgeht. Die beiden bekommen Pflegegeld für die Kleine und 50 Prozent des Kindergeldes. „Bislang haben wir auch Halbwaisenrente bekommen.“

Dann vor ein paar Wochen der Schock: Die Familie erhält ein Schreiben, wonach ihr diese gar nicht zusteht. Sie müssen 1443 Euro zurückzahlen! Regina M.: „Wir haben das Geld schlichtweg nicht!“

"Ich kann nicht mehr. Kann uns denn niemand helfen?!"

10.000 Euro haben die Großeltern für Nickis Beerdigung gezahlt. „Von der Versicherung des Unfallfahrers haben wir noch keinen Cent gesehen.“

Die Großeltern würden Leoni gerne in den Schwimmkurs und zum Skifahren schicken. „Sie soll so viel freudige Momente haben wie möglich.“ Aber auch hierfür reicht das Geld kaum mehr. Regina ist mit ihren Kräften am Ende. „Ich kann nicht mehr. Kann uns denn niemand helfen?!“

In eineinhalb Wochen ist Weihnachten. Leoni freut sich auf das Krippenspiel, auf den leuchtenden Weihnachtsbaum und die Geschenke – das erfüllen ihr die Großeltern auch. Aber die Oma würde sich am liebsten unter der Bettdecke verkriechen. „Das werden die traurigsten Tage meines Lebens.“

Nina Bautz

Auch interessant

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare