Die Stadt steigt ihnen aufs Dach

Sanierung: 90 Jahre altem Schwarzbau droht Abriss

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René G. und Andrea P. vor ihrem Haus in Solln. Die Stadt will einen Rückbau des Dachs.

München - 2005 kauften René G. und Andrea P. einen inzwischen 90 Jahre alten Schwarzbau - zum Schnäppchenpreis. Die Stadt hat keine Einwände. Doch dann begann das Paar, das Haus zu sanieren. Jetzt fordert die Stadt den Abriss.

Es sollte ihr neues Zuhause werden – der Ort, an dem sie gemeinsam alt werden wollten. Doch nun steht René G. (42) und seiner Lebensgefährtin Andrea P. (40) Ärger ins Haus. Genauer gesagt: am Haus. Denn die Lokalbaukommission hat bei einer Kontrolle festgestellt: Das Paar darf das Gebäude in Solln ab März nicht mehr nutzen. Der Abriss droht!

Nach der Sanierung wendet sich das Blatt

Bei dem 1924 errichteten Haus handelt sich um einen Schwarzbau. Die Stadt hatte es nie genehmigt, nur geduldet. Es steht außerhalb der Baulinie und zu nah an den Nachbarn – so wie andere Häuser in der Siedlung auch. Im Jahr 2005 kauften René G. und Andrea P. das 700-Quadratmeter-Grundstück mit Haus (85 Quadratmeter Wohnfläche) für 260.000 Euro von einer Erbengemeinschaft. „Es war ein Schnäppchen, wir waren eigentlich gar nicht auf der Suche“, sagt René G.

Die Hausbesitzer mit den Akten in ihrer Küche  – um etwa sechzig Zentimeter hat René G. das Dach erhöht.

Vor dem Einzug informiert sich der Vater zweier Kinder (11 und 5) bei der Lokalbaukommission. „Solange es keinen Rechtsstreit gibt, dürfen wir in dem Haus wohnen, hieß es.“ Aber: Bauliche Änderungen sind nicht genehmigt, weil die Stadt die Schwarzbauten langfristig loswerden will. Dennoch werkelt der Familienvater an dem Gebäude, reißt sogar Wände heraus – „weil das innen war, hat es aber scheinbar niemand interessiert.“ Das ändert sich, als sich die Familie nach kalten Wintern und hohen Energiepreisen für eine Sanierung entscheidet. „Wir haben den kleinen Anbau in die gesamte Dachfläche integriert und die Dachneigung leicht angepasst. Die Firsthöhe blieb unverändert, nur der Kniestock erhöhte sich zwangsläufig um 60 Zentimeter“, sagt René G. „Mit den beiden direkt angrenzenden Nachbarn war das besprochen – wir hatten schriftliche Erklärungen, dass es keine Einwände zu Lage und Größe unseres Hauses gibt.“

"Wir sollen es auf eigene Kosten abreißen"

Dennoch bekommen die Behörden den Umbau mit – und schicken der Familie ein Schreiben. Darin heißt es: „Die Erteilung einer nachträglichen Baugenehmigung ist nicht möglich.“ Durch den Umbau will die Stadt das Haus nicht länger dulden. Und: „Wenn Sie die Nutzung freiwillig aufgeben und die bauliche Anlage freiwillig beseitigen, vermeiden Sie den Erlass einer kostenpflichtigen Verfügung.“

Mit anderen Worten: „Wir sollen es auf eigene Kosten abreißen“, so René G. Und das, obwohl es innen schick und modern ist. Der Familienvater kann das nicht verstehen. „In unseren Geviert und in der Nachbarschaft gibt es Häuser, die ebenfalls im rückwärtigen Bereich des Grundstücks stehen und sich nicht an der Baulinie orientieren – sie wurden aber trotzdem genehmigt und sind neueren Baujahres.“ Bis zum 28. Februar gibt die Lokalbaukommission der Familie nun Zeit, sich zu dem Fall zu äußern. „Wir hoffen, dass wir doch weiter geduldet werden oder ein Sondernutzungsrecht erhalten. Es geht hier um die Existenz unserer kleinen Familie!“ 

Andreas Thieme

Das sagt das Amt

„Dieses Gebäude in der Reismühlenstraße ist ohne Genehmigung errichtet worden und seit 1954 aktenkundig“, sagt Thorsten Vogel vom Planungsreferat. Die Stadt erließ damals eine Nicht-Einschreitungsverfügung, um die Bewohner nicht obdachlos zu machen. „Es wurde klar geregelt, dass keine neue Baumaßnahmen stattfinden dürfen – auch keine Renovierung, Sanierung, An- oder Ausbauten. Das galt auch für neue Eigentümer. Ihnen war bewusst, dass sie nichts erweitern dürfen.“ Im Jahr 2006 habe es mit der Familie G. darüber ein Gespräch gegeben. „Das städtebauliche Ziel ist, den hinteren Gartenbereich im Geviert frei zu halten“, sagt Vogel. Um Sicherheitsaspekte geht es also nicht. Die Stadt hätte das Haus abreißen können, als die Vorbesitzerin starb – den Besitzerwechsel hatte aber niemand gemeldet. Wie erfuhr die Stadt jetzt vom Umbau? Vogel: „Ich nehme an, dass sich Nachbarn beschwert haben.“ Aktuell sei ein Anhörungsschreiben ergangen. „Nun können die Eigentümer ihre Belange vortragen. Wir versuchen, eine möglichst einvernehmliche Lösung zu erzielen.“

Stichwort: Schwarzbau

Ein Schwarzbau ist ein Gebäude, das von der Stadt keine baurechtliche Genehmigung hat und ohne ihr Wissen errichtet wurde. In der Nachkriegszeit wurden viele Häuser auf diese Weise gebaut – meist aus einem Notstand heraus. „So sind ganze Siedlungen entstanden“, sagt Thorsten Vogel vom Planungsreferat – zum Beispiel die Schwarzhölzlsiedlung in Feldmoching. „Die Stadt war stets bemüht, solche Schwarzbauten nachträglich zu genehmigen.“ Falls ja, konnte der Eigentümer einen entsprechenden Antrag an die Stadt stellen. Falls nein, drohen Rückbau oder gar Abriss.

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