Kein Platz mehr

Zu wenig Fachkräfte! Aufnahmestopp im Altenheim

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Ilse N. (75) kämpft um einen Platz für ihren Gatten in der Pflegestätte St. Elisabeth.

München - Rentnerin Ilse N. kann ihren Ehemann nicht ins Fürstenrieder Altenheim St. Elisabeth bringen. Der Grund: Dort gibt es zu wenig Fachpersonal.

Wenn Ilse N. (75) von ihrem Balkon blickt, schaut sie direkt auf das Pflegeheim St. Elisabeth in Fürstenried. Für die Rentnerin und ihren Ehemann Manfred eigentlich perfekt gelegen. Der Gatte von Ilse N. leidet seit Kurzem an Demenz, muss gepflegt werden. Und so wurde dem Paar auch vor wenigen Wochen ein Platz in der Pflegeeinrichtung versprochen. Nur jetzt gibt’s ein Problem: Die Heimaufsicht hat vor einigen Wochen entschieden, dass die Einrichtung keine Bewohner mehr aufnehmen darf. Warum? Weil es dort zu wenig Fachpersonal gibt!

Der Mangel an Pflegekräften: Nun musste also Münchens erstes Heim deswegen Leute abweisen, und zwar über mehrere Wochen. „Diese Situation ist schlimm für mich“, erzählt Ilse N. traurig. „Da ich gehbehindert bin, wäre es so wichtig gewesen, dass mein Mann in diesem Heim untergebracht wird.“ Nun liegt Manfred vorerst im Fritz-Kistler-Haus – im fernen Pasing. Auch der Leitung des St.-Elisabeth-Hauses tut die Situation leid: „Wir müssen ja eine Fachkraftquote von mindestens 50 Prozent in unserer Einrichtung haben“, so Chef Manfred Kotarba. „Da wir im Moment keine Fachkräfte finden und sich zwei Pfleger selbstständig gemacht haben, sind wir unter diese Quote gerutscht – die Folge war der freiwillige Aufnahmestopp.“ Heißt, dass die Einrichtung zwar ihre Bewohner weiter versorgen, aber keine neuen aufnehmen darf. Eigentlich wird dies meist bei schlechter Pflege angeordnet. Im Sankt Elisabeth werden die Bewohner aber gut versorgt.

Die irre Pflegesituation, wo soll sie noch hinführen? Nach Statistiken fehlen in Deutschland in gut zwei Jahren knapp 40 000 Pflegekräfte. Gleichzeitig wird die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2020 um ein Drittel steigen. Allein in Bayern sind dann gut 411 000 Menschen zu versorgen. Von wem? Das fragt sich auch Heimleiter Manfred Kotarba. „So schlimm wie im Moment war’s noch nie. Wir müssen entweder selber Kräfte ausbilden oder auf ausländische zugreifen.“ Fakt ist aber auch: Der Beruf der Pflegekraft ist anstrengend, geht mit großen Belastungen einher. Erst gestern gab die AOK eine neue Studie heraus, die zeigt, dass immer mehr Pfleger an psychischen Erkrankungen leiden (siehe unten). So manche werfen da natürlich auch nach ein paar Jahren hin. Kotarba: „Es ist wirklich zum Verzweifeln.“

Immerhin: Für Ilse N. und ihren Manfred gab es gestern gute Nachrichten. In Kürze – möglicherweise schon in der kommenden Woche – wird der Aufnahmestopp für das Elisabeth-Heim aufgehoben, da neue Fachkräfte gefunden wurden. Dann kann Ilse ihren Mann endlich besuchen …

G. Barrios, A. Geier

AOK-Studie: Immer mehr Altenpfleger sind krank

Keine Frage, der Beruf der Pflegekraft ist kein Zuckerschlecken: Das ständige Heben der Patienten, der Dauerstress, dazu das Leid vieler Schwerkranker. Eine neue Studie, die die AOK gestern vorstellte, zeigt: Der Krankenstand der Beschäftigten in bayerischen Pflegeheimen ist um mehr als 40 Prozent höher als der Durchschnitt der Beschäftigten aller Branchen.

„Der Krankenstand in der Pflegebranche hat mit fast 6,3 Prozent im letzten Jahr den höchsten Stand seit 2008 erreicht“, sagte Hubertus Räde, der stellvertretende Vorsitzende des AOK-Vorstandes, gestern bei einer Pressekonferenz. Die meisten Fehltage gibt es hierbei übrigens wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen (23,7 Prozent) und psychischer Störungen (15 Prozent – siehe Grafik unten). Heißt: Die seelische Belastung wird für immer mehr Pflegekräfte zum Problem, so die AOK-Experten. Ein trauriger Trend, gegen den etwas unternommen werden muss, so Räde: „Es kann nur gut gepflegt werden, wenn das Pflegepersonal selbst gesund und motiviert ist.“ Daher bietet die AOK nun Trägern an, die Belastung des Personals in ihren Einrichtungen analysieren zu lassen – um dann Mängel zu beseitigen.

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