OB sorgte für Aufbruchstimmung

"Rama dama": Heute vor 50 Jahren starb Thomas Wimmer

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Ging beim "Rama dama" mit gutem Beispiel voran: Thomas Wimmer.
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Die Gedenktafel am Ostfriedhof.
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Regisseur Joseph Vilsmaier.
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Eine Szene aus dem Film "Rama dama"

München - Würde der Wimmer Damerl heute leben, wäre er wohl sowas wie ein politischer Popstar. Ein Guttenberg, nur ohne Allüren und Gelfrisur – und ohne tiefen Fall. Die tz ehrt Thomas Wimmer zu seinem 50. Todestag!

Würde der Wimmer Damerl heute leben, wäre er wohl sowas wie ein politischer Popstar. Ein Guttenberg, nur ohne Allüren und Gelfrisur – und ohne tiefen Fall. Die Münchner verehrten und liebten Thomas Wimmer auch abseits der SPD-Klientel. Die Aktionen des Münchner Oberbürgermeisters der Jahre 1948 bis 1960 sind legendär. Er hat das „Rama dama“ erfunden. Auch, dass das Stadtoberhaupt das erste Fass auf der Wiesn anzapft, geht auf ihn zurück. „So an Wimmer kriang ma nimma“, sagt der Münchner Volksmund. Heute vor 50 Jahren ist der Alt-OB verstorben, kurz nach seinem 77. Geburtstag und vier Jahre, nachdem er die Amtskette an Hans-Jochen Vogel übergeben hatte. Die tz erinnert an den Wimmer Damerl und hat mit zwei Zeitzeugen gesprochen: Thomas Seehaus, dem einmillionsten Bürger Münchens, für den Wimmer die Patenschaft übernommen hatte. Und mit Regisseur Joseph Vilsmaier, der 1991 den Film „Rama dama“ gedreht hat.

Was er alles für München tat

 Thomas Wimmer war bekannt für seine direkte, hemdsärmelige, pragmatische Art. Am 7. Januar 1887 erblickte er in Siglfing, das heute zu Erding gehört, das Licht der Welt. Die Sozialdemokratie war seine Heimat. Sechs Wochen wurde er von den Nazis im KZ Dachau eingesperrt. Nach dem Krieg setzten die Amerikaner am 4. Mai 1945 Karl Scharnagl, den späteren Mitbegründer der CSU, als OB ein. Wimmer war zunächst 3., später 2. Bürgermeister.

Bilder: "Rama dama! München nach 1945"

Bilder: "Rama dama! München nach 1945"

Am 30. Mai 1948 durften die Bürger selbst den ersten Stadtrat bestimmen. Die SPD siegte und am 1. Juli war Wimmer am Ziel. 1952 und 1956 erhielt er bei den ersten Direktwahlen zum OB 61 bzw. 58 Prozent. 1960 dankte er ab, am 18. Januar 1964 erlag er einem Herzleiden. Zehntausende Münchner nahmen am aufgebahrten Sarg im Ehrensaal des Rathauses Abschied von ihrem Damerl, so wie von einem geliebten Opa. Seine größten politischen Entscheidungen und Aktionen wirken bis heute nach bzw. sind unvergessen.

Die Holzaktion

Die Kohleversorgung war nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zusammengebrochen. Die kalten Winter drohten in München zur Katastrophe zu werden. Wimmer sorgte dafür, dass trotz diverser bürokratischer Hürden zwischen September 1945 und April 1946 sage und schreibe 560 000 Ster Holz beschafft und verteilt wurden. Für das Fällen wurden auch 500 ehemalige Nazis herangezogen. Wimmer schaffte so, dass die Münchner in der Not zumindest nicht frieren mussten.

Rama dama

„Wenn der Dreck nicht wegkommt, kann doch keiner dran denken, irgendwo wieder aufzubauen“, meinte Wimmer. 1949 griff er selbst zur Schaufel, als er zum „Rama dama“ aufrief. Lasst uns die Trümmer des Krieges wegräumen, gemeinsam! Eine unglaubliche Aufbruchstimmung erfasste die zerbombte Stadt. Der Grundstein für eine glorreiche Zukunft im Nachkriegs-München war gelegt.

O'zapft is!

Wer feste arbeitet, der soll auch Feste feiern. 1950 fand in München das zweite Oktoberfest nach dem Krieg statt. Und am 16. September stach mit Wimmer erstmals ein Stadtoberhaupt im Schottenhamel-Zelt das erste Fass an. Mit den Worten, die man heute in aller Welt kennt: „ Ozapft is!“ Wimmer brauchte dazu allerdings 17 (!) Schläge. Den Rekord hält der heuer scheidende OB Christian Ude – mit zwei Schlägen.

Keine Stadt-Autobahn

Auch, dass die Innenstadt das heutige, liebenswerte Gesicht hat, geht auf Wimmer zurück. Als in den Jahren des Wirtschaftswunders diverse deutsche Metropolen Schneisen mit mehrspurigen Autobahnen durch die Stadt zogen, sträubten sich bei Wimmer da sämtliche Haare. Er ließ seinem damaligen Rechtsreferenten, einem gewissen Hans-Jochen Vogel, nach einer Tagung zum Thema Autos im Herzen der Stadt wissen: „Wenn’s gar nicht mehr durchkommen, dann bleiben’s einfach stehen mit ihren Stinkkarren und dann werden’s auch vernünftig!“ Seitdem fahren die Autos auf dem Mittleren Ring um das Zentrum herum.

Heute, Samstag, um 11 Uhr legt OB Christian Ude an Wimmers Grab auf dem Ostfriedhof einen Kranz nieder (Treffpunkt vor der Aussegnungshalle). Und am Sonntag ist von 11 bis 13 Uhr im Festsaal des Alten Rathauses eine Matinée. Es sprechen Michael Lerchenberg, Ilse Neubauer und Christian Springer.

Stolzer Patenonkel des millionsten Münchners

Der große Wunsch von OB Thomas Wimmer erfüllt sich am 15. Dezember 1957 um 15.45 Uhr. „Hoffentlich wird’s koa Zugroasta“, bangt das Stadtoberhaupt, als es darum geht, wer der Einwohner mit der Nummer 1 000 000 sein sollte. Tatsächlich macht ein waschechtes Münchner Kindl die Stadt zum Millionendorf: Thomas Seehaus, Sohn des Pasinger Kaminkehrers Hubert und dessen Frau Brigitte. Wimmer übernimmt die Patenschaft für den Buben, die Eltern taufen ihn auf den Namen des OB. Zum Todestag hat die tz Seehaus daheim besucht.

Obwohl er noch ein kleiner Bub mit sechs Jahren ist, als Wimmer 1964 einem Herzleiden erliegt, sind die Erinnerungen bis heute sehr präsent. „Er war ja wie ein Opa für mich“, sagt er. Und auch für Wimmer ist der millionste Münchner nicht ein einmaliger Werbegag. Er hält regen Kontakt. „An Geburtstagen, zu Weihnachten und Ostern kam es zu gegenseitigen Besuchen“, erinnert sich Seehaus. „Auch auf der Wiesn waren wir oft dabei.“ Die Faszination, die von diesem Mann ausgegangen ist, bleibt auch dem kleinen Damerl nicht verborgen. „Und dass er so normal geblieben ist.“ Einmal war Wimmer bei ihnen in Pasing und hat seinen Hut vergessen. Auf dem Weg hat er es bemerkt. „Er hat seinen Fahrer zurückgeschickt und ist einfach mit der Tram ins Rathaus gefahren.“

Seehaus wohnt heute draußen in Olching, beruflich hatte er aber immer einen engen Draht zur Stadt. Der Telekom-Techniker war jahrelang für das Telefon- und Handynetz auf der Wiesn verantwortlich.

„Rama dama“: Ein Spruch wird zum Film

Eine Szene aus dem Film "Rama dama"

Über 40 Jahre, nachdem Thomas Wimmer zum „Rama dama“ aufgerufen hatte, wurde sein Ausspruch zum Titel eines Kinofilms, der die Herzen der Deutschen berührte. Regisseur Joseph Vilsmaier beschreibt im Jahr 1991 darin das harte Leben der allein gelassenen Mütter nach dem Zweiten Weltkrieg und das Schicksal der Trümmerfrauen in der zerstörten Stadt.

Vilsmaier ist selbst ein Kriegskind, wurde 1939 in München geboren und erlebte, wie das Haus seiner Familie in Thalkirchen ausgebombt wurde. Auch an Thomas Wimmer kann er sich gut erinnern. „Ich habe damals als junger Mann die Reden am Marienplatz gehört“, sagt Vilsmaier zur tz. „Das war ein faszinierender Mann, sehr sympathisch und so, wie man sich eigentlich einen Opa wünscht.“

Leider hat Vilsmaier ihn nie persönlich kennengelernt. „Da war der Altersunterschied ein bisschen zu groß“, sagt Vilsmaier, der am kommenden Freitag 75 wird. Wimmer wäre heute 127 Jahre alt.

Für Vilsmaier ist Wimmer aber nach wie vor einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der Stadt: „Einer der bescheidendsten, aufrichtigsten und bedeutensten Politiker, die es in Bayern je gab.“ Einer mit einer filmreifen Lebensgeschichte.

 

1949: Das "Rama dama"

Stefan Dorner

 

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