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Tiere aus Armut ausgesetzt - jetzt spricht das Frauchen

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Alles wieder gut: Susanne K. (51) mit Dackel Senta und Kater Whity.
Alles wieder gut: Susanne K. (51) mit Dackel Senta und Kater Whity. © Sigi Jantz

München - Nur ein Mensch, der ein Tier von Herzen liebt, kann ihre große Not ermessen.

Im Zustand tiefster Verzweiflung setzte Susanne K. (51; Name der Redaktion bekannt) aus Johanneskirchen die einzigen Wesen aus, die sie noch hat auf der Welt: Ihre 14 Jahre alte Hündin Senta und das Katerchen Whity (5). Weil sie kein Futter mehr hatte für ihre Tiere. Und auch nicht mehr das Geld, um mit den beiden im Bus ins Tierheim zu fahren. Drei Tage weinte sie sich daheim die Augen aus dem Kopf, bis Sigrid Karger vom Münchner Tierschutzverein am Samstag an ihre Tür klopfte. Happy End in einem Fall, der Hunderte tz-Leser zu Tränen rührte, eine Welle der Hilfsbereitschaft auslöste und wieder zusammenführte, was doch zusammengehört.

Die Überwachungskamera im Bankomaten-Raum der Sparkasse am Fritz-Meyer-Weg (Johanneskirchen) filmte Donnerstagfrüh eine Frau, die mit Katzenkorb und Hund an der Leine den Raum betrat. Ein letztes Mal strich sie dort tränenübertrömt das graue Köpfchen ihrer alten Dackeldame. Dann lief sie schnell davon. Um 5.12 Uhr hörte eine Passantin das Winseln des Hundes. So wurden die Tiere gefunden und mit ihnen der schriftliche Hilferuf: „Verzeiht mir!“ (tz berichtete).

Die Polizei wertete die Videobilder aus. In der Bank kannte man Susanne K. und ihren Hund. So war sie rasch identifiziert. Am Samstag fuhr Sigrid Karger, Mitglied im Vorstand des Münchner Tierschutzvereins, einfach zu der Verzweifelten „Ich bin vom Tierschutzverein. Ich möchte Ihnen helfen“, sagte sie zu der offensichtlich verzweifelten Frau, deren Augen vom Weinen ganz verquollen waren.

Unter Tränen schilderte Susanne K. ihre große Not. Sie stammt aus der Nähe von Dresden, lebt seit der Trennung von ihrem Mann ganz alleine in einer kleinen Hochhaus-Wohnung. Sie hat keine Arbeit, keine Freunde, muss nach Abzug aller Kosten mit 160 Euro im Monat auskommen. Die Tiere jedoch gaben ihr immer Halt. Hündin Senta hatte sie im Mai 1995 knapp vor dem Ertränken bewahrt: „Kinder hatten alle ihre Geschwister schon im Bach ersäuft.“ Senta dankte es ihr mit lebenslanger, bedingungsloser Liebe. Und Kater Whity übernahm sie vor fünf Jahren von einer Nachbarin.

Am Mittwoch jedoch schlug alles über Susanne zusammen. Kein Geld mehr, die Einsamkeit, die bevorstehende Scheidung, die hungrigen Tiere, der leere Kühlschrank. Und vor allem die Scham über ihre Hilflosigkeit: „Es war eine Kurzschlusshandlung aus Liebe. Es fällt mir so schwer, um etwas zu bitten. Da dachte ich, bei anderen Menschen geht’s den Tieren vielleicht besser.“ Ein großer Fehler. Das wurde ihr klar: „Ich hatte solche Sehnsucht nach den beiden, Ich habe tagelang nicht mehr geschlafen.“ Am Samstag war sie so verzweifelt, dass sie an Suizid dachte. Da klingelte Frau Karger...

Eine Stunde später wurde die ganze Tierheimbelegschaft Zeuge des rührenden Wiedersehens. Whity maunzte laut und warf sich gegen das Gitter. Und die fast blinde Senta sprang begeistert von ihrem Kissen, dass sie seit Tagen kaum verlassen hatte. Sie tanzte, sie quietschte – vor lauter Glück. Vergessen die Apathie der letzten Tage, das ständige Fiepen, der flehende Blick, der ins Herz schnitt.

Beim tz-Besuch am Sonntag war die Welt wieder in Ordnung für Susanne K. und ihre Tiere. Senta hat wieder ihren Lieblingssessel bezogen, Whity streicht selig um Susannes Beine. Und das Frauchen? „Die große Anteilnahme hat mich sehr berührt. Ich möchte allen von Herzen danken“, sagte sie und brach vor lauter Freude wieder in Tränen aus. Die Trauer, die Angst ist wie weggeblasen. Sie möchte so gerne wieder arbeiten – im Tierladen, in einer Küche … Zum Abschied sagte sie an der Tür: „Ich bin wieder glücklich.“ Wir auch, liebe Susanne. Wir auch.

So können Sie helfen - Tierheim sammelt Geld, um solche Schicksale zu verhindern

Das Schicksal von Susanne K. und ihren Tieren ist schon lange kein Einzelfall mehr. Immer häufiger kommen todunglückliche Menschen ins Münchner Tierheim, die ihre Tiere abgeben müssen. An der Leine der alte Hund, im Korb das kränkliche Kätzchen. Es bricht ihnen das Herz. Doch sie wissen keinen Ausweg mehr. Ihnen soll nun mit Spenden geholfen werden.

„Das Geld für das Futter ihrer Tiere bringen viele noch gerade so auf. Zudem gibt es in München jetzt die Tiertafel. Doch sobald die Haustiere krank werden, ist es vorbei,“ berichtet Tierheim-Sprecherin Beate Eteläkoski bedrückt. „Eine aufwändige Behandlung beim Tierarzt können sich Menschen in finanziellen Zwangslagen nicht mehr leisten. Das trifft häufig alte Tiere wie Senta, die vor lauter Kummer den Lebensmut verlieren.“

Oft sind es Rentner, die auf diese Weise ihren letzten Freund und Halt verlieren. Und immer häufiger kommen auch Familien und Arbeitslose, die bei der Abgabe bittere Tränen vergießen. Eben Menschen wie Susanne K., die ihre Tiere nun behalten kann, weil sie jetzt Futterspenden bekommt und einen Tierarzt-Termin im Tierheim hat. Bezahlt wird das aus einen Spenden-Fonds, den das Tierheim extra für diesen Zweck bei der Stadtsparkasse eingerichtet hat.

Spendenkonto: 113 103 253; BLZ: 701 500 00, Stichwort: Senta und Whity.

Quelle: tz

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