Kranke Zootiere in Hellabrunn

Von Arthrose bis Zahnweh: Die Zipperlein der Tierpark-Bewohner

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„Die dürfen auch mal klappriger aussehen“: Tierärztin Christine Gohl mit zwei Trampeltieren. Sultan (r.) macht eine Arthrose zu schaffen.

Im Zoo werden Tiere oft besonders alt. Das bringt so manche Krankheit mit sich: von A wie Arthrose bis Z wie Zahnweh. Tierärztin Christine Gohl erklärt, wie manbetagten Bewohnern in Hellabrunn  ein gutes Leben bereitet.

München - Sultan (20) hat eine beginnende Arthrose im Fußgelenk, das Aufstehen fällt ihm schwerer als früher. Bruno (48) ist wetterfühlig, hat ein schwaches Herz und wohl Laktoseintoleranz. Das Trampeltier und der Orang-Utan leben im Tierpark Hellabrunn und plagen sich mit den Folgen des Alters.

„Jeder hat seine Schwachstelle“, sagt die Leitende Tierärztin in Hellabrunn, Christine Gohl. „Beim einen ist es ein Magen-Darm-Problem, beim anderen sind es eher Gelenkbeschwerden, der Dritte hat ein schlechteres Immunsystem und bekommt eher mal einen Infekt.“ Großkatzen haben im Alter eher mal Nierenprobleme, alte Elefanten haben häufig stark abgenutzte Zähne und müssen dementsprechend anders gefüttert werden.

Zootiere werden oftmals älter als wilde Vettern

Altersbedingte Erkrankungen treffen Tiere im Zoo eher als in freier Wildbahn, denn sie werden älter. Kein Wunder, „wenn man 24 Stunden Vollpension hat“, es gute Pflege gibt und keine Gefahr durch Fressfeinde droht, sagt Gohl. Der Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) verweist auf eine Studie aus 2016 zu 50 Säugetierarten: Bei 84 Prozent von ihnen lebten die Zootiere länger als ihre wilden Vettern.

Der VdZ macht aber auch deutlich, dass die Kenntnisse über die Bedürfnisse gerade exotischer Tiere lange äußerst bescheiden waren. So habe der erste Gorilla auf deutschem Boden im Berliner Aquarium Unter den Linden 1876 eine Diät aus Frankfurter Würstchen, Käse, Stullen und Weißbier bekommen. Das hielt er gerade mal 16 Monate aus.

Die älteste Kuh in Hellabrunn: Steffi (r.) ist 51 Jahre alt und braucht individuelle Pflege und Fütterung.

Europaweite Haltungsrichtlinien für Zootiere

Inzwischen gibt es europaweite Haltungsrichtlinien für Zootiere. Für spezielle Wehwehchen ihrer Patienten finden die Ärzte und Pfleger im Münchner Tierpark individuelle Lösungen: Elefantenseniorin Steffi ist 51 und liegt beim Schlafen mit Vorliebe auf der linken Seite. Eine Druckstelle an der Schläfe zeugt davon. Mit aufgeschütteten Sandhaufen ermöglichen es ihr die Tierpfleger, optimal liegen und aufstehen zu können. Steffi kann auch nicht mehr so gut kauen. Nach dem fünften und letzten Zahnwechsel können Elefanten weichere Kost besser kauen und benötigen eine individuell angepasste Futterration, wie die Fachtierärztin für Zoo-, Gehege- und Wildtiere erklärt.

„Allgemein können alte Tiere auch nicht mehr so schnell fressen“, sagt Gohl. In der Natur ziehen sie beim Kampf ums Futter oft den Kürzeren. Im Zoo werden diese Tiere zum Fressen separiert, um ihnen die nötige Ruhe zu geben. Anderen wird der Trog mehrmals am Tag gefüllt.

Orang-Utan Bruno ist offenbar laktoseintolerant

Mit Allergien haben die Tiere in Hellabrunn eigentlich kaum zu kämpfen. Trotzdem hatte Orang-Utan Bruno immer mal wieder Verdauungsprobleme. Die Experten stellten per Ausschlussverfahren fest, dass der Affe vermutlich laktoseintolerant ist. Nun ist ein speziell für Primaten hergestellter, laktosefreier Futterbrei Teil seiner täglichen Ration.

Untersuchungen und Behandlungen sind bei Wildtieren oft aufwendiger als bei Haustieren oder Menschen, weil sie für die direkte Behandlung oftmals erst betäubt werden müssen. Bösartige und akut verlaufende Tumorerkrankungen werden in der Wildtiermedizin oft erst bei der standardmäßig durchgeführten pathologischen Untersuchung des Tierkörpers festgestellt. Obwohl man beim betagten Giraffenbullen Togo glauben konnte, er sei aus Kummer über den Tod seiner langjährigen Lebensgefährtin Kabonga zehn Tage später gestorben, wurde unter anderem ein Karzinom im Darm festgestellt.

Hat’s an der Verdauung: Orang-Utan Bruno.

Giraffenkuh Kabonga musste eingeschläfert werden

Kabonga hatte über längere Zeit altersbedingte Gelenkprobleme gehabt. „Sie konnte zunehmend schlechter laufen und hat sich zuletzt nur wenig hingelegt“, sagt Gohl. Am Ende schläferten die Veterinäre die Giraffenkuh ein. „Der behandelnde Tierarzt hat die Verantwortung und die Pflicht, nach tierschutzrechtlichen Aspekten die Entscheidung zu treffen, ein nicht mehr heilbares Tier zu erlösen.“

Der Deutsche Tierschutzbund mahnt eine verhaltensgerechte Unterbringung von Tieren an. Das sei gerade bei Exoten wie Tigern, Giraffen und Eisbären häufig kaum möglich. „Denn die Tiere haben sehr spezielle Ansprüche an Klima, Futter oder an die Gehegeeinrichtung“, heißt es beim Tierschutzbund. Verhaltensgerecht sei nicht mit der Abwesenheit von Schmerzen, Leiden oder Schäden gleichzusetzen. Vielmehr gehe es um Grundbedürfnisse wie Nahrungserwerb, Eigenkörperpflege, Ruhe- und Sozialverhalten.

Ältere Tiere sind wichtig für die Gruppe

„Für uns ist wichtig, dass ältere Tiere Lebensqualität und Spaß haben und fit genug für die Gruppe sind“, sagt Gohl. Die Gruppe sei für ältere Tiere wichtig - und ältere Tiere für die Gruppe. Sultan etwa wirke beruhigend auf ungestüme junge Trampeltiere. Elefantendame Steffi führe als älteste Kuh die Herde an. „Ich bin stolz auf unsere alten Tiere“, sagt Gohl. „Die dürfen auch mal klappriger aussehen.“

Steffi liefert zugleich den Beweis, dass mit steigendem Alter nicht alles nur schlechter wird und eine ausprägte Lernfähigkeit besteht: Von klein auf hat sie einen gelähmten Rüssel, kann ihn nicht wie andere Elefanten aufrollen, sondern schleudert sich Heu ins Maul. Daher hat sie über Jahrzehnte vom Boden gefressen und die Futterkörbe in luftiger Höhe ignoriert, wie Gohl berichtet. Mit dem Umzug in das im Herbst eröffnete Elefantenhaus habe Steffi nun eine Technik entwickelt, bei der sie den Rüssel am Gestänge des Futterbaums anlehnen und doch Leckerbissen aus dem Korb fischen kann.

40 Jahre alt ist Braunbärin Olga mittlerweile.

Tierpark Hellabrunn als beliebtes Reiseziel

Der Tierpark Hellabrunn ist nicht nur bei den Münchnern und den Bewohnern des Umlands beliebt. Von ausländischen Touristen wurde er gerade auf Platz neun der beliebtesten 100 Sehenwürdigkeiten in Deutschland gewählt. Mit diesem Ergebnis nimmt Hellabrunn den ersten Platz im Großraum München und bayernweit den dritten Platz hinter Schloss Neuschwanstein und Rothenburg ob der Tauber ein. Die aktuelle Befragung hat die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) durchgeführt

Sabine Dobel

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