Wird der mysteriöse Fall neu aufgerollt?

Tochter des Badewannen-Mörders: "Er ist unschuldig"

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Cindy R. zeigt ein Foto ihres Vaters mit dessen Sohn aus zweiter Ehe. Sie glaubt fest daran, dass er zu Unrecht wegen Mordes verurteilt worden ist.

München - Ihr Vater ist wegen Mordes verurteilt worden. Doch sie glaubt fest an seine Unschuld! Cindy R. (27) ist die Tochter von Manfred G. (54), der Ende Oktober 2008 eine Seniorin in der Badewanne ertränkt haben soll.

Das Münchner Landgericht sprach ihn trotz Zweifeln schuldig, er bekam lebenslang. Seit viereinhalb Jahren sitzt er im Gefängnis.

„Aber unsere Familie hat nie aufgehört, für Papa zu kämpfen“, sagt seine Tochter. Sie will den Mordfall wieder aufrollen lassen, damit ihr Vater nachträglich freigesprochen wird. In der tz erzählt sie ihre dramatische Geschichte.

Manfred Genditzki erhielt eine lebenslange Haftstrafe.

Als Manfred G. im Februar 2009 verhaftet wird, ist seine Tochter wie gelähmt. „Für uns ist eine Welt zusammengebrochen. Mein Vater wurde von einem Tag auf den nächsten aus unserem Leben herausgerissen“, sagt Cindy. Sie ist gerade 20 Jahre alt, als die Polizei in ihrer Wohnung in Haar klingelt. „Da erfuhr ich zum ersten Mal, dass mein Vater eine Frau ermordet haben soll. Der Vorwurf war ein Schock. Die Beamten hatten gleich einen Durchsuchungsbeschluss dabei.“  Die Tote kennt sie selbst. „In der Wohnanlage, wo sie lebte und mein Vater Hausmeister war, habe ich meine Kindheit verbracht. Als Frau K. am 28. Oktober 2008 starb, erzählte mir mein Vater davon und sagte noch, dass er sie aus dem Krankenhaus abgeholt hatte. Das war ergreifend für mich, noch mehr aber für meinen Vater. Denn er besuchte sie fast täglich und betreute auch ihren Mann. Ihm versprach Papa noch am Sterbebett, sich um seine Frau zu kümmern.“

Nach ihrem Tod ändert sich auch das Leben von Manfred G.! Ihn sah die damals erst 20-jährige Cindy eigentlich jedes Wochenende, fuhr dafür von Haar nach Rottach-Egern. „Erst nach vier Monaten U-Haft durften wir ihn in der JVA Stadelheim besuchen, vorher war Kontaktsperre. Er litt sehr unter dem Mord-Vorwurf, ich erkannte ihn kaum wieder. Ich konnte mir vorher nicht vorstellen, dass jemandem so eine Ungerechtigkeit passieren kann.“

Der eigene Vater ein Mörder? Das kann und will Cindy nicht glauben – und beschließt, für ihn zu kämpfen. „Als mein Vater zum ersten Mal verurteilt wurde, suchte ich einen guten Revisionsanwalt und fand ihn in Professor Gunter Widmaier. Ich half ihm bei der Akten-Arbeit und hatte mich schnell eingelesen. Dazu hatte ich an der Berliner Charité ein Gutachten in Auftrag gegeben.“

Dennoch spricht das Landgericht München Genditzki im Januar 2012 erneut schuldig. „Wir waren fassungslos“, sagt Cindy. „Für mich hatte es den Anschein, dass der Staatsanwalt vehement versuchte, alles, was sich im Laufe des Prozesses positiv für meinen Vater ergeben hatte, zu zerschmettern und gegen ihn zu verwenden.“

Mittlerweile sitzt Manfred G. in der JVA Landsberg ein, pro Monat darf ihn die Familie dort zweimal für je zwei Stunden besuchen. „Wir dürfen uns umarmen. Er will wissen, was draußen passiert“, sagt Cindy. „Kürzlich hat er meinen Sohn gemalt. Das hat mich gerührt.“ Denn Manfred G. konnte seinen Enkel noch nicht richtig kennenlernen! Seine Tochter aus zweiter Ehe kam zur Welt, als er schon in Haft saß. „Mein Vater war ein glücklicher, gefestigter Mann“, beschreibt Cindy. „Er hatte einen wunderbaren Job und eine tolle Heimat am Tegernsee. Die Familie hielt zusammen. Da passte alles.“ Bis die Mordanklage sein Leben veränderte!

Nun muss Manfred Genditzki das Wiederaufnahmeverfahren abwarten. „Wir kämpfen weiter, um seine Unschuld zu beweisen.“

Anwältin glaubt an einen Unfall

Anwältin Regina Rick.

Auch Rechtsanwältin Regina Rick glaubt an Manfred G.s Unschuld. Sie gilt als Top-Juristin für komplexe Wiederaufnahmeverfahren, die teils jahrelange Vorbereitung brauchen. „Nach Studium der viele tausend Seiten umfassenden Akten bin ich überzeugt, dass es sich bei der Entscheidung des Landgerichts München um ein Fehlurteil handelt“, sagt die Rechtsanwältin. Denn: „Die Ermittlungsbehörden haben sich auch hier – wie häufig – frühzeitig auf ein Tötungsdelikt und ein hierzu passendes Motiv festgelegt. Obwohl die von den damaligen Verteidigern hinzugezogenen Sachverständigen von einem Unfallgeschehen ausgingen, ist das Gericht den von ihm selbst in Auftrag gegebenen Gutachten gefolgt.“ Und: „Von seiner Überzeugung ist es auch dann nicht abgerückt, als sich das Motiv, welches man zunächst angenommen hatte, als haltlos erwies. Man hat dann ein anderes Motiv unterstellt, für das es aber ebenfalls keinen tragfähigen Anhaltspunkt gibt.“

Der Fall: Verurteilt ohne Beweise

Bis heute beteuert Manfred G. (54) seine Unschuld – obwohl er bereits zweimal wegen Mordes lebenslänglich verurteilt worden ist. Am 28. Oktober 2008 holte der Hausmeister seine greise Nachbarin (87) aus dem Krankenhaus ab. In ihrer Wohnung in Rottach-Egern soll er Lieselotte K. im Streit auf den Hinterkopf geschlagen und in der Badewanne ertränkt haben. Tatsächlich konnte kein Gericht zweifelsfrei klären, was an jenem Tag konkret geschah. Beweise für Genditzkis Schuld gab es nie.

In diesem Haus in Rottach-Egern kam die Witwe ums Leben. War es der Hausmeister?

Im Mai 2010 sprach das Landgericht München II den Verdächtigen aufgrund einer Verkettung von Indizien trotzdem schuldig. Und ordnete lebenslange Haft wegen Mordes an! Dagegen reichte er Revision ein – mit Erfolg! Denn der Bundesgerichtshof hob das Urteil wegen eines Rechtsfehlers auf. Am 7. November 2011 begann der Prozess von vorn, diesmal vor einer anderen Kammer. Aber mit demselben Urteil am 17. Januar 2012: Schuldig des Mordes! Dabei plädierte Revisions-Experte Prof. Gunter Widmaier auf Freispruch. Er fand zahlreiche Details, die die Unschuld von Manfred G. beweisen sollten, vom Gericht aber außer Acht gelassen worden waren. „Er leistete großartige Arbeit“, sagt Cindy R. Im Mai 2012 reichte Widmaier beim Bundesgerichtshof die zweite Revision ein, nachdem er sich zwei Jahre mit dem Fall befasst hatte. Aber der BGH schmettert sie als „offensichtlich unbegründet“ ab. Tragisch: Am selben Tag stürzte Widmaier – und verstarb eine Woche später.

Nun treibt Rechtsanwältin Regina Rick die Wiederaufnahme des Falles voran. Manfred G. Familie kann die enormen Kosten dafür nicht stemmen. Sie ist auf Spenden angewiesen, da sie immer noch die Kredite für den Erstprozess abzahlen muss. Doch sie hoffen alle immer noch auf ein gutes Ende.

Andreas Thieme

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